03.09.2009

Family News Nr. 03/08, Dezember 2008

Ein Informations-Service des Suchdienstes des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK)

Inhalt:


I. Suchdienst Österreich

  • Kompetenzzentrum Familienzusammenführung / Elongó
  • Österreichisch-Ungarische Beziehungen
  • Salamat-Nachrichten an Internierte in Afghanistan
  • Projekt Psychische Gesundheit für Asylwerbende

 

II. Suchdienst International:

  • DR Kongo: Suche nach den Eltern
  • Afghanistan: Bagram-Gefangene treffen ihre Familien
  • Iran / Irak: Zwanzig Jahre nach Kriegesende immer noch zehntausende Soldaten vermisst

 



I. Suchdienst Österreich


Kompetenzzentrum Familienzusammenführung / Elongó

Im Dezember 2006 startete der Suchdienst des Österreichischen Roten Kreuzes das durch den eff (Europäischer Flüchtlingsfonds) und das BM.I geförderte Projekt „Kompetenzzentrum Familienzusammenführung“, das im Dezember 2007 um die Integrationskomponente „Elongó“ (kongolesisch für „gemeinsam, zusammen“) erweitert wurde.

Der Schwerpunkt der Tätigkeit des Kompetenzzentrums liegt darin, Asylberechtigte hinsichtlich ihrer Möglichkeiten zur Familienzusammenführung umfassend über das Beratungsnetzwerk in den Landesverbänden zu beraten, bei der komplizierten Antragstellung auf Familienverfahren behilflich zu sein, den Antragsverlauf zu „überwachen“ und bei den Einreisemodalitäten zu unterstützen.
In Österreich angekommen, werden die Familien bei Bedarf von eigens geschulten und freiwillig tätigen Integrationsbuddies im Rahmen von Elongó begleitet. Diese speziell niederschwelligen Integrationsleistungen werden unter der Koordinierung des Diakonie Flüchtlingsdienst in den Landesverbänden Wien, Oberösterreich, Steiermark und Tirol angeboten.
Seit Dezember 2006 wurden österreichweit 480 Klienten beraten und 117 Familien wieder zueinander geführt. 70 Integrationsbuddies konnten an Familien vermittelt werden.


Nähere Informationen: http://www.roteskreuz.at/suchdienst/familienzusammenfuehrung/

 



Österreichisch-Ungarische Beziehungen

Herr L. lebt seit 1956 in Österreich und hielt bisher immer Kontakt zu seiner Schwester, Frau K., in Ungarn. Er wohnt alleine in einer Wiener Wohnung und wird zweimal die Woche von einem Sozialarbeiter besucht. Seit Ende Oktober war es Fr. K. jedoch nicht mehr gelungen, Herrn L. telefonisch zu erreichen, was sie sehr besorgt machte. Sie wandte sich an den Suchdienst des Ungarischen Roten Kreuzes, der in Folge den Suchdienst des ÖRK kontaktierte.

Nach einigen erfolglosen Anrufen machte sich ein Freiwilliger des Suchdienstes auf den Weg zur Wohnung von Herrn L., um vor Ort zu recherchieren bzw. Nachbarn über den Verbleib zu befragen – ebenfalls ergebnislos. Herr L. schien spurlos verschwunden. Selbst Anfragen in verschiedenen Spitälern brachten vorerst keine Klärung. Erst der Psychosoziale Dienst konnte die „erfreuliche“ Antwort liefern: Herr L. hatte sich einen Oberschenkelhalsbruch und eine Fraktur des Unterarmes zugezogen und war nun zur psychosozialen Nachbetreuung in ein spezielles Spital verlegt worden.

Frau K. ist überglücklich, ein Lebenszeichen ihres Bruders zu haben!

 



Salamat-Nachrichten an Internierte in Afghanistan

Im Juni 2007 besuchte Herr Hamid K. aus Afghanistan unsere Sprechstunde in Wien, um einen Suchantrag nach seinem Cousin, Herrn S., zu stellen. Dieser ist von Beruf Taxifahrer und wurde im April 2007, als er mit seinem Taxi im Dorf Monagei unterwegs war, von Soldaten festgenommen und anschließend an das US-Militär
übergeben. Herr Hamid K. vermutete, dass sein Cousin zur US-Militärbasis in Bagram gebracht wurde.

Eine Anfrage an das IKRK in Afghanistan ergab bereits 14 Tage später, dass der Gesuchte erst vor kurzem von einem IKRK-Delegierten im Bagram Airfield Internierungslager besucht und registriert wurde.

Es folgte ein reger Austausch von Rotkreuz-Nachrichten zwischen den beiden Männern. Vor kurzem machten die IKRK-Kollegen allerdings auf die Möglichkeit der Übermittlung von Salamat-Nachrichten an Internierte aufmerksam, die aufgrund anderer Zensurbestimmungen schneller ankämen.

Für Salamat-Nachrichten gelten, ebenso wie für die konventionelle Rotkreuz-Nachricht (RCM), dass nur private, familiäre Mitteilungen enthalten sein dürfen. Diese Nachrichten müssen aber, anders als RCM, bereits auf Englisch verfasst sein. Dies erspart die Übersetzung durch die US-Militärbehörde und führt dehalb zu einer rascheren Zensurierung durch selbige. Der IKRK-Delegierte übersetzt bei seinem Gefangenenbesuch die Nachricht ad hoc und trägt sie mündlich vor. Der Inhaftierte teilt dann seinerseits dem Delegierten seine Nachricht auch wieder mündlich mit, die anschließend in Englisch aufgeschrieben und an den Angehörigen übermittelt wird. In Österreich helfen, wenn erforderlich, Freiwillige bei der Übertragung ins Englische.

 



Projekt Psychische Gesundheit für Asylwerbende

Die Ungewissheit über den Verbleib und das Schicksal von nahen Verwandten ist für das Leben von Asylwerbenden und Flüchtlingen häufig eine weitere Zerreißprobe im ohnehin schweren Alltag. Die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit können massiv sein. So stehen Personen, die Angehörige vermissen, neben anderen Zielgruppen, im Mittelpunkt des EU Projektes “Mental Health Care for Asylum Seekers in the European Union”, welches vom Bereich Außenbeziehungen (Abteilungen Internationale Beziehungen und Suchdienst) des Österreichischen Roten Kreuzes initiiert wurde und koordiniert wird. Nach einer Vorrecherche zum Status Quo auf europäischer Ebene, werden nationale und internationale Vertreter von NGOs mit interessanten Projekten oder innovativen Ansätzen, Regierungsmitglieder und Bedienstete aus dem öffentlichen Gesundheitswesen im Juni 2009 zu einer Konferenz nach Wien geladen. Ziel dieser Fachtagung ist einerseits eine Plattform für Austausch und „Networking“ zu bieten, andererseits sollen konkrete Empfehlungen für die psychologische Arbeit mit den verschiedenen Zielgruppen und Verbesserungsvorschläge auf der Policy Ebene erarbeitet werden.


II. Suchdienst International


Afghanistan: Bagram Gefangene treffen ihre Familien

Jan ist Lehrer im Ort Kashel in der Provinz Ghazni, Afghanistan. Seit Monaten hat er seinen Schwager Safiullah nicht mehr gesehen. Heute Morgen erfuhr er, dass er ihn zum ersten mal im US-Internierungslager in Bagram besuchen kann. Er plante zusammen mit einem anderen Schwager und Safiullahs Frau und deren Kindern dort hinzugehen.


„Als mein Schwager verschwand, fragten wir überall nach ihm, aber ohne Erfolg“ sagt Jan. „Als ich erfuhr, dass das IKRK regelmäßige Besuche in Gefangenenlagern durchführte, schickte ich meinen Bruder nach Kabul, um sich genauer zu erkundigen. Wir erfuhren, dass Safiullah in Bagram inhaftiert war. Es war eine Erleichterung zu hören, dass er noch am Leben war.“


Einige Zeit später bekam die Familie die ersten Rotkreuz-Nachrichten von Safiullah. Seit Jänner 2008 war es Familien auch möglich, mit Inhaftierten über Videotelefonie zu kommunizieren. „Wir mussten weinen, als wir ihn zum ersten Mal nach der langen Zeit sahen. Wir waren glücklich, aber auch traurig zur selben Zeit.“
Seit Mitte September organisiert das IKRK auch regelmäßige Besuche von Angehörigen in Bagram, bei denen die Familien 60 Minuten Zeit für Gespräche und persönlichen Kontakt haben. Das IKRK bezahlt den Familien die Anreise aus entlegenen Dörfern nach Kabul und organisiert den Transport nach Bagram.
Nach einem Blick zu seinem Neffen, der zur Registrierung für einen Besuch in Bagram mitkam, fügt Jan hinzu: „Dieses Mal wird es anders. Wenn wir Safiullah in Bagram besuchen, werden wir nicht weinen, sondern uns freuen. Er soll Kraft aus unserer Begegnung schöpfen.“


Das IKRK ist seit 1987 in Afghanistan aktiv. Es besucht das US-Gefangenenlager in Bagram als Teil seiner humanitären Aufgabe seit Jänner 2002.
Quelle: IKRK Feature; 23-09-2008

 



DR Kongo: Suche nach den Eltern

Trotz Abflauen der Kampfhandlungen in den vergangenen Tagen bleibt die humanitäre Situation in der kongolesischen Provinz Nord-Kivu angespannt. Tausende Flüchtlinge warten in Camps darauf, dass sich die Lage stabilisiert. Das IKRK versorgte bislang mehr als 70.000 Menschen mit Nahrung und Trinkwasser.


Nun konzentriert sich das IKRK in enger Zusammenarbeit mit dem Kongolesischen Roten Kreuz auf die Wiedervereinigung von Kindern mit ihren Familienmitgliedern, die einander im Chaos der Kampfhandlungen und der panikartigen Flucht aus den Augen verloren haben. Nach der Registrierung von unbegleiteten Kindern werden ihre Namen und weitere Details dreimal täglich auf vier verschiedenen Radiostationen durchgesagt. Zusätzlich dazu hängen Mitarbeiter des IKRK Fotos der Kinder in Flüchtlingscamps, Kirchen und Schulen auf.


Bisher wurden etwa 140 Kinder, die ihre Eltern verloren haben, vom IKRK registriert.

Quelle: News release 08/231; 9-12-2008



Iran / Irak: Zwanzig Jahre nach Kriegsende immer noch zehntausende Soldaten vermisst

Obwohl während des iranisch-irakischen Krieges (1980-1988) über 100.000 Kriegsgefangene beider Staaten vom IKRK registriert und teilweise auch repatriiert wurden, hinterließ der Krieg ein schweres Erbe für zehntausende Familien, sowohl im Iran als auch im Irak. Denn 20 Jahre nach Kriegsende sind immer noch viele Soldaten beider Armeen vermisst, auch solche, die in Kriegsgefangenenschaft geraten waren.
Seit dem Jahr 2003 konnten aufgrund der Bemühungen des IKRK, das in beiden Staaten als neutraler Vermittler arbeitet, der Verbleib von hunderten Soldaten geklärt werden.


„Als im Jahr 2003 Kriegsgefangene aus dem Irak in den Iran zurückkehrten und auch sterbliche Überreste von Soldaten überbracht wurden,“ erinnerte sich ein IKRK-Delegierter, der damals an der Übergabe beteiligt war, „sammelten sich Mütter und Schwestern von vermissten iranischen Soldaten. Sie hatten Porträts ihrer Angehörigen in den Händen und hofften, dass ihre Liebsten unter den Überlebenden waren.“

Hussein erzählt die Geschichte seiner Eltern, die bis an ihr Lebensende auf ihren Sohn Ahmed warteten, einen irakischen Soldaten. „Meine Mutter wartete auf der Straße auf jeden Konvoi mit Rückkehrern aus dem Iran. Einmal bat sie mich, ein großes Plakat mit dem Namen meines Bruders zu machen, damit sie von Ahmed, wenn sie an der Straße stand, sofort vom Bus aus gesehen werden könne. Als sie
realisierte, dass Ahmed nicht im Bus war, besuchte sie alle Rückkehrer, um sie nach ihm zu befragen. Mein Bruder kehrte niemals zurück. Mein Vater starb an gebrochenem Herzen, meine Mutter behielt das Plakat bis zu ihrem letzten Atemzug neben ihrem Bett.“


Auch im November dieses Jahres wurden unter Aufsicht des IKRK wieder, etwa 250, sterbliche Überreste von Soldaten beider Armeen in der Nähe von Basra an das irakische Ministerium für Menschenrechte und das Iranische Komitee zur Suche nach verschollenen Soldaten zur Identifizierung übergeben.

„Die Übergabe der sterblichen Überreste ist wichtig für die betroffenen Familien und ein essentieller Bestandteil, um mit der Vergangenheit abschließen und Frieden finden zu können“, sagt Jamila Hammami, IKRKDelegierte im Irak.


Die Übergabe war ein Zeichen des guten Willens beider Regierungen, die erst im Oktober 2008, gemeinsam mit dem IKRK, in Genf ein „Memorandum of Understanding“ unterzeichnet hatten. Ziel ist es, mit Unterstützung des IKRK das Schicksal der zwischen 1980 – 1988 verschwundenen Personen zu klären.
Dieser wichtige Schritt ist der erste in einem langwierigen Prozess, denn laut Angaben des irakischen Ministeriums für Menschenrechte sind aufgrund der Konflikte der letzten Dekaden beinahe 1.000.000 Menschen, Soldaten und Zivilisten, vermisst.

Quelle: IKRK News Release No. 08/189; 30-11-2008 News release 08/224



Die nächsten Family News erhalten Sie im März 2009

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Detailinformationen zu unserer Arbeit finden Sie unter: http://suchdienst.roteskreuz.at

Rückfragen:

Österreichisches Rotes Kreuz
Internationale Beziehungen und Suchdienst
Tel.: +43/1/58900-125
Fax.: +43/1/58900-349
E-Mail: tracing@roteskreuz.at

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