22.08.2011 17:28

Der Suchdienst des Österreichischen Roten Kreuzes

Ein interessantes Kernaufgabengebiet der weltweiten Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung im Wandel der Zeit.

Generell verbindet man den Namen des Suchdienstes mit der unmittelbaren Nachkriegszeit. Tatsächlich wurde die Abteilung „Suchdienst“ des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK) unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1945 eingerichtet.

 

Seine eigentliche Gründung aber führt zurück bis ins Jahr 1880, als die „Österreichische Gesellschaft vom Rothen Kreuze“ gegründet wurde und in Folge das „Gemeinsame Zentrale Nachweisbüro der Österreichischen Gesellschaft vom Rothen Kreuz“ eingerichtet wurde. Es sammelte sämtliche Informationen über verwundete oder kranke Armeeangehörige, erteilte Auskünfte an Angehörigen der Soldaten und übernahm die Übermittlung von Nachrichten zwischen Personen in der Heimat und ihren verwundeten Familienmitgliedern bei der Armee. Sämtliche Dienste des Roten Kreuzes waren kostenlos.

 

Der erste Weltkrieg

 

1914 wurden dem „Auskunftsbüro der Österreichischen Gesellschaft vom Roten Kreuze“ alle Aufgaben übertragen, welche die Kriegsfürsorge betrafen. Das Nachweisbüro konzentrierte sich vor allem auf die Übermittlung von Briefen, Paketen und Hilfsgütern, außerdem führte und aktualisierte es die Verlust- und Kriegsgefangenenlisten.

Gemäß der Neutralität des Roten Kreuzes durften alle Gefangenen jeder Nationalität, die sich auf dem Österreichisch-Ungarischen Staatsgebiet befanden, dieses portofreie Postsystem nutzen. Schon nach zwei Kriegsjahren verfügte das Auskunftsbüro über elf Abteilungen mit 2.000 Mitarbeitern, die 13 Millionen Meldungen über Gefallene, Verstorbene und Kriegsgefangene bearbeiteten und gegen Ende des Krieges auch Listen über Kriegsheimkehrer führte.

 

Der zweite Weltkrieg

Mit dem Einmarsch Deutscher Truppen in Österreich und dem folgenden „Anschluss“ an das Deutsche Reich im März 1938 wurde die Österreichische Gesellschaft vom Roten Kreuz in das Deutsche Rote Kreuz eingegliedert.

 

Im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg übernahmen die staatlichen Institutionen des Deutschen Reichs einige der Aufgaben des Roten Kreuzes. In Berlin nahm am 26.08.1939 die „Wehrmachtsauskunftstelle für Kriegerverluste und Kriegsgefangene (WASt)“ ihre Arbeit auf. Diese Dienststelle erfasste alle Verluste der Deutschen Wehrmacht, wie Sterbefälle, Erkrankungen oder Meldungen von Vermissten und erteilte Auskünfte über ausländische Kriegsgefangene.

Sofort nach der Befreiung Österreichs durch die Alliierten wurden die Grundzüge des Suchdienstes im Mai 1945 von Freiwilligen wiedererweckt. Diese richteten ein so genanntes Aktionskomitee ein, welches Kriegsgefangene betreute und mit den Nachforschungen nach vermissten Soldaten begann. Am 1. Juli 1945 erfolgte der Aufruf an die Bevölkerung, dem Roten Kreuz alle vermissten Wehrmachtsangehörigen zu melden. Im Laufe der Zeit wuchs dieser Bestand auf über 100.000 Karteikarten an, auf die der Suchdienst lange Zeit bei seiner Arbeit zurückgriff. Vor allem in den Fünfziger- und Sechzigerjahren wurden anhand von Vermisstenbildlisten – Bücher mit den Fotos aller vermisster Soldaten - umfangreiche Befragungen bei über 100.000 ehemaligen Wehrmachtssoldaten durchgeführt Auf diesem Weg konnten tausende Schicksale geklärt werden. Ausserdem wurden Vermisstenmeldungen über das Radio verlautbart, was z.T. bis heute noch geschieht.

Im Laufe der Zeit begann sich die Arbeit des Suchdienstes zu wandeln. Die Öffnung der Archive in den ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes 1991 führte zu einer Flut von neuen Anfragen und half mit, viele Schicksale des Zweiten Weltkriegs zu klären. Bis heute sind aber noch immer etwa 20.000 Schicksale ungeklärt.

 

Die Balkankriege

In den 1990er Jahren wurde die Arbeit des Suchdienst von den Konflikten auf dem  Balkan dominiert. Insgesamt übermittelte der Suchdienst während der Balkankriege über 90.000 Rotkreuz-Nachrichten an Flüchtlinge in Österreich und deren Verwandte in der Heimat. Wo es möglich war, wurden Familien bei der Familienzusammenführung in Österreich unterstützt. Ca. 30.000 Menschen galten damals alleine auf dem Gebiet von Bosnien und Herzegowina als vermisst. Einige Jahre nach Kriegsende wurden die ersten Massengräber gefunden und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz begann damit, sterbliche Überreste zu identifizieren. 2005 wurden zahlreiche ehemalige Flüchtlinge in Österreich zu ihren immer noch vermissten Angehörigen befragt, um die Identifizierung der Opfer zu erleichtern und den Familien endlich Gewissheit über deren Schicksal zu geben.

 

In den letzten Jahren erreichten zahlreiche Menschen Österreich, die auf der Flucht von ihren Lieben getrennt wurden. Der Suchdienst hilft dabei, die Angehörigen wieder zu finden, übermittelt Rotkreuz-Nachrichten und unterstützt bei Familienzusammenführungen.