17.09.2008

Pensionen: Eine Lanze für das krank geredete Umlageverfahren.

Die Demografie gefährdet das Pensionssystem nur minimal.

Gesellschaftspolitik - Pensionen: Eine Lanze für das krank geredete Umlageverfahren

Wien/New York (Rotes Kreuz). Im Zuge der jüngsten Pensionsreformen haben auch die Österreicherinnen und Österreicher gelernt: Meine Pensionsbeiträge werden vom Staat nicht wie auf einem Sparbuch samt Zinsen für mich angespart. Sondern sie werden sofort wieder ausgegeben: Jede Generation finanziert mit ihren Beiträgen nicht die eigene Altersvorsorge, sondern die ihrer Eltern und Großeltern („Generationenvertrag“).


Durch die demografischen Umwälzungen ist dieses „Umlageverfahren“ der gesetzlichen Pensionsversicherung in Misskredit geraten. Weil künftig immer mehr nicht erwerbstätige Ältere immer weniger erwerbstätigen Jüngeren gegenüberstehen werden, soll es langfristig nicht finanzierbar sein. Die Alternative: Der Umstieg auf die private, kapitalgedeckte Pensionsversicherung, wie sie etwa in den USA Gang und Gäbe ist.


Die Nachteile dieser Form der Altersvorsorge zeigt jüngst wieder die Lehman-Pleite. Noch zittern – auch in Österreich – erst die Inhaber von Lebensversicherungs-Polizzen. „Bei kapitalgarantierten Lebenspolizzen stammt die Garantie für die angesparte Summe nicht vom Versicherer, sondern von einem Bankpartner“, erklärt Christian Höller in der Presse. „Geht dieser pleite, übernimmt die Versicherung aber keine Haftung, sondern das Risiko trägt der Kunde.“


Banken und Versicherungen haben auch für die Altersvorsorge viele Ideen und entsprechende – kapitalgedeckte – Finanzprodukte. Die Risiken auf den Finanzmärkten machen sie gegenüber dem Umlageverfahren der gesetzlichen Pensionsversicherung höchst verwundbar. „Es ist verständlich, dass die Versicherungswirtschaft diese Risiken nicht in den Vordergrund ihres Marketing stellt“, erklärt Christine Mayrhuber vom WIFO. Der größte Nachteil einer Ausweitung der Privatvorsorge ist für die Pensionsexpertin aber weniger ein fiskalischer, sondern ein gesellschaftspolitischer: Ihr fehlt der soziale Ausgleich. „Wegen der gesetzlichen Mindestpension ist die Altersarmut in Österreich vergleichsweise gering“, führt Christine Mayrhuber ins Treffen. Viele Menschen können sich Privatvorsorge auch gar nicht leisten. Ein Rückbau der gesetzlichen Pensionsversicherung wäre daher mit steigender Altersarmut verbunden. Auch die Anerkennung von Zeiten der Krankheit und Arbeitslosigkeit, der Kinder- und Pflegebetreuung, des Präsenz- und Zivildienstes und die Abdeckung des Invaliditätsrisikos finden sich im Wesentlichen nur in öffentlichen Systemen.“ Fazit: Private Vorsorge kann Leistungen aus der öffentlichen Alterssicherung ergänzen. Als Ersatz ist sie aber ungeeignet (siehe Magazin „henri“ zum Thema Pflege, Beitrag „Pflegefall Pension?“ auf Seite 32).

 

Auch die in Europa erstmals 1889 von Reichskanzler Bismarck eingeführte Rentenversicherung war ursprünglich kapitalgedeckt. Nach zwei Währungsreformen, die alles angehäufte Geld vernichtet hatten, wurde die deutsche Rentenversicherung 1957 auf das Umlageverfahren umgestellt. Hans-Jürgen Krupp, ehemaliger Chef des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW): „Das Umlageverfahren ist das Produkt des Versagens der Kapitaldeckung.“ Alle Systeme, die nach dem Umlageverfahren laufen, haben als kapitalgedeckte Systeme angefangen – „aber das hat meistens nicht funktioniert“, so Krupp.


Zur Erhaltung der solidarischen, gesetzlichen Sozialversicherungen muss einiges Geschehen. Der demografische Wandel ist dabei im Falle der Alterssicherung weniger das Problem. Die größten Herausforderungen „liegen nicht innerhalb des Pensionssystems, sondern in der Arbeitsmarkt-, Familien- und Bildungspolitik“, ist Josef Wöss, Pensionsexperte der Arbeiterkammer   überzeugt. Gelänge es Österreich zum Beispiel, bis zum Jahr 2030 den Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung auf den Stand von Dänemark, Norwegen oder Schweiz zu heben, betont der Autor Christian Felber, wäre das Problem schon fast erledigt. Denn dann würde die Pensionsquote laut WIFO-Berechnung von rund 620 Pensionisten pro 1.000 Beschäftigten nur auf rund 720 pro 1.000 Beschäftigten ansteigen. „Ein langsamerer Anstieg als in den vergangenen 30 Jahren“, rechnet Felber vor.


Und das soll nicht zu schaffen sein?

 

Rückfragehinweis:
Mag. Robert Dempfer
Österreichisches Rotes Kreuz
Gesellschaftspolitik
E-Mail: robert.dempfer@roteskreuz.at