"In Syrien ist man lebendig tot"

Zwei Männer aus Syrien erzählen ihre Geschichte. Sie haben das Schlimmste durchgemacht, um nach Österreich zu kommen. Das Schwierigste - wieder mit ihren Frauen und Kindern vereint zu sein und ein Leben in Frieden zu führen - steht ihnen noch bevor.

 

Ahmed ist ein Familienvater, der nichts als Schulbildung und Sicherheit für seine vier Töchter will. Und er ist ein junger Mann, der gerne lacht und sich etwas aufbauen möchte.

 

Fath ist etwas älter, Mitte 50 vielleicht. Zwei seiner Söhne sind in syrischen Gefängnissen verschwunden. In Österreich kämpft er dafür, dass er seine Frau und seine Tochter herholen darf.

 

Beide sind vor den Grauen des Bürgerkriegs in ihrem Heimatland geflohen, weil die Bedrohung immer unberechenbarer wurde und weil sie ihre Familien schützen wollten.

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Ahmed, mit 30 Jahren ein junger Vater, wollte seine drei Töchter schonen. „In Syrien hatten wir das Gefühl zu ersticken“, erzählt er. „Mein Traum ist, dass meine Mädchen etwas lernen können und gebildet werden, damit sie im Leben weiterkommen.“

Fath, der ältere der beiden, hat seine Heimatstadt Latakia verlassen, weil eine Razzia des Regimes drohte. Für syrische Palästinenser wie ihn wurde die Lage beinahe täglich bedrohlicher. So beschloss die ganze Familie zu fliehen. Autos wurden vollgepackt, möglichst viel Hab und Gut mitgenommen. Nur einer blieb zurück. Der Sohn Ahmed, der sich keines Vergehens schuldig sah, wollte zu Hause bleiben. Am nächsten Tag wurde Ahmed verhaftet und verschleppt. Seit zwei Jahren und vier Monaten wird er inzwischen vermisst.

 

Letzte Hoffnung Suchdienst

 

In Österreich haben sich die beiden Männer an den Suchdienst des Roten Kreuzes gewandt. "Der Suchdienst ist eine Kernaufgabe des Roten Kreuzes und die Anlaufstelle, wenn es um Personensuche, Schicksalsklärung oder Familienzusammenführung geht", erklärt Claire Schocher-Döring, Leiterin des ÖRK-Suchdienstes.  "Wir sind der letzte Strohhalm, zu uns kommt man, wenn alle anderen Mittel, das Internet, Telefon usw. ausgeschöpft sind. Wir arbeiten rund um die Welt im Netzwerk von 189 nationalen Rotkreuz-Gesellschaften bei der Personensuche zusammen."  Für die Suche stützt sich das Rote Kreuz auf das weltumspannende Netzwerk der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung.

Fath musste die schlimmste Erfahrung seines Lebens noch einmal machen: Auch sein ältester Sohn wurde verhaftet und verschwand in der Gefangenschaft. Angeblich handelte es sich bei der Festnahme um eine Verwechslung, der Sohn sollte nach zwei Tagen wieder frei kommen. „Diese zwei Tage dauern nun schon über zwei Jahre“, erzählt der Mann unter Tränen. Zweimal hätten sie den Sohn in der Gefangenschaft noch besuchen können, bevor er verschwand. Beim zweiten Mal war der junge Mann nicht mehr wiederzuerkennen.

 

Um das Verschwinden von Gefangenen in Konflikten zu verhindern, führt das Internationale Komittee vom Roten Kreuz so genannte Gefangenenbesuche durch. Wenn die Rotkreuz-Delegierten Zugang zu den Inhaftierten bekommen, werden diese registriert, dürfen sich unter vier Augen mit den Rotkreuz-Delegierten unterhalten und Rotkreuz-Nachrichten an ihre Familie schreiben. Auf dieses Recht von Kriegsgefangenen und in Zusammenhang mit Konflikten Inhaftierten pocht das IKRK in vielen Konfliktgebieten leider vergeblich.

 

Über Libyen nach Wien


Sicherheit für den Rest der Familie versprach einzig die Flucht ins Ausland. Irgendwann im Sommer des Vorjahres besteigt Fath in Libyen eines der gefürchteten Schlepperboote nach Italien. Er hat Glück, schafft es nach Mailand und landet schließlich in Wien, um hier um Asyl anzusuchen. Seine Frau und seine Tochter bleiben in Syrien, in der Hoffnung, den Sohn doch noch retten zu können.

Inzwischen hat er einen Antrag auf Familienzusammenführung gestellt, um sie nach Österreich zu holen. Die Tochter muss in Syrien bleiben, sie ist 19 geworden und damit volljährig und hat kein Recht auf Familienzuzug. Die einzige Lösung, um das Kind nicht ganz allein in Syrien zurück zu lassen: Die Tochter muss heiraten.

Auch Ahmed und seine Familie sind syrische Palästinenser. Er hat beim ÖRK einen Suchantrag für seinen Bruder gestellt, der in Syrien verschwunden ist. Als einer von 400 Palästinensern, die an einem Tag verhaftet werden. Bis auf 50 sind alle von ihnen verschwunden.

 

Unerwünschte Flüchtlinge



Ahmed ist mit seiner Frau und den drei kleinen Töchtern geflohen. Zuerst nach Jordanien, dann in den Libanon. „Als Palästinenser ist man überall unerwünscht, Arbeit findet man sowieso keine“, sagt er. Also beschließt auch er, sich auf den gefährlichen Weg Richtung Westen zu machen. Der erste Versuch scheitert, als einer von 116 überlebenden Bootsflüchtlingen, die von Ägypten aus aufgebrochen waren, wird er zurück in den Libanon geschickt.

 

Seine vierte Tochter wird im Libanon geboren. Ahmed wagt nach sechs Monaten einen erneuten Aufbruch, getrieben von der Vorstellung: „Wenn ich nichts unternehme, werden meine Töchter lebendig und tot gleichzeitig sein.“ Als er aus dem LKW stolpert, in den ihn die Schlepper gepfercht haben, weiß er noch gar nicht, dass er in Österreich angekommen ist.



Beide Männer sind sehr dankbar für die Hilfe, die ihnen als anerkannten Konventions-Flüchtlingen in Österreich zuteil wird. Der Alltag birgt aber auch viele Schwierigkeiten und Probleme, sie versuchen sie zu lösen, manches Mal sind sie aber auch auf Hilfe angewiesen. Die größte Barriere, die ihrem Wunsch, dem Land Österreich und seinen Bewohnern auch etwas geben zu können, entgegensteht, ist die Sprache.

 

„Es ist schwierig, einen Sprachkurs zu bekommen, ich bin seit drei Monaten dafür angemeldet und warte auf eine Möglichkeit“, sagt Ahmed. Wenn sie einmal Deutsch können, dann könnten sie auch eine Arbeit finden und für ihre Familien sorgen, sagen die beiden. „Während wir warten, gibt es höchstens Kurzzeitjobs zum Beispiel als Obstpflücker, wir sind zum Nichtstun verbannt und das ist auch eine psychische Belastung“, erklärt Fath.


Für Ahmeds vierte kleine Tochter ist der Vater so weit weg, dass sie zu ihrem Onkel Papa sagt. Faths Tochter musste bei ihrer Hochzeit ohne ihren Vater auskommen. Die Trennung von ihren Angehörigen ist das Schwierigste für die beiden. Hoffentlich ist sie bald überwunden.

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