"Ich habe nur ein Buch geschrieben"
Die Schrifstellerin Anna Kim und der Demografie-Forscher Rainer Münz wurden mit dem Heinrich-Treichl-Preis ausgezeichnet.

Treichlpreis 2009: Werner Kerschbaum, Anna Kim, Fredy Mayer, Rainer Münz, Wolfgang Kopetzky (v.l.n.r.)
„Ich habe eigentlich nur ein Buch geschrieben,“ sagt die Schriftstellerin Anna Kim bescheiden. Für dieses Buch „Die gefrorene Zeit“ ist sie allerdings mit dem Humanitätspreis des Österreichischen Roten Kreuzes ausgezeichnet worden. Da der so genannte Treichl-Preis kein Literaturpreis ist, hat das Thema den Ausschlag gegeben.
Herzensangelegenheit Vermisstensuche
Anna Kim berichtet sehr eindringlich über die Suche nach einer vermissten Frau aus dem Kosovo, die von Uniformierten entführt wurde. Diese schmerzvolle Arbeit des Suchdienstes ist eine Kernaufgabe des Roten Kreuzes.
Für Anna Kim ist die Geschichte der Vermissten zu einer „Herzensangelegenheit“ geworden, wie sie in ihrer Dankesrede sagt. „Es ist nicht leicht ein Thema zu finden, mit dem man sich ein ganzes Buch beschäftigen möchte. Bei der Arbeit an ‚Die gefrorene Zeit’ kam es nie zu einer Sinnkrise. Weil das ein Thema ist, das zur Sprache gebracht gehört.“
Die Schriftstellerin mit den koreanischen Wurzeln hält es für ihre Verantwortung, über ein so tragisches und schmerzhaftes Thema wie das Verschwinden von Menschen zu berichten und das Leid der Angehörigen publik zu machen. „Als schreibender Mensch habe ich die Möglichkeit zu informieren. Ich glaube fest an die Fähigkeit der Literatur zu verändern. Aus diesem Geist habe ich mein Buch geschrieben, in der Hoffnung zu verändern.“
Diese Haltung war auch ein Grund für das Rote Kreuz, Anna Kim die Auszeichnung zu verleihen."Ich habe öfter der Eindruck, dass sich die Literatur – vor allem die zeitgenössische – abgewöhnt hat, von der Außenwelt Notiz zu nehmen. Doch daneben entstehen eben auch reife Werke von großem Gewicht. Anna Kims Roman „Die gefrorene Zeit“ ist so ein Werk", betont Rotkreuz-Präsident Fredy Mayer in seiner Laudatio.
„Der Preis bedeutet mir sehr viel. Ich habe während der Recherchen viele Mitarbeiter des Roten Kreuzes kennen gelernt und halte es für eine große Leistung, in diesem Bereich zu arbeiten. Ich möchte mich auch bei den Familien bedanken, die mir ihre Geschichte anvertraut haben, auch wenn es schmerzlich für sie war“, schloss Anna Kim ihre Dankesrede.
Gesellschaftliche Bruchlinien kitten
Der zweite Preisträger ist der Demografie-Forscher und Soziologe Rainer Münz, der für seine wissenschaftliche Arbeit ausgezeichnet wurde. „Man könnte sagen, die Beschäftigung mit gesellschaftlichen Bruchlinien ist der rote Faden meiner Forschung. Eine große Diskrepanz herrscht zwischen erster und dritter Welt, die zweite Bruchlinie in unserer Gesellschaft ist die zwischen alt und jung und der dritte Graben zieht sich zwischen Einheimischen und Zugewanderten.“
Rainer Münz’ großer Verdienst für das Rote Kreuz besteht darin, der Hilfsorganisation zu helfen. Nämlich bei der Erarbeitung von Lösungen, die zur Schließung dieser Klüfte beitragen. „In vielen Rotkreuz-Positionen wie zum Beispiel der Migrations- und Integrationscharta steckt viel Münz“, formulierte ÖRK-Präsident Fredy Mayer die Begründung in seiner Rede.
