30.06.2014 16:23

Sommerserie: Liebe Grüße aus Sierra Leone

Dr. Michael Kühnel ist Sanitäter, Arzt, einsatzerfahrener Rotkreuz-Auslandsdelegierter und im Bereich der Hygiene und Trinkwasseraufbereitung ausgebildeter Techniker. Sein aktueller Einsatz führt in nach Sierra Leone. Seine Mission: die Verbreitung des tödlichen Ebola-Virus zu verhindern. Er schickt uns eine Ansichtskarte aus seinem Einsatzgebiet Kailahun:

Sommerserie: Liebe Grüße aus Sierra Leone

„Sierra Leone ist eines der ärmsten Länder der Welt, es liegt an der Westküste von Afrika, zwischen Guinea und Liberia. Als ob Cholera, Dengue und Malaria nicht schon schlimm genug wären, hat es seit Februar einige Tote aufgrund von Ebola gegeben.


Ebola ist ein leiser Killer, das Virus ist hochinfektiös und verbreitet sich über den Kontakt mit infizierten Menschen und Tieren. Das Blut verändert sich, es kommt zu Kopf- und Gliederschmerzen, Fieber, Ausschlag, Erbrechen und irgendwann zu inneren Blutungen. Über die Sterblichkeitsrate gibt es unterschiedliche Infos: Irgendetwas zwischen 60 und 95 Prozent.

 

Hunger nach Information


Das Virus ist im Erbrochenen, im Blut, im Harn, im Stuhl. Es gibt keinen Impfstoff dagegen und keine gezielte Therapie. Desinfektionsmittel, Handschuhe, Masken, Schutzanzüge und –brillen sind der einzige Schutz. Eine sehr aufwändige Ausrüstung für den Durchschnittsmenschen in Westafrika, der sich meistens bei der Pflege von infizierten Personen aus seiner Familie ansteckt. Unser Gegenmittel heißt Aufklärung und Information der Bevölkerung.


Die Leute hungern nach Information. Zeitungen sind nicht zielführend, da in Sierra Leone die Analphabeten-Rate bei etwa 70 Prozent liegt. Lokale Radiosender sind gute Anlaufstationen in so einem Fall, örtliche Versammlungen und Schulen sind ebenfalls Angelpunkte der Informationsweitergabe. Leider sind die Schulen derzeit geschlossen, weil die Eltern Angst um ihre Kinder haben.


Also beschließt unser international besetztes Rotkreuz-Team, die örtlichen Führer zu einer Informationsveranstaltung einzuladen. Wir bemühen uns, die spirituellen Oberhäupter der Gemeinschaften anzusprechen. Über 50 Imame, Pastoren und Priester kommen schließlich zusammen, um uns zum Thema Ebola zu lauschen.

 

Arbeit an den Wurzeln


Mit Information, Diskussion und Beantwortung aller Fragen dauert unsere Veranstaltung knapp fünf Stunden. Alle Parteien verlassen uns mit dem Versprechen, die Informationen über die Krankheit in Moscheen und Kirchen zu verbreiten. Es wird auch gemeinsame Radioauftritte aller Religionen geben.


Damit ist ein erster Schritt gemacht. Außerdem wurde eine kleine Ebolaklinik eröffnet, um den Patienten den über zwei Stunden dauernden Weg nach Kenema zu ersparen. Rotkreuz-Arbeit ist auch immer eine Arbeit an den Wurzeln, das heißt in den Dörfern. Wir starten laufende Schulungen für örtliche Rotkreuz-Freiwillige, die Menschen, die mit Ebola in Kontakt waren, beobachten.

 

Diese sogenannten „Tracer“ dokumentieren 21 Tage lang täglich, ob sich bei Familienmitgliedern von Erkrankten Symptome zeigen. Danach sollte keine Gefahr mehr bestehen.


Unsere Bemühungen sind hoch an der Zeit, über 400 Ebola-Todesfälle wurden bereits in Westafrika gemeldet. Der schlimmste Ausbruch der Krankheit seit Jahren. Wir hoffen sehr, dass unsere Informationskampagne die weitere Ausbreitung eindämmt.“

 

Teil 1 der Rotkreuz-Sommerserie "Liebe Grüße aus..." in der Delegierte und Rotkreuz-Helfer über ihre Tätigkeiten und aus ihren Einsatzgebieten berichten.

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