03.02.2010

Andrea Reisinger: Hilfe wird an allen Ecken gebraucht

Rotkreuz-Delegierte Andrea Reisinger ist von ihrem Haiti-Einsatz zurück und gibt Einblick in die schwierige Arbeit der Helfer.

 

"Der Hilfseinsatz für die Opfer des Bebens läuft auf Hochtouren", berichtet Andrea Reisinger. Obwohl tausende internationale Helfer und viele Organisationen gut koordiniert zusammen arbeiten, gibt es auch drei Wochen nach der verheerenden Naturkatastrophe unversorgte Verletzte und Obdachlose.

 

"Man stößt immer wieder auf notdürftige Camps, in denen noch keine Hilfskräfte waren", schilderte die Oberösterreicherin die Situation an Ort und Stelle. "Es gibt einfach so viele Betroffene, dass immer noch Hilfe gebraucht wird."

 

Selbst die erfahrene Rotkreuz-Delegierte war in Haiti mit unbekanntem Neuland konfrontiert: Durch den völligen Zusammenbruch des wirtschaftlichen und sozialen Lebens gibt es keine Strukturen, auf die die Helfer zurückgreifen können. Deshalb habe die Lieferung der Hilfstransporte und die Organisation der Erstmaßnahmen zu Beginn Tage gedauert, sagt Andrea Reisinger.

 

"Die Situation ist wirklich schlimm und zwar weil das Zentrum der Hauptstadt getroffen wurde. Die größte Einkaufsstraße existiert nicht mehr, da gibt es einfach gar nichts mehr", erzählt sie. Bei der Tsunami-Katastrophe 2004 hätten die Helfer auf bestehende Infrastrukturen, beispielsweise in Sri Lankas Hauptstadt, zurückgreifen können.

 

Notunterkünfte wichtig

 

Vor allem außerhalb der Hauptstadt Port-au-Prince gebe es weiterhin ländliche Bereiche, die man nur schwer erreiche, so Reisinger, die bis Mittwoch als eine der ersten Helfer im Bebengebiet im Einsatz war. Die bisher von Ärzten, Nahrung- und Wasser-Lieferungen abgeschnittenen Opfer hätten sich mittlerweile selbst zu Camps organisiert, würden provisorische Hütten aus Schilf und Gras bauen und einen Leiter ernennen.

 

"Wenn man sich ansieht, wo in Zukunft die Probleme liegen werden, ist die Einrichtung von Notunterkünften besonders wichtig", betonte Reisinger. "In wenigen Monaten beginnt die Regenzeit." Noch würden viele im Freien unter Moskitonetzen schlafen, halbwegs Schutz gebende Gebäude würden dringend gebraucht.

 

Noch lange nicht getan ist es aber auch mit der Arbeit der medizinischen Hilfskräfte. "Ich war vor einer Woche im Feldspital. Da kommen immer noch Leute hin, die unversorgt sind", erzählte Reisinger. Manche würden aus Angst vor einer Amputation viel zu spät einen Arzt aufsuchen.

 

Kontrolliert Hilfsgüter verteilen

 

Seuchenausbrüche gebe es glücklicherweise noch nicht, diesen müsste jedoch durch die Versorgung mit Trinkwasser und die Errichtung von Sanitäranlagen weiter proaktiv vorgebeugt werden. Mit dieser Aufgabe sind unter anderem sieben österreichische Rot-Kreuz-Kräfte beschäftigt, die sich seit etwa einer Woche in der Stadt Leogane um mehr als 100.000 Einwohner kümmern.

 

Bei Essensausgaben kommt es laut Reisinger nach wie vor zu Ungerechtigkeiten. Es gebe viele Organisationen mit verschiedenen Verteilsystemen, erklärte die Helferin. Beim wahllosen Austeilen kämen nur die Stärksten, meist die Männer, zum Zug. Wichtig sei es daher, die Leute zu registrieren und kontrolliert Hilfsgüter weiter zu geben.

 

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