19.10.2010

„Man darf keine Scheu haben!“

Die meisten Notfälle passieren in der eigenen Familie. Schnelles, beherztes Eingreifen ist entscheidend. Erste-Hilfe-Maßnahmen sollten alle fünf Jahre trainiert werden.

Sechs von zehn Österreichern geben an, dass sie im Notfall eher nicht helfen würden, da ihr letzter Erste-Hilfe-Kurs schon lange zurückliegt. Viele Menschen meinen, sie hätten Angst davor, die Situation des Patienten zu verschlimmern. Ein Irrglaube, verrät Rotkreuz-Chefarzt und Notfallmediziner Dr. Wolfgang Schreiber.

Laut einer aktuellen Umfrage würden nur 23 Prozent der Österreicher spontan erste Hilfe leisten. Ist das alarmierend?
Schreiber: Wenn das bedeuten würde, dass drei Leute an einem Unfallopfer vorbeigehen und erst der Vierte hilft, wäre das schlimm. Die Protokolle von Notarzt-Einsätzen zeigen aber, dass in knapp 60 Prozent der Fälle vor dem Eintreffen der Rettung erste Hilfe geleis­tet wird. Die Erklärung ist vermutlich, dass die Leute, wenn sie auf erste Hilfe angesprochen werden, immer die Katastrophe sehen, den Autounfall mit blutenden Verletzten zum Beispiel. Da ist als erste Reaktion ein Zurückschrecken völlig verständlich. Der größte Teil der Notfälle spielt sich aber im eigenen Umfeld ab. Meist brauchen Eltern, Kinder, Freunde oder Kollegen erste Hilfe. In acht von zehn Notfällen muss bei einer akuten Erkrankung oder bei einem Sturz geholfen werden.

Für welche Erkrankungen sollten die „Ersthelfer“gerüstet sein? Was passiert denn am häufigsten?
Bei älteren Menschen kommen Herzinfarkt oder Schlaganfall sowie Stürze oder Verletzungen im Haushalt am öftesten vor. Kinder sind manchmal richtige „Bruchpiloten“. Kleinere Verletzungen wie Schürfwunden oder Verknöcheln sind sehr häufig. Bei richtiger „Verarztung“ durch die Ersthelfer heilen solche Verletzungen besser und schneller.

Die grundlegenden Erste-Hilfe-Maßnahmen muss man wahrscheinlich öfter mal üben?

57 Prozent derjenigen, die im Notfall nicht helfen würden, begründen ihre Zurückhaltung damit, dass der letzte Erste-Hilfe-Kurs schon zu lange her ist. 44 Prozent sagen, sie haben Angst davor, die Situation zu verschlechtern. Wirklich falsch ist aber nur, nichts zu tun. Man sollte sein Erste-Hilfe-Wissen alle fünf Jahre in einem Kurs auffrischen, damit ist man auf der sicheren Seite.

Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankun­gen: Wie leistet man am besten ers­te Hilfe?
Die typischen Symptome für einen Schlaganfall sind Lähmungen einer Körperhälfte und Sprachstörungen, für einen Herzinfarkt sind es Schmerzen hinter dem Brustbein. In beiden Fällen ist der rechtzeitige Notruf entscheidend. Erste Hilfe beginnt mit dem Notruf, vor dem man keine Scheu haben darf. Wenn jemand ohne Bewußtsein ist, genügt im ersten Schritt eigentlich die Überprüfung der Atmung: Keine Atmung – Herzdruckmassage. Atmung vorhanden – Patien­ten in die Seitenlage bringen und den Notruf absetzen. Manchmal sind einfache Handgriffe genauso wirksam wie komplexe Maßnahmen.

 

Können Geräte wie ein Defibrillator den menschlichen Ersthelfer ersetzen?
Der Defi ist ein „akustisches Helferlein“, das einen durch die Notfall-Situation führt und auch an Dinge erinnert wie „Hat schon jemand den Notruf abgesetzt?“. Der Defi ersetzt aber nicht die Herzdruckmassage und Beatmung. Für den Hausgebrauch ist ein solches Gerät nur bei Patienten mit bekannten Risikofaktoren wie verengten Herzkranzgefäßen ratsam, und auch nur dann, wenn noch jemand im Haushalt lebt, der im Notfall den Defi einsetzen kann. Für allein lebende ältere Personen ist das Rufhilfe-Armband des Roten Kreuzes besser geeignet, über das im Notfall die Rettungsleitstelle per Knopfdruck verständigt wird.

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