12.05.2011

„Dank Euch haben wir wieder ein Dach über dem Kopf!“

Nur ein paar Kilometer von L’Acul entfernt lag das Epizentrum des verheerenden Erdbebens, das im vergangenen Jänner in Haiti gewütet hat. In dem Dorf ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben, die meisten Bewohner haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren.

 

L’Acul  ist der Ausgangspunkt des ÖRK-Wiederaufbau-Programmes für Haiti. Hier haben die Rotkreuz-Experten aus Österreich und Deutschland die ersten Übergangsunterkünfte gebaut und gemeinsam mit den Dorfbewohnern ein sanitäres Konzept erstellt, dass die Gesundheit der Bewohner dauerhaft verbessert.

 

Dorf-Ruinen

 

Nach L’Acul führt ein schmaler Fußweg, vorbei an meterhohen Bananenstauden schlängelt er sich den Hügel hinauf. Am Dorfplatz bildet ein ausladender Mangobaum seit Menschengedenken den Mittelpunkt des Dorfes. „Wir haben hier schon als Kinder gespielt“, erklärt Louis Charles Zitou stolz. Er ist Fischer und knüpft im Schatten des Baumes an einem Fangkorb, den er an Kollegen verkauft, um etwas Geld zu verdienen.

 

Im Gegensatz zum Rest des Dorfes hat der alte Baum das Erdbeben unbeschadet überstanden. Von den Häusern sind nur vereinzelte Stein- und Geröllhaufen geblieben. Madame Armani ist mit ihren 75 Jahren die älteste Dorfbewohnerin. Sie hat beinahe alles verloren: „Ich bin auf diesem Stuhl gesessen und die Erde hat so heftig gebebt, dass ich vier Mal hingefallen bin. Mir ist nichts passiert, aber mein kleiner, kleiner Urenkel ist gestorben, als das Haus einstürzte. Alles, was ich hatte, ist mit dem Haus zusammen gebrochen,“ sagt die alte Dame traurig. „Ich habe schon viele Erdbeben erlebt, aber noch nie so schlimme!“

 

1.000 Übergangshäuser

 

Madame Armani hat inzwischen ein neues Haus. Sie ist stolze Besitzerin einer so genannten „Übergangsunterkunft“, die das Rote Kreuz in L’Acul baut. „Das Rote Kreuz hat mir dieses Haus gegeben“, sagt sie und zeigt auf eines der rechteckigen Häuser mit Wellblechdach und Wänden aus hellgrauen Plastikplanen, die den Dorfplatz nun umgeben. „Dank Euch haben wir wieder ein Dach über dem Kopf!“

 

L’Acul ist eines von vier Dörfern, in denen das Österreichische Rote Kreuz Wiederaufbau mit sanitären Programmen verbindet. Rund 1.000 Übergangshäuser, begleitet mit Wasser- und Hygienemaßnahmen, sind dank der großzügigen Spenden der österreichischen Bevölkerung im Zuge dieses Pilotprojektes bisher entstanden. „Das Paket aus Hausbau und hygienischen Konzepten zur Gesundheitsverbesserung ist eine Maßnahme, die den Menschen langfristig hilft“, ist der Rotkreuz-Delegierte Michael Wolf überzeugt.

 

Der Wasserexperte arbeitet seit Mai in Haiti. In seinen Aufgabenbereich fallen alle Komponenten des Hilfsprogramms, die mit Wasser und Sanitär zu tun haben. „Das bedeutet die Versorgung des Dorfes mit sauberem Wasser, die Errichtung von Latrinen, die Bildung und Schulung eines ‚Wasserkomittees’ aus Dorfbewohnern und das Hygienetraining“, erklärt der erfahrene Rotkreuz-Helfer. Und: „Die Beteiligung der Bewohner ist der Schlüssel zum Erfolg eines solchen Projektes.“

 

In der Praxis schaut das so aus: Die Rotkreuz-Konstrukteure liefern das Material und das technische Wissen für den Bau. Das Hämmern, Sägen und Aufstellen der Holzkonstruktion, die den Übergangshäusern zugrunde liegt, übernehmen die zukünftigen Bewohner selbst.

 

Eigentümer und Bauherren

 

„Auch beim Latrinenbau heben die Familien die Sickergruben aus, wir liefern die Betonringe und das Holz für das Hütterl drumherum“, sagt Wolf. „Mit dieser Eigenverantwortung erreichen wir, dass sich die Leute zuständig fühlen und wir stärken sie persönlich mehr, als wenn wir sie nur zu ‚Hilfsempfängern’ machen.“

 

Manche Eigentümer der Übergangshäuser haben auch schon weiterreichende Pläne. Wie die Familie Betmaissant zum Beispiel: „Wir möchten die Plastikplanen der Wände durch Holz ersetzten“, sagt Mutter Sidme. „Damit fühle ich mich sicherer.“

 

Die Familie teilt das Schicksal von so vielen in Haiti: Der Vater ist Gärnter, aber ohne fixe Stelle. Er kann seine Frau und seine sechs Kinder nur durch Gelegenheitsarbeiten ernähren. Jeden Tag macht sich der 38-jährige Justme auf den Weg in die Bezirksstadt Leogane, um auf dem Markt Brennholz zu verkaufen oder Arbeit zu finden. Die Familie ernährt sich von dem, was der Vater mit nach Hause bringt. In Haiti leben rund 46 Prozent der Bevölkerung wie Familie Betmaissant von weniger als einem Euro am Tag.
 
Auf die Frage, ob die Rotkreuz-Hilfe ihr Leben verbessert hat, sagt Madame Betmaissant: „Ja, wir haben Hygiene-Kits bekommen, Matratzen und natürlich das Haus, das ist das wichtigste!“

 

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