Der Brückenbauer

maurer

 

Der ehemalige Diplomat Peter Maurer ist seit 1. Juli 2012 Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Im Februar fand er auf einem kurzen Wien-Besuch die Zeit, im ÖRK-Generalsekretariat über aktuelle Fragen der humanitären Hilfe zu diskutieren.

Peter Mauer über…

...das Besondere am Roten Kreuz:

 

„Wir sind eine prinzipienbasierte humanitäre Bewegung, angesichts der Herausforderungen im Tagesgeschehen ist das außerordentlich und entspricht einem Bedürfnis nach Klarheit in der komplizierten Welt, in der wir uns befinden.“

 

...neue Herausforderungen für humanitären Organisationen:

 

„Wir sehen häufigere und schwere Umweltkatastrophen, sie treffen die ärmsten und jene Länder, die im Konflikt sind. Das Gemisch aus bewaffneten Konflikten, Armut und Klimawandel entwickelt explosive Dynamiken und fordert humanitäre Hilfe in Dimensionen, die wir bisher nicht gekannt haben. Da müssen wir uns als Rotkreuz-Bewegung entsprechend aufstellen.“

 

...eine schlagkräftige Rotkreuz-Bewegung mit maximalem Nutzen für Notleidende:

 

„Um schneller und gezielter reagieren zu können, braucht es eine andere Art der Kooperation. In der Rotkreuz-Bewegung müssen wir integrierter und koordinierter handeln und  glaubwürdige Wertversprechen gegenüber internationalen Gebern abgeben. Wir stellen die glaubwürdige Alternative zu humanitären Organisationen, die nicht neutral und unabhängig sind. Und das geht nur, wenn wir als Bewegung zusammen arbeiten. Den größten Nutzen für die betroffene Bevölkerung hätten wir, wenn wir Spezialitäten und Fähigkeiten von nationalen Rotkreuz-Gesellschaften kombinieren mit den Kapazitäten des IKRK.“


...komplizierte und schwer durchschaubare Konflikte:

 

„Meine zweite Sorge sind die Konflikte. Wir haben es mit infektiösen Konfliktsituationen zu tun, in denen humanitäre Probleme weit über die Grenzen eines Landes hinausgehen. In Situationen wie in Syrien erleben wir die Auflösung von Systemen. Das Gesundheitssystem im Nahen Osten ist daran, zu zerfallen. In Syrien fällt die medizinische Versorgung aus, die Leute sterben an Epidemien oder chronischen Erkrankungen, weil es keine Behandlungsmöglichkeiten mehr gibt. Das beobachten wir von Syrien über Mali bis zum Horn von Afrika.“

 

 

 

evakuierung ifrc

...die Sicherheit der Rotkreuz-Helfer:

 

„Unsere Hilfsaktivitäten sind die größten Produzenten von Sicherheit. Weil die Hilfe bei den Menschen ankommt. Zum Beispiel der Norden von Mali: Dort haben wir innerhalb von zehn Tagen eine funktionsfähige Hilfsoperation für 500.000 Menschen aufgebaut. Da hat die Bevölkerung gleich und direkt etwas davon gehabt. Und es war dann die Bevölkerung, die den bewaffneten Gruppen erklärt hat, dass wir als Rotes Kreuz ‚off limits‘ sind. Es ist die Transparenz, die unsere Sicherheit bedingt. Natürlich ist es oft ein Wagnis, die notleidende Bevölkerung erreichen.“


...Sorgen mit dem humanitären Völkerrecht


„Wir kommen in Situationen, in denen selbst ein minimales Verständnis dessen was wir machen gänzlich fehlt. Wenn dieser minimale Konsens fehlt, sind wir zurück geworfen in die Zeit vor Solferino! Das macht uns sehr große Sorgen.
In heutigen Konflikten treffen die traditionellen Normen des Völkerrechts auf Realitäten, die schwierig zu behandeln sind. Es gibt neue Waffen, neue Akteure, die Vermischung von Motiven und die Schlachtfelder sind nicht geographisch manifest Schlagwort Cyberwar.“

 

 

...die Bürde seines Amtes

 

„Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, das plagt mich nicht. Ich versuche, möglichst nahe bei den Operationen zu sein. Was man bei Reisen in diese Gebiete sieht, die Opfer, das ist  nichts, das man einfach wegwischen kann. Allerdings hilft meine Betroffenheit niemandem, ich versuche die Situation wieder zu rationalisieren und in Verhandlungstaktik umzusetzen, in rationale Gesprächsenergie. Das ist eine starke Motivation, Energie ist viel wichtiger als die Betroffenheit ob der Not. Es ist gesünder und für die Organisation besser mit der Not konfrontiert zu sein und Motivation daraus zu schöpfen, als zu klagen. Deshalb reise ich in Krisengebiete.“

 

...das Krisengebiet Syrien

 

„In Syrien bin ich oft an einem Punkt: Zwischen den Versprechen und den eingehaltenen Dingen gegenüber dem IKRK besteht eine Riesendiskrepanz. Wir beginnen immer wieder von vorne mit den Verhandlungen. In Syrien beziehen weder die Regierung noch die Opposition irgendwelche humanitär menschlichen Gedanken in ihre Überlegungen ein. Die Logik der unparteiischen Hilfe akzeptieren beide nicht. Alles wird verhandelt, wir erleben die Politisierung der humanitären Hilfe. Wir bewegen uns auf einer äußerst schmalen Gratwanderung, entscheiden ständig, was noch einigermaßen akzeptabel ist. Gleichzeitig ist Syrien unser größtes Hilfsprogramm – wir haben Zugänge, aber was wir machen ist zu spät für viele. Die Diskrepanz zwischen dem, was wir machen und der Not nimmt täglich zu.“

socialshareprivacy info icon