04.09.2009

Family News Nr. 01/09, April 2009

Ein Informations-Service des Suchdienstes des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK)

Inhalt:

 

I. Suchdienst Österreich

  • Ein Wiedersehen nach sechs Jahren!
  • Nachricht aus Afghanistan
  • Rotkreuz-interne Schicksalsklärung
  • Suchdienstspiel im Landesverband Wien
  • Recherchereise nach Äthiopien
  • Neuer Mitarbeiter im Suchdienst

 

II. Suchdienst International:

  • EU weite Suchdatenbank feiert ersten Geburtstag
  • Bosnien und Herzegowina: neunte Auflage des „Book of the missing“
  • Aserbaidschan: Datensammlung vermisster Personen
  • Somalia: Rotkreuz-Nachrichten für inhaftierte Piraten

 



I. Suchdienst Österreich


Ein Wiedersehen nach sechs Jahren!

Gladys B. wurde seit zwei Jahren direkt von Mitarbeiterinnen des Suchdienstes im Rahmen des Projektes „Kompetenzzentrum Familienzusammenführung“ betreut. Am 15. März 2009 war ein besonderer Tag für sie – nach 6 Jahren der Trennung sollte sie endlich ihre Kinder wieder in die Arme schließen können.


Gladys war Ende 2003 aus Kamerun geflohen und hatte ihre drei Kinder bei ihrer Mutter zurückgelassen, in dem Glauben sie bald zu sich holen zu können. Ende 2006 erkrankte ihre Mutter, weshalb die Kinder nun voneinander getrennt bei verschiedenen Verwandten wohnten, doch Gladys Asylverfahren war noch immer nicht abgeschlossen. Als sie einen Österreicher heiratete, war sie bereits anerkannter Flüchtling. Nun konnte sie endlich ihre Kinder zu sich holen, doch die Ehe ging nach kurzer Zeit in die Brüche und ihr ehemalige Ehemann „verschwand“ einfach und ließ die Frau mit hohen Mietschulden, aber ohne Wohnung zurück. Aufgrund ihrer Wohnungslosigkeit und ihrer prekären finanziellen Situation konnte Gladys ihre Kinder nun wieder nicht zu sich holen.


Eine Freiwillige des Roten Kreuzes unterstützte sie. einige Zeit bei der Wohnungssuche bis sie schließlich die Wohnung eines Freundes übernehmen konnte. Nun wurde mit Unterstützung des Suchdienstes das Familienverfahren weitergeführt und positiv beendet.


Gladys und ihre Kinder sind überglücklich, dass sie nach der langen Zeit wieder beisammen sind. Um ihnen in den ersten Monaten ihres Zusammenlebens Halt zu geben, werden sie von einem freiwilligen Buddy unterstützt, der primär beim Erwerb der deutschen Sprache, bei der Suche nach einer größeren Wohnung und bei den Hausaufgaben helfen wird.


Ein Video der freudigen Familienzusammenführung findet sich hier: http://www.roteskreuz.at/index.php?id=8873


Im Projektjahr 2007 (Dezember 07 – August 08) wurden vom Kompetenzzentrum Familienzusammenführung 195 KlientInnen beraten, 63 Familien wieder vereint und 60 Integrationsbuddies vom Projektpartner Diakonie Flüchtlingsdienst gefunden.

 



Nachricht aus Afghanistan

Im Frühjahr 2008 verließ der 14-jährige Asif seine afghanische Heimat. Sein Vater brachte ihn aus dem Dorf zu einem Mann, der ihm schließlich zur Flucht nach Europa verhalf. In Österreich kam Asif in einer Caritas-Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF) unter. Er bat im Dezember 2008 den Suchdienst des ÖRK um Unterstützung bei der Suche nach seiner Mutter, die sich in Afghanistan oder in Pakistan aufhalten sollte. Das IRKR Kabul konnte daraufhin Asifs Tante ausfindig machen und überbrachte ihr die erfreuliche Nachricht, dass sich ihr Neffe wohlbehalten in Österreich befindet. Sie richtete eine Rotkreuz-Nachricht an Asif in der sie berichtete, dass seine Mutter und die Geschwister nun in Quetta, Pakistan, leben. Darüber hinaus enthielt die Nachricht auch die Telefonnummer der Mutter. Erfreut nahm Asif die Nachricht von freiwilligen Mitarbeitern des Suchdienst in der Sprechstunde in Wien entgegen und erklärte, er werde baldigst Kontakt zu seiner Mutter aufnehmen.

 



Rotkreuz-interne Schicksalsklärung

„Da arbeite ich nun seit Jahren hier im Haus und komme erst jetzt auf die Idee, mich an meine Kollegen im Suchdienst zu wenden,“ so Andrea Jakober, Leiterin von ACCORD im Österreichischen Roten Kreuz.
Wie bei zahlreichen ÖsterreicherInnen gab es bis vor kurzem auch in ihrer Familie ein ungeklärtes Schicksal betreffend den zweiten Weltkrieg zu beklagen – das ihres Großvaters. „Es ist im Grunde eine sehr traurige Sache, da mein Großvater kurz vor Kriegsende noch einmal eingezogen wurde, nicht zurückkehrte und sein Schicksal absolut ungeklärt war. Meine Großmutter hoffte lange, dass er noch heimkehren würde“, erzählt Andrea Jakober. Erst in den 70er Jahren, als es für die Übergabe des familieneigenen Betriebs notwendig wurde, ließ ihre Großmutter ihren Mann schließlich für tot erklären.
Über ihre Kollegen im Suchdienst erfuhr Andrea Jakober nun, dass ihr Großvater, der beim Deutschen Roten Kreuz als Verschollener registriert wurde, gemeinsam mit anderen Soldaten mit hoher Wahrscheinlichkeit im Frühjahr 1945 bei Kämpfen in Ostpreußen gefallen ist.
Andrea Jakober und ihre Mutter waren ob der Arbeit des Suchdienstes und des Ergebnisses sehr angetan: „Es ist faszinierend und berührend, dass es diese Möglichkeit gibt, etwas über das Schicksal vermisster Angehöriger herauszufinden und dass das in unserem Fall auch funktionierte.“

 



Suchdienstspiel im Landesverband Wien

Seit Ende 2006 ist der Suchdienst fixer Bestandteil der KHD-Praxis Ausbildung, die der Landesverband Wien für seine neuen MitarbeiterInnen organisiert, um sämtliche Leistungsbereiche des KHD (Katastrophenhilfsdienst) vorzustellen.
Am 22. März führte ein Team des Suchdienstes des ÖRK das Suchdienstspiel im Rahmen des KHD Praxistages durch.
Sinn des Suchdienstspieles ist es, den Suchdienst hautnah zu vermitteln und die Arbeit am eigenen Leibe nachvollziehbar zu machen.



Recherchereise nach Äthiopien

Ende Februar 2009 besuchten zwei Mitarbeiterinnen des Suchdienstes Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Ziel der Reise war es, mehr Hintergrundinformationen aus erster Hand über somalische Flüchtlinge in Äthiopien zu erlangen, da diese eine große Zielgruppe im Rahmen des Projektes „Kompetenzzentrum Familienzusammenführung“ darstellen. Die Gespräche mit MitarbeiterInnen der Äthiopischen Nationalen Rotkreuz-Gesellschaft, des IKRK, des UNHCR und der Österreichischen Botschaft waren sehr aufschlussreich und wurden in einem Bericht zusammengefasst, der beim Suchdienst angefordert werden kann.


2008 lebten in Äthiopien insgesamt ca. 100.000 registrierte und zehntausende unregistrierte Flüchtlinge. Neben Personen aus Eritrea stellen Somalis die größte Flüchtlingsgruppe in Äthiopien dar. Die meisten Flüchtlinge kommen nach Äthiopien, um in ein Drittland, etwa in die USA, Kanada oder in ein Land der Europäischen Union, auszureisen, in dem sich bereits Angehörige befinden.



Neuer Mitarbeiter im Suchdienst

Herwig Schinnerl wird künftig das Team des Suchdienstes im Generalsekretariat des ÖRK tatkräftig unterstützen. Er studierte Kultur- und Sozialanthropologie und absolvierte seit seinem Abschluss 2007 Praktika im Migrations- und Menschenrechtsbereich in Spanien und Brüssel, darüber hinaus arbeitete er als Flüchtlingsbetreuer beim Flüchtlingsdienst der Diakonie.



II. Suchdienst International


EU weite Suchdatenbank feiert ersten Geburtstag

Den ersten Erfolg feierte die seit März 2008 bestehende rotkreuz-interne EU-Suchdatenbank zeitgleich mit ihrem ersten Geburtstag. In der EU-Suchdatenbank werden Personen, die Familienangehörige suchen, mit ihrem Einverständnis von SuchdienstmitarbeiterInnen registriert. Sucht nun in einem anderen Land ein Angehöriger nach der bereits registrierten Person und wird ebenfalls in der Datenbank registriert, kommt es zu einem Treffer. Dies geschah in den Niederlanden: Ein unbegleiteter minderjähriger Asylwerber aus Eritrea ersuchte das Niederländische Rote Kreuz, Nachforschungen nach seinem Vater anzustellen. Er hatte den Kontakt bereits im Juni 2004 in Eritrea verloren. Eine Überprüfung der Suchdatenbank ergab, dass der Name des Vaters bereits vom Britischen Roten Kreuz registriert wurde. Ein Informationsaustausch zwischen den niederländischen und britischen Kollegen ergab erfreulicherweise, dass die Daten in beiden Fällen übereinstimmten.


Die Datenbank wurde entwickelt, um die Suche nach Angehörigen innerhalb Europas zu erleichtern. Oft wissen Flüchtlinge nicht, wo in Europa sich ihre Angehörigen aufhalten könnten, was zur Folge hat, dass zahlreiche Briefe an verschiedene Nationale Rotkreuz-Gesellschaften gerichtet werden müssen. Langfristiges Ziel ist es, sämtliche Rotkreuz-Suchfälle im EU-Raum in der Datenbank zu registrieren, um Angehörige effizienter finden zu können. Die Daten werden selbstverständlich streng vertraulich behandelt!

 



Bosnien und Herzegowina: neunte Auflage des „Book of the missing“

Infolge des Bosnien-Konflikts in den 1990er Jahren gibt es nach wie vor tausende Familien, die über das Schicksal ihrer Angehörigen im Unklaren sind. Dafür wurde vom IKRK eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet. Bereits seit Anfang 1995 sammelt das IKRK Suchanfragen von Familien vermisster Personen. Als ein Teil des Such-Prozesses wird vom IKRK regelmäßig ein Buch mit den Namen von Vermissten publiziert – das „Book of Missing Persons on the Territory of Bosnia and
Herzegovina“. Kürzlich wurde die neunte Auflage fertig gestellt.


Das IKRK hofft mit Hilfe diese Buches weitere Informationen zu bekommen, die zur Klärung des Schicksals vermisster Personen führen können. Um das zu erreichen ist es bei allen IKRK-Delegationen und Nationalen Gesellschaften erhältlich, wird auch unter Behörden und in der Öffentlichkeit in Bosnien und Herzegowina verteilt und ist darüber hinaus unter www.familylinks.icrc.org abrufbar. Dadurch können Personen, die glauben Informationen über das Schicksal einer im Buch gelisteten Person zu haben, den Suchdienst ihrer nationalen Rotkreuz-Gesellschaft kontaktieren und diese Informationen mitteilen. Künftig wird das Buch nicht mehr vom IKRK, sondern vom „Missing Persons Institute in Bosnia and Herzegovina“ (MPI) herausgegeben.

Quelle: IKRK Sarajevo, Jänner 2009



Aserbaidschan: Datensammlung vermisster Personen

Noch immer warten die Familien von mehr als 4.000 Personen, die infolge des Konflikts in Bergkarabach als vermisst gelten, auf Informationen über das Schicksal ihrer Angehörigen. Um die Behörden dabei zu unterstützen, diesen Familien zu ihrem Recht zu verhelfen, entwickelte das IKRK im vergangenen Jahr ein eigenes Programm. Teil dieses Programms sind spezielle Workshops in denen Freiwillige und MitarbeiterInnen des Aserbaidschanischen Roten Halbmondes in Suchdienst relevanten Themen unterrichtet werden. So ging es etwa darum, wie man mit Familien von Vermissten angemessen kommuniziert und detaillierte Daten über vermisste Personen sammelt. Seit das Programm läuft, wurden über 800 Suchanträge bearbeitet. Seit 1992 unterstützt das IKRK die Behörden in Aserbaidschan dabei, ihre Verpflichtungen im Sinne des internationalen humanitären Völkerrechts zu erfüllen und den Familien der vermissten Personen zu ihrem Recht zu verhelfen.
Quelle: IKRK News Release No. 09/38; 13-02-2009



Somalia: Rotkreuz-Nachrichten für inhaftierte Piraten

111 Überfälle von Piraten – mehr als ein Drittel aller weltweiten Vorfälle – ereigneten sich 2008 vor den Küsten Somalias, 42 Schiffe und 815 Besatzungsmitglieder wurden entführt. Aufgrund dieser Situation verstärkten die EU, die USA und die NATO ihre Präsenz, um die Region besser zu überwachen. Etwa 200 Piraten wurden seither inhaftiert und nach Kenia, Jemen, Frankreich und in die Niederlande gebracht. Da in nächster Zeit mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Piraten inhaftiert werden, kontaktierte die EU-Mission (EUNAVFOR) das IKRK, um anzufragen, ob Gefangenenbesuche und der Austausch von Nachrichten ermöglicht werden könnten. Zwar fallen Leistungen im Zusammenhang mit Piraterie nicht in das Mandat des IKRK, dennoch soll der Austausch von Rotkreuz-Nachrichten ermöglicht werden, da diese aufgrund der Situation in Somalia die einzige Möglichkeit darstellen, mit Angehörigen in Kontakt zu treten. So werden in Kenia, Somalia und Frankreich inhaftierte somalische Piraten die Möglichkeit haben, über Rotkreuz-Nachrichten mit ihren Familien in Somalia zu kommunizieren.

Quelle: National Societies Special Note No.1, 24-03-2009, Genf



Die nächsten Family News erhalten Sie im Juni 2009
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Detailinformationen zu unserer Arbeit finden Sie unter: http://suchdienst.roteskreuz.at

Rückfragen:

Österreichisches Rotes Kreuz
Internationale Beziehungen und Suchdienst
Tel.: +43/1/58900-125
Fax.: +43/1/58900-349
E-Mail: tracing@roteskreuz.at

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