"Gambaru" oder wir schaffen das gemeinsam!

Max Santner, Leiter der internationalen Zusammenarbeit beim ÖRK, befindet sich anlässlich der Weltkonferenz zur Katastrophenvorsorge in Japan. Er berichtet von einer Exkursion in die vom Tsunami 2011 zerstörten Gebiete.

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Schutzmauer gegen Tsunamis
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Rikuzentakata: Wiederaufbau wird erklärt
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Fluchtweg vor Tsunami
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Provisorische Heime: Container-Siedlung

Das 9.0 –Erdbeben, der darauffolgende Tsunami und schließlich der dadurch verursachte SUPER-Gau im Atomkraftwerk Fukujima-Daiichi vom 11. März 2011 hat nicht nur ca. 20.000 Menschenleben gefordert, sondern hat auf Millionen Japaner nachhaltige Auswirkungen:  


In wenigen Minuten wurden in den betroffenen Regionen an der Westküste Japans tausende Familien auseinandergerissen, Kommunen zerstört, wirtschaftliche Kreisläufe unterbrochen und faktisch jeder Bereich gemeinschaftlichen Zusammenlebens auf Jahre entscheidend beeinflusst. Nach einer (verständlichen) Schockphase wurden 2012 und 2013 die Weichen für eine jahrzehntelange Wiederaufbauphase gestellt. 

 

Ehrgeizige Wiederaufbaupläne entlang der Küste und gigantische Entsorgungsszenarien für die Atomruine in Fukijima und begleitende Sozialmaßnahmen werden über Jahre die Volkswirtschaft Japans entscheidend beeinflussen.

 

Höhergelegte Städte


Entlang der Küste von Miyagi, Iwate und Fukujima, den am stärksten betroffenen Präfekturen, wird nun die Infrastruktur (Straßen, Bahnlinien, Häfen, Neuansiedlungen) wieder hergestellt, bzw. verbessert.  Zentraler slogan des Wiederaufbaus ist „to build back better“ , - das Ergebnis sollen bessere Lebensbedingungen als vor der Katastrophe sein, d.h. also die Latte liegt hoch, ist doch Japan eine Gesellschaft mit sehr hoch entwickelter Infrastruktur, Bildungswesen oder auch Gesundheits- und Sozialsystem. 

 

Doch sogar für das Megaprojekt um den stark betroffenen Ort Rikuzentakata, der vom Tsumani völlig zerstört worden ist und wo Berge abgetragen und potentiell gefährdete Küstenregionen um 12 – 15 Meter (!) höhergelegt werden um die Stadt wiederaufzubauen, ist ein Ende des gesamten „Recovery“ - prozesses realistisch planbar.

 

In Anbetracht der Komplexität der Herausforderungen bei der Flächenwidmung, von Eigentums-und Nutzungsfragen und der Klärung unterschiedlicher, technischer Lösungsansätze ist es aber auch verständlich, dass dies noch einige Jahre dauern wird. In der Zwischenzeit leben tausende Menschen in Provisorien, in Containern sind neben der Verwaltung auch Gesundheitsstationen und kleine Unternehmen untergebracht.

 

Pfirsiche aus Fukushima


In der Umgebung des strahlenden Atommeilers ist es faktisch kaum möglich faire Zeitangaben zu machen: Wann und wo können Menschen wieder leben? Wann und wie wird sich die wirtschaftliche Lage verbessern? Was nützt es, dass kontaminierter Boden abgetragen wird? Das sind nur einige der Fragen, die die Menschen täglich beschäftigen und worauf es keine verlässliche Antwort gibt.

 

Viele Menschen haben aufgegeben und sich andernorts in Japan angesiedelt. Andere kämpfen gegen Windmühlen – wie eine einfache Frage eines Bauern aus der Region zeigt: „ Was würdest Du am Markt in Tokio kaufen? Den Pfirsich aus Fukujima oder den Pfirsich aus Kobe - wenn beide nebeneinander liegen?“. Dieses Problem betrifft nicht nur landwirtschaftliche Produkte, sondern auch Metallwaren, Maschinen, etc. Tatsächlich  - völlig irrational – sind eigentlich alle Waren, die aus der Region kommen, von dieser Stigmatisierung betroffen.  

 


In der Region Fukujima ist auch das Japanische Rote Kreuz von dieser Situation stark beeinflusst, v.a. die Betreuung älterer Menschen, die aus ihrer ursprünglichen Umgebung gerissen wurden und ihre sozialen Kontakte oftmals „verloren“  haben, ist ein wichtiger Teil der Arbeit geworden. Weiters sind Freiwillige und MitarbeiterInnen in Kindergärten im Einsatz und – sozusagen als „core business“, des JRC werden Gesundheitseinrichtungen gemanagt.


Der japanische Spirit der gemeinsamen, kollektiven Bewältigung eines katastrophalen Erlebnisses,  ausgedrückt mit dem Begriff „GAMBARU“, was in etwa „wir halten zusammen, wir schaffen das gemeinsam“ bedeutet,  galt nicht nur in der unmittelbaren Katastrophensituation, sondern wird mindestens genauso, wenn nicht sogar mehr denn je – für die nachhaltige Bewältigung der aktuellen Situation von entscheidender Bedeutung sein.

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