Prionen und Proteinfaltungserkrankungen
Forschung aktuell 2/2004
Am 17.12 2003 erinnerten 2 Meldungen in den Medien daran, dass BSE zwar aus den Schlagzeilen verschwunden sind, aber ein Nachlassen der Achtsamkeit keineswegs angezeigt ist. Am 17. 12. 2003 informierte der Gesundheitsminister des UK die Öffentlichkeit über das erste Opfer, das möglicherweise vCJD durch eine infizierte Blutkonserve erworben hat. Der Patient hatte 1996 eine Transfusion von einem klinisch gesunden Spender erhalten, der 1999 an vCJD erkrankte und verstarb (www.thelancet.com). Die Maßnahmen, die im UK getroffen wurden, sind im BMJ-Editorial „Recipients of blood or blood products at ,vCJD risk’“ zusammengefasst (at vCJD risk).
Besonders problematisch bei den geforderten Maßnahmen ist, dass die Beratung wegen der Unsicherheiten (Länge der Inkubationszeit) und weil es bei dieser Erkrankung nach wie vor keine Behandlung mit erwiesener Wirksamkeit gibt ein erhebliches psychologisches Problem darstellt. Es ergeben sich daher auch Probleme bei der 2004 gestarteten prospektiven Studie, die Tonsillen, die im Rahmen des üblichen Routineeingriffs entnommen werden, auf das Vorliegen von PrPSC untersucht. Kann diese Untersuchung noch anonymisiert erfolgen? Was aber soll den Eltern eines Kindes mit positivem Befund gesagt werden, das vielleicht nie erkranken wird? Welche Auswirkungen hat ein solcher Befund auf das Blutspendewesen und angesichts der möglichen Übertragung durch chirurgische oder zahnärztliche Eingriffe auf das Gesundheitssystem?
Letztlich ist aber bei der langen Inkubationszeit von BSE eine Übertragung durch infiziertes Fleisch bei dem oben beschriebenen Patienten ebenfalls nicht auszuschließen. Auch für die Veterinärmedizin ist eine Entwarnung nicht möglich, wurde doch unmittelbar vor Weihnachten der erste BSE-Fall bei einem Rind in den USA bekannt. Dies wurde aber im Gegensatz zur Panik in der EU vor einigen Jahren mit Gelassenheit hingenommen (http://www.medscape.com/viewarticle/466409). Unklar bleibt bei der Lektüre dieses Artikels, warum Österreich zu den Ländern mit „substantial risk associated with BSE“ zählt. Die Testungen des Schlachtviehs in der EU sind wesentlich rigoroser als in den USA, wo bisher aus Kostengründen nur sporadisch getestet wurde. Mit 8. 1. 2004 wurden aber auch dort die Sicherheitsvorschriften verschärft.
Die Übertragung von Krankheiten von Tieren auf Menschen stellt möglicherweise eine zunehmende Gefahr dar – an denke nur an SARS, das Westnilvirus, die Vogelgrippe, aber auch Ebola www.medscape.com). In diesem Zusammenhang sollte nicht vergessen werden, dass auch die Wasting Disease, die bei Elchen vorkommt, zu den TSE zählt. Der aktuelle Review über „Transmissible spongiform encephalopathies“ im Lancet (www.lancet.com 363:51, 3. 1. 2004) informiert über den neuesten Stand der Forschung. Die aktuellen Zahlen der bis Dezember 2003 an vCJD erkrankten Personen sind unter informiert über den neuesten Stand der Forschung. Die aktuellen Zahlen der an vCJD erkrankten Personen sind unter http://www.cjd.ed.ac.uk/figures.htm abrufbar. Bisher sind 137 Patienten verstorben.
Die Daten, die H. Budka, der Leiter des Österreichisches Referenzzentrums zur Erfassung und Dokumentation menschlicher Prionen-Krankheiten (ÖRPE) bei der Sitzung des Blutbankdirektoriums präsentierte, zeigen keine aktuelle Gefahr in Österreich. Die bei uns gültigen Vorschriften bei Blutprodukten wie die Leukozytendepletion, der Ausschluss von Blutspendern, die sich längere Zeit im UK aufgehalten haben (zwischen 1980 und 1996 zusammengerechnet mehr als sechs Monate), werden selbstverständlich weiterhin streng beachtet.
Bei den bisher verfügbaren und zugelassenen BSE-Screenig-Tests für die Veterinärmedizin ist die Schweizer Firma Prionics AG mit einem ELISA und einem von ihr entwickelten Westernblot weltweit führend (www.sciencemag.org, 303:155). Nach wie vor fehlt aber weltweit ein billiger, rasch durchführbarer Bluttest. Im Dezemberheft von Transfusion beschäftigen sich mehrere Arbeiten mit dem Nachweis von Prionen mit verschiedenen Methoden (www.transfusion.org, Vol. 43, S. 1677, 1687, 1706).
Auch ein verlässlicher Surogatmarker könnte hilfreich sein. Im März 2001 wurde die verminderte Expression von EDRF (Erythroid-Differentiation-Related Factor) sowohl im Blut als auch im lymphatischen Gewebe von TSE- infizierten Tieren nachgewiesen. Damit war die Frage zu klären, ob sich diese Bestimmung auch beim Menschen zum Nachweis einer Prionenerkrankung eignet. Die von MitarbeiterInnen der Blutspendezentrale (B. Glock et al.) durchgeführten Untersuchungen auf mRNA-Level zeigten allerdings eine starke Variationsbreite, sodass diese Untersuchung sich nicht für die Routine eignen wird (www.transfusion.org, Vol. 43, S. 1706).
Möglicherweise kommen doch aus der Grundlagenforschung neue Anstöße. Störungen der Proteinfaltung sind für sehr viele Erkrankungen wichtig. Neben Prionenerkrankungen, seltenen Krankheitsbildern wie der Amyloidose (primäre und sekundäre Formen – zu Letzteren zählt auch die bei chronischen Hämodialysepatienten beobachtete Variante), dem multiplen Myelom oder auch häufigen Erbkrankheiten wie z. B. der cystischen Fibrose sind es die zunehmend häufiger werdenden neurodegenerativen Störungen wie Alzheimer oder Parkinson, weshalb diese Forschungen breites Interesse erfahren (www.nature.com, Vol. 426, S. 863–909, 18. bzw. 25. 12. 2003).
