IKRK-Präsident Peter Maurer fordert freien Zugang nach Aleppo

Bei einem Besuch in Wien sprach der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) über den Konflikt in Syrien und die Zukunft der humanitären Hilfe.

 

In Syrien wird wieder gekämpft und auch im irakischen Mosul bangen Zivilisten um ihr Leben: Die Lage im Nahen Osten ist angespannt und die Herausforderungen für humanitäre Organisationen nehmen zu. In Aleppo ist es dem Roten Kreuz während der letzten kurzen Feuerpause nicht gelungen, ausreichend Hilfsgüter zu liefern und eingeschlossene Zivilisten zu evakuieren. „Es ist nicht so, dass wir nicht helfen könnten“, sagt IKRK-Präsident Maurer. „Unsere Lager sind voll und das Personal steht bereit. Aber wir bekommen keinen sicheren Zugang, weil der Konsens unter den Kriegsparteien fehlt. Das Problem ist die öffentliche Debatte über den Krieg, all die gegenseitigen Schuldzuweisungen.“

 

Man habe es in den Verhandlungen mit 30 bis 35 unterschiedlichen Rebellengruppen, mehreren regimetreuen Armeekorps und anderen syrischen Behörden zu tun. Und obwohl fast alle Seiten betonten, dass der Konflikt militärisch nicht zu gewinnen sei, würde der Sieg von allen Seiten immer intensiver gesucht. „Es herrscht ein großer Widerspruch zwischen dem politischen Bekenntnis zu einer Verhandlungslösung und der Realität. Keine der Kriegsparteien, die den Ton angibt, hat letztlich Probleme Waffen und Geld zu erhalten. Als Präsident des IKRK kann ich nur darauf aufmerksam machen, dass die realen Kosten dieser Diskrepanz von Zivilisten getragen werden.“ Trotzdem bleibt Maurer positiv und hofft auf einen baldigen Zugang für die Helfer in den eingeschlossenen Osten der syrischen Metropole. „Unsere klare politische Forderung ist, dass wir ungehinderten Zugang haben müssen um den Menschen zu helfen.“

 

Natürlich sei es auch ein großes Problem, wenn Hilfskonvois bombardiert und medizinische Einrichtungen angegriffen würden. „Diese Attacken sind fundamentale Verletzungen des humanitären Völkerrechts und stellen ein riesiges Problem dar. Ich bin aber niemand der jetzt sagt, dass alles den Bach runter geht. Die Normen sind trotzdem relevant und helfen uns, das Gespräch zwischen den kriegführenden Parteien wieder herzustellen.“ Letzten Endes machen Werte wie Neutralität die Einzigartigkeit der Rot-Kreuz-Bewegung aus. Die Gedanken der Gründerväter sind nach wie vor aktuell.

 

Und die künftige Entwicklung? In der Praxis gibt es eine zunehmende Kluft zwischen den exponentiell wachsenden Bedürfnissen an humanitärer Hilfe und den höchstens linear steigenden Möglichkeiten des IKRK. Daher hält man nach neuen Finanzierungsformen Ausschau – etwa durch Kooperationen mit Unternehmen. Vor fünf Jahren hat das operative Budget rund eine Milliarde Schweizer Franken betragen, heute sind es schon 1,65 Milliarden. „Ein bedeutender Anstieg, der die neuen Problemlagen reflektiert, mit denen wir es zu tun haben“, sagt Maurer. „Das IKRK leistet kurzfristig Nothilfe, ist aber immer stärker in Konflikte involviert, die länger dauern.“

 

Er habe in Gesprächen mit Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) und Nationalratsabgeordneten deshalb auch darauf aufmerksam gemacht, dass es beim Einsatz der Gelder eine Neuorientierung geben müsse. „In vielen Ländern – inklusive Österreich – wird immer noch viel zu starr zwischen Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe unterschieden. Das entspricht nicht der Realität.“ 

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