27.01.10

Der kleine Joe kam aus dem Nirgendwo

Er konnte kaum sitzen, wischte kleine Steine von der Matte aus Pappkarton, welche sein Zuhause geworden war. Er säuberte den Platz zum Schlafen, genau so, wie es seine Mutter getan hätte, schloss seine Augen und sank in den Schlaf. Von Joe Lowry.

 

Joe kam aus dem Nirgendwo. Irgendjemand bemerkte ihn, als er nackt am Boden lag, und er wurde in das Feldspital des Norwegischen Roten Kreuzes im Zentrum von Haitis zertrümmerter Hauptstadt Port-au-Prince gebracht.

 

Schwester Mageli Simon, eine freiwillige Helferin für psychologische Hilfe des Haitianischen Roten Kreuzes, kümmerte sich um ihn. „Er hatte Verletzungen am Kopf“, sagt sie. „Und er war krank, vielleicht Malaria, vielleicht Typhus.“

 

Mageli begann mit dem kranken Kind zu sprechen, spielte mit ihm. Nach einem Tag sagte er seinen Namen. Sie gab ihm Papier und Bleistift, und er zeichnete seine Mutter und seinen Vater.


Dann gab sie ihm ein Spielzeugtelefon. „Er begann mit seiner Mutter zu sprechen. Ich fragte ihn, was sie sagt. Er sagte mir: ‚Sie sagt, suche nicht nach mir, ich bin tot.’"

 

„Ich weiß nicht woher er das wusste, irgendjemand muss es ihm wohl gesagt haben, bevor er verloren ging.“ Drei Tage danach macht sich Joe ganz gut. Er ist immer noch krank, aber er trinkt Wasser und isst ein wenig. Er zeichnet
uns ein Kreuz. Ich sage ihm, dass mein Name auch Joe ist, und er schaut mich mit einem langen tiefen Blick an.


Er ist ein hübscher, zerbrechlicher kleiner Junge, mit einem schwachen Schielen, was ihn noch hilfloser aussehen lässt. Man will ihn einfach beschützen.

Schwester Mageli nickt zustimmend. “Du musst dich wirklich selbst kennen, bevor du andere Personen erkennen kannst”, sagt sie. „Darum kümmere ich mich um Joe, um zu erkennen was er braucht. Ich kann niemandem Geld geben, aber ich kann auf meine Weise helfen.“

 

Falls Joe keine Familienangehörige mehr hat, die sich um ihn kümmern und für ihn sorgen können, wird der kleine Junge in ein Waisenhaus kommen, sobald ein geeigneter Platz gefunden wird.


Und er wird es schaffen. Er ist ein Überlebenskünstler.

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