22.08.2011 17:52

Ich haben alles verloren, außer meinem Leben

Vermisstenbuch aus Bosnien mit Tausenden Namen vermisster Personen.

Aufgezeichnet von einer Mitarbeiterin des Suchdienstes des ÖRK[1]

 

 

Frau Sadeta füttert gerne Möwen. Ihr Lieblingsplatz ist gleich in der Nähe des Milleniumtowers. „Die Vögel erinnern mich an meine Heimat“, sagt sie, obwohl sie nie am Meer gelebt hat. Frau Sadeta stammt aus einer kleinen Stadt an der bosnisch/serbischen Grenze. Früher lebten dort alle friedlich zusammen, bis der Krieg ausbrach.

 

Frau Sadeta ist geschieden. Ihr Mann lebte schon lange in Deutschland. Die beiden Söhne blieben bei der Mutter. Der Jüngere ging noch zur Schule, der Ältere war in einer Firma angestellt.

 

Frau Sadeta und ihr Mann hatten ein großes Haus für die Familie gebaut. Sie selber war Inhaberin einer Boutique und verkaufte nur die besten Markenwaren. Es fehlte ihnen an nichts.

 

Als die Unruhen begannen, bat Frau Sadeta ihre Söhne zum Vater nach Deutschland zu gehen, doch sie wollten davon nichts hören und bei der Mutter bleiben. “Was soll schon passieren Mama, wir sind doch keine Soldaten“, sagten sie zu ihr.

 

Als die serbische Armee die Grenzgebiete zu besetzen begann, verlor Frau Sadeta ihr Geschäft. Von nun an musste sie unter Militäraufsicht in einer Großküche für einen Hungerlohn arbeiten. Zum Glück war die Aufseherin nett, und so konnte sie immer Essen für sich und ihre „Buben“ mit nach Hause nehmen.

 

Am 11. Juni 1992 hätten die bosnischen Muslime „Ramazanski Bajram“, ein großes und wichtiges Fest, das den Ramadan beendet, feiern sollen. An diesem Tag musste Frau Sadeta bis 1 Uhr Früh arbeiten, sie durfte aber am Nachmittag kurz heim gehen und Essen für den Abend mit nach Hause nehmen. Sie wollte mit ihren Söhnen trotz allem ein schönes Fest feiern und alles herrichten. Die beiden freuten sich sehr, die Mutter zu sehen und konnten den Abend kaum erwarten.

 

Als Sadeta weit nach Mitternacht, nach Hause kam, war das Haus leer. Die Wohnungstüre war aufgeschossen und das Essen lag auf dem Boden.

 

In dieser Nacht begann der Anfang vom Ende von Frau Sadetas Leben. Verzweifelt irrte sie in der Nachbarschaft umher und fragte alle, ob sie ihre Söhne gesehen hätten. Doch ihr begegneten nur andere weinende Mütter, die ebenfalls auf der Suche nach ihren Söhnen und Männern waren. Aus dem sonst so fröhlichen und geselligen Fest war eine Tragödie geworden.

 

Freunde versuchten sie schließlich ihrer Trauer zu entreißen und verhalfen ihr zur Flucht nach Österreich.

 

Sie lebte lange Jahre in einem Flüchtlingsheim, später zog sie in eine „Mietkaserne“ in Wien - in eine kleine Wohnung im 4. Stock ohne Lift. Sie fand Arbeit als Putzfrau und bekam Rückenbeschwerden. Dem Engagement einer Sozialarbeiterin hat sie es zu verdanken, dass sie eine kleine Gemeindewohnung mit Lift erhielt. Die Möbel in ihrer Wohnung hat sie von der Caritas.

 

Hier lebt sie nun. Sie sitzt mir gegenüber und raucht. Sie erzählt lachend, dass ihre Söhne immer gesagt haben “Mama, wenn du gemein zu uns bist, erzählen wir dem Opa, dass du rauchst“. Muslimische Frauen sollten nicht rauchen, doch so streng hat das in ihrer Familie niemand genommen.

 

Ihr Dienst als Reinigungskraft beginnt um 06:00 Früh. Zu Mittag ist sie 3 Stunden zu Hause und um 16:00 geht sie wieder zur Arbeit. Wenn sie dann endlich um 22:00 zu Hause ist, ist sie todmüde.

 

Frau Sadeta hat noch einen Bruder in ihrer Heimatstadt. Er ist schwerkrank und kann nicht arbeiten, nach Österreich kann er aber auch nicht kommen, damit sie ihn pflegen kann. Sie selbst will nie wieder an diesen Ort des Schreckens zurückkehren. So überweist sie ihrem Bruder jeden Monat Geld. Ihre Schwester und ihre Mutter konnten damals nach Dänemark fliehen. Frau Sadeta hat sie erst einmal besucht, denn die Reise ist für sie unerschwinglich. Ihr bleibt im Monat nicht viel Geld über.

Auch ihre Schwester hat einen Sohn im Krieg verloren.

 

Vor einigen Jahren erhielt sie einen Brief vom Suchdienst des Roten Kreuzes. Die Leiche ihres jüngeren Sohnes konnte identifiziert werden. Er hatte einen Journalistenausweis bei sich. Nun hatte sie doch wieder einen Grund, in die Heimat zu fahren – um das Grab ihres Sohnes zu besuchen.

 

Ihr älterer Sohn, der dem die Haare ausgingen, als er seinen Heerdienst leisten musste, der so sportlich war und immer nur Markenjeans trug, der seiner Mutter Mut machte und sie überzeugte, die geliebte Heimat nicht zu verlassen - er ist immer noch nicht gefunden. Das einzige, was ihr von ihm geblieben ist, ist sein Führerschein. Sie trägt ihn immer bei sich in ihrer Geldbörse, zusammen mit einem Foto ihres jüngeren Sohnes.

 

Jeden „Ramazanski Bajram“ kämpft Frau Sadeta besonders schwer mit ihren Erinnerungen. Seitdem sie ihre Söhne verloren hat, kann sie nicht mehr feiern.

 

Frau Sadeta hat alles verloren, außer ihrem Leben. Trotzdem ist sie niemandem böse, verurteilt und richtet nicht. Sie hat den unbekannten Mördern ihrer Söhne vergeben und Frieden geschlossen, damit sie weiter leben kann.

Was sie quält, sind all die schönen lange vergangenen Erinnerungen und diese Ungewissheit über das Schicksal ihres älteren Sohnes. Wenn sie zumindest an seinem Grab trauern könnte … 

 

Frau Sadeta ist vom Leben gezeichnet und obwohl sie während unseres Gesprächs immer wieder zu weinen beginnt, hat sie viel Sinn für Humor. Gerne würde sie wieder so unbekümmert lachen können wie früher….

 

Und am Samstag geht sie wieder Möwen füttern, egal bei welchem Wetter.


[1] Die freiwillige Mitarbeiterin hatte im Jahr 2005 mehrere Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien getroffen, um „Ante Mortem Daten“ von ihnen zu erheben. Diese Daten tragen dazu bei, sterbliche Überreste von Menschen zu identifizieren, die auch heute noch in Massengräbern gefunden werden. Woran die Angehörigen am meisten leiden, ist die Tatsache, dass sie nicht wissen, was mit ihren – meistens männlichen – Verwandten geschehen ist und dass sie kein Grab haben, an dem sie sie betrauern können.