Humanitärer Super-GAU

L1003315
Nadja Sorina ist geblieben - trotz gefährlicher Strahlung. Foto: Gregor Titze

Ein Vierteljahrhundert nach der Katastrophe von Tschernobyl sind die Folgen des Atomunfalls in der Region allgegenwärtig. Von Thomas Marecek.

 

Die 50.000 Einwohner der Stadt Prypiat schliefen friedlich, als in den frühen Morgenstunden des 26. April 1986 der Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl explodierte. Prypiat liegt nur vier Kilometer vom Kraftwerk entfernt.

 

36 Stunden nach der Katastrophe standen Busse bereit, in denen die Menschen aus der Stadt evakuiert wurden. Dass sie nie wieder in ihre Heimat zurückkehren könnten, war den Einwohnern damals noch nicht bewusst. Prypiat liegt ebenso wie Tschernobyl auf dem Staatsgebiet der heutigen Ukraine und ist jetzt eine Geisterstadt, bewacht von der Miliz, seit einem Vierteljahrhundert dem Verfall preisgegeben.

 

Kampf gegen die Folgen

 

Insgesamt wurden durch den Unfall mehr als 200.000 Quadratkilometer schwer radioaktiv belastet. Rund drei Viertel dieser Fläche befinden sich in drei Ländern: in der Ukraine, in Weißrussland und in Russland (damals alle Teil der UdSSR).

 

Diese Länder sind es auch, in denen das Rote Kreuz seit 1990 gegen die gesundheitlichen, psychischen und sozialen Folgen der Katastrophe ankämpft. Medizinische Teams des Roten Kreuzes fahren mit mobilen Labors in Dörfer, die im kontaminierten Gebieten liegen. Alljährlich werden rund 90.000 Menschen auf Krankheiten untersucht, die durch die nukleare Verstrahlung hervorgerufen werden.

 

„Allen voran sind das Krankheiten der Schilddrüse“, sagt Sergei Boltrushevich. Er arbeitet für die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften, ist in der weißrussischen Hauptstadt Minsk stationiert und dort für das Tschernobyl-Programm verantwortlich. „Viele Menschen in den Dörfern, die wir mit unseren mobilen Labors erreichen, werden erstmals auf Schilddrüsenkrebs untersucht – sie können sich die Anreise zu den Krankenhäusern schlicht und einfach nicht leisten“, so Boltrushevich.


Bis zum heutigen Tag wurden allein von den Rotkreuz-Mitarbeitern mehr als 170.000 Fälle von Schilddrüsenerkrankungen diagnostiziert, mehrere tausend Patienten mussten operiert werden.


Chernobyl Humanitarian Assistance and Rehabilitation Programme – kurz Charp: unter diesem Titel läuft die multinationale Hilfe für die Opfer der nuklearen Katastrophe. Auch das Österreichische Rote Kreuz unterstützt das Programm.

 

Unbewohnbare Dörfer

 

„In Weißrussland und der Ukraine sind die Auswirkungen der Katastrophe noch allgegenwärtig – obwohl 25 Jahre seit dem Unglück vergangen sind“, sagt Max Santner, Leiter der Internationalen Hilfe des Österreichischen Roten Kreuzes.

 

Unlängst hatte Santner die Gelegenheit, die mobilen medizinischen Teams bei ihrer Arbeit in entlegenen Gebieten Weißrusslands zu begleiten. „Ein gutes Drittel der Patienten, die sich untersuchen ließen, war jünger als 20 Jahre“, berichtet er. „Diese Jugendlichen waren zum Zeitpunkt der Katastrophe noch lange nicht geboren. Das verdeutlicht die mittelfristigen Folgen für die Gesundheit – von den langfristigen wissen wir noch nichts, da fehlen schlicht die Erfahrungswerte.“

 

Nach wie vor sind in der Ukraine und in Weißrussland zahlreiche Dörfer unbewohnbar. Eva Marushenko ging es wie tausenden anderen Menschen aus der Region um Tschernobyl: Sie wurde von den Behörden nach Minsk übersiedelt – gegen ihren Willen. „Wir wären lieber im Dorf geblieben - trotz der gesundheitlichen Risiken,“, meint sie noch heute. „Wir vermissen unsere Heimat sehr.“ Schicksale wie jenes von Frau Marushenko sind keine Einzelfälle.

 

 „Dem eigentlichen Unfall folgte ein humanitärer Super-GAU“, sagt Max Santner. „Und die Folgen dieses Super-GAUs sind in der Ukraine und in Weißrussland noch allgegenwärtig.“

Bilder aus Tschernobyl von Gregor Titze

CF019665
Ein "Sarkophag" aus Beton soll verhindern, dass weiterhin radioaktive Strahlung austritt.
CF019647
Einfahrt in die Sperrzone.
socialshareprivacy info icon