08.11.2016 13:23

Wenn Simbabwe in Wien liegt

Beim ersten Mapathon Österreichs trafen sich Freiwillige um grenzüberschreitend zu helfen. Die Verarbeitung geographischer Informationen gewinnt für Hilfsorganisationen an Bedeutung.

Wenn Simbabwe in Wien liegt

Klick. Bassam Qashqo fährt mit dem Cursor eine Straße entlang. Klick. Bassam markiert eine Gruppe von Häusern. Der geborene Syrer, Jahrgang 1987, sitzt in der Wiener Zentrale des Roten Kreuzes und hilft dabei, Mwenezi in Simbabwe genauer zu kartieren.

 

Die vorhandenen Sattelitenbilder enthalten noch kaum Informationen. Er ist einer von mehr als 40 Teilnehmern bei Österreichs erstem „Mapathon“ – bei dem sich Freiwillige mit ihren Laptops treffen, um Karten mit jenen Informationen zu versehen, die humanitäre Hilfskräfte vor Ort für ihre Arbeit brauchen.

Es ist Hilfe für weit entfernte Länder, ganz bequem bei Kaffee und Kuchen. Doch die erzeugten Daten sind wichtig und liefern die Basis für weitere technische Anwendungen. Generell wird die Bedeutung Geographischer Informationssysteme (GIS) immer wichtiger für die humanitäre Hilfe. Nicht nur, wenn es darum geht, nach Katastrophen mit interaktiven Karten das Ausmaß der Schäden zu erfassen, um Maßnahmen besser abstimmen zu können. Bereits davor kann viel getan werden.



An diesem Tag handelt es sich um ein Projekt von Ärzte ohne Grenzen. Die Kartierung der Straßen in Mwenezi soll die medizinische Versorgung von HIV-Patienten erleichtern. „Die Menschen vor Ort können noch weitere Details hinzufügen“, sagt Bassam. Die bei OpenStreetMap abgelegten Karten sind für alle zugänglich.

Interaktive Brunnen-Karte

Der Geograph und GIS-Experte, der seit 2012 für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Damaskus aktiv war, bevor er vor dem Krieg flüchten musste, eilt von Rechner zu Rechner um den Kollegen Anleitung zu geben. Mapping ist doch nicht ganz so einfach, wie es klingt. „In Syrien“, erzählt Bassam, „habe ich zum Beispiel mitgeholfen, anhand von GPS-Daten eine interaktive Karte von Brunnen in Aleppo zu erstellen – damit die Leute mit Hilfe ihres Handys rasch wissen, wo sie sauberes Trinkwasser bekommen.“ Ein gutes Beispiel dafür, dass Informationen genauso wichtig sein können wie ein Bissen Brot: Die interaktive Brunnen-Karte von Aleppo.



Martin Noblecourt von CartONG, einer NGO, die Mapping- und Informations Management-Dienste für Hilfsorganisationen anbietet, ist aus Frankreich angereist um den Mapathon zu unterstützen. Mapping ist wichtig, sagt er. Und die Bedeutung wachse. Im Rahmen des Projekts Missing Maps, einer vom Amerikanischen und Britischen Roten Kreuz 2014 mit gegründeten Aktion, seien weltweit bereits Millionen von Häusern verzeichnet worden. Hochgerechnet auf Personen soll bald die 20 Millionen-Marke geknackt werden. „In West-Afrika zum Beispiel konnten wir viel bewirken“, sagt Noblecourt. „In Guéckédou, wo der Ebola-Ausbruch in Guinea seinen Anfang nahm, gab es vorher nichts auf der Karte.“



Wie die Zukunft noch aufwändigerer GIS-Anwendungen und deren Bedeutung für humanitäre Organisationen aussehen könnte, zeigt ein Forschungsprojekt des Roten Kreuzes mit der Universität Salzburg und anderen Partnern. Die Analyse von Radar- und Satellitenbildern, die teilweise automatisch passiert, unterstützt die Helfer knifflige Szenarien zu lösen. Etwa wenn es darum geht, die Größe von Bevölkerungen abzuschätzen, Camps zu vermessen, oder zu beurteilen wo es sich lohnen würde, nach Wasser zu graben.

 

3D-Modellierung könnte dazu dienen, mehr über die Beschaffenheit von städtischen Gebieten und die dort stehenden Häuser zu erfahren. Bassam ist auch an diesem Projekt beteiligt. Während er auf seinen Asylbescheid wartet, absolviert er ein Masterstudium in Salzburg. Er steht auch mit seiner Person für den Mapathon-Geist. Dafür, dass Hilfe keine Grenzen kennen muss.

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