Atomwaffen gefährden die öffentliche Gesundheit

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„Schon ein kleiner, lokal begrenzter Atomkrieg würde dazu führen, dass eine Milliarde Menschen verhungern.“ Um die nukleare Bedrohung, die uns umgibt, zu vermitteln, malt Ira Helfand wissenschaftlich fundiert den Teufel an die Wand. Der Autor der Studie „Nukleare Hungersnot“ und Mitbegründer der Organisation „Ärzte gegen Atomkrieg“ (IPPNW) schickt seine Zuhörer auf eine gruselige Gedankenreise. „Stellen Sie sich einen Krieg zwischen Indien und Pakistan vor, in dem etwa 100 Atombomben jede in der Größe der Hiroshima-Bombe explodieren.“

Dieser Krieg würde sofort bis zu 20 Millionen Menschen in den großen Städten des Subkontinents töten und einen Großteil Südost-Asiens mit radioaktivem Fallout bedecken, so der US-Notfallmediziner weiter. „Aber die globalen Konsequenzen wären noch alarmierender“, warnt Ira Helfand anlässlich des Rotkreuz-Seminars „Damoklesschwert Atomwaffen“.

„Nukleare Explosionen lösen Feuerstürme aus, die ganze Städte niederbrennen. Große Mengen an Rauch und Ruß gelangen in die Atmosphäre und absorbieren das Sonnenlicht. Die Folge ist ein dramatischer Rückgang der Lichtmenge, die auf der Erdoberfläche ankommt und dadurch rasch sinkende Temperaturen.“

 

Weltweite Hungersnot

Das Wetter auf der ganzen Welt wäre also durch diesen regionalen Konflikt beeinflusst. Eine aktuelle Studie zeigt, dass über Jahre  hinweg mit einer durchschnittlichen Abkühlung von -1,25 Grad Celsius weltweit zu rechnen wäre. Was klingt wie eine leicht zu verschmerzende Temperaturänderung ist der tiefste und schnellste Temperatursturz seit 120 Jahren.  

„Diese Abkühlung findet innerhalb weniger Tage statt und verkürzt die Anbausaison um bis zu 20 Tage, da in vielen Getreidegebieten der Welt die frostfreien Tage weniger werden.“   

Die Reisproduktion in China würde um 15 Prozent sinken, die Menschheit müsste mit 20 Prozent weniger Mais auskommen und Wintergetreide wäre sogar um 60 Prozent weniger vorhanden.

Die Konsequenz der klimatischen Veränderungen: Bis zu einer Milliarde Menschen könnten weltweit verhungern, so Ira Helfand. „Nuklearwaffen sind kein Sicherheitsthema, sie sind ein Thema der öffentlichen Gesundheit und die größte Bedrohung unserer Gesundheit!“

 

Erbe der Atomtests

Die von Helfand thematisierte humanitäre Dimension von Nuklearwaffen war das Generalthema des Seminars, zu dem das Österreichische Rote Kreuz und das Ministerium für europäische und internationale Angelegenheiten geladen hatten.

Der Österreicher Markus Reiterer beschäftigt sich in der internationalen Kommission (CTBTO), die das Verbot von Atomtests überwacht, unter anderem mit den Nachwirkungen der Tests und warnt: „Atomtests sind verboten. Das Erbe des Testzeitalters ist das Erbe von 2.000 nuklearen Explosionen, die mit Ausnahme von Südafrika und der Antarktis rund um den Globus stattgefunden haben und einem ganzen Rattenschwanz an Folgen haben.“

 

Von gesundheitlichen Auswirkungen für die Menschen, über verstrahlte und unbenutzbare Erde bis hin zur sozioökonomischen Entwicklung in den betroffenen Test-Regionen. Seit den 1960er-Jahren wurden an etwa 60 Orten der Welt Atomtests durchgeführt, das betroffene Areal ist etwa 100.000 km² groß.

Auch der IKRK-Völkerrechtsexperte Louis Maresca ist nach Wien gekommen, um die Bedeutung der Anti-Atomresolution, die die Rotkreuz-Bewegung 2011 verabschiedet hat, zu unterstreichen. „Wie das Österreichische Rote Kreuz kämpft die gesamte Rotkreuz-Bewegung sehr engagiert für die Ächtung von Nuklearwaffen durch ein rechtsverbindliches internationales Abkommen.“

 

Hilfe für Opfer ist unmöglich

Warum sich das Rote Kreuz mit dem Thema Nuklearwaffen beschäftigt, erklärt Bernhard Schneider: „Atomwaffen haben immense Zerstörungswirkung, humanitäre Hilfe für die Opfer ist faktisch unmöglich“, sagt der ÖRK-Bereichsleiter für Recht und Migration. „Schon die Erfahrungen in Hiroshima haben uns gelehrt, dass niemand die Ressourcen für Hilfe in dieser Größenordnung hat und zweitens sind diejenigen, die die Ressourcen zum Einsatz bringen könnten, in aller Regel tot oder selbst betroffen. Wenn den Opfern nach menschenmöglichen Maßstäben nicht geholfen werden kann, muss diese Waffe vernichtet werden.“

Dieses Argument zielt auch für den Abrüstungsexperten Alexander Kmentt vom Außenministerium in die richtige Richtung: „Die atomare Abrüstung muss raus aus diplomatischen Zirkeln und wieder ein Thema der Zivilgesellschaft werden. Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen und den Trugschluss zu beseitigen, dass es nur weil der Kalte Krieg vorbei ist, keine atomare Bedrohung mehr gibt.“ Die Rotkreuz-Bewegung sei der beste Multiplikator in die Bevölkerung. „Der Besitz von Atomwaffen soll für die Staaten eine Belastung werden, niemand soll mehr zu den Atom-Dinosaurieren gehören wollen“, sagt Kmentt.

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