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Armut hat viele Gesichter. Sie wird in den unterschiedlichsten Lebensbereichen sichtbar und umfasst ökonomische, soziale und kulturelle Aspekte: Wohnsituation, Krankheit, Verschuldung und die fehlende Teilnahme am gesellschaftlichen Leben sind nur einige davon.

 

Armutsauslöser Schulden

Das verlockende Angebot kam gerade recht – endlich steht der neue Fernseher in der Wohnung. Er war zwar trotz allem nicht billig, aber ab und zu ein Kauf auf Raten stellt für die meisten Menschen kein Problem dar. Durch plötzliche Änderungen der Lebensumstände können jedoch scheinbar ganz alltägliche Handlungen wie das Abzahlen eines Kredites oder Ratenkäufe zu enormen Belastungen werden. Aufgrund von unerwartetem Einkommensverlust werden Schulden zum massiven Schuldenproblem, das jede und jeden treffen kann: Arbeitslosigkeit, Scheidung, ein Leben als Alleinerzieher/in oder eine schwere Krankheit führen oft zu unüberschaubarer Überschuldung, aus der man sich allein kaum befreien kann. Überschuldung bedeutet, fällige Schulden innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens nicht zurückzahlen zu können. Dass die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben dadurch stark eingeschränkt wird, liegt auf der Hand: es ist keine finanzielle Absicherung vorhanden, zusätzliche Ausgaben – etwa für dringende Reparaturen – können nicht aufgebracht werden, besondere Anlässe wie Urlaube oder Weihnachten sind praktisch nicht finanzierbar, die Partizipation an kulturellen Ereignissen und das Aussprechen von Einladungen werden unmöglich. Die Inanspruchnahme üblicher und meist notwendiger finanzieller Leistungen wie z. B. eines Girokontos ist unzugänglich. In Österreich haben laut Einschätzung der Schuldenberatung rund 300.000 Haushalte Schuldenprobleme – nur ein Bruchteil (7 %) wendet sich an Schuldenberatungseinrichtungen.

Kein Zuhause – kein Schutz

Ein geschützter Wohnraum stellt ein menschliches Grundbedürfnis dar. Ein „Zuhause“ zu haben bedeutet Sicherheit und die Erfüllung vieler physischer und psychischer Bedürfnisse. Armen Menschen fehlt oft dieser Wohnraum – zu diesem Mangel zählt nicht nur die im schlimmsten Fall in der Öffentlichkeit sichtbare Obdachlosigkeit. Auch wenn ein möglicher Wohnungsverlust zur ständigen Bedrohung wird, der Wohnraum stark beengt oder das Wohnen darin aus anderen Gründen zur Zumutung wird, werden die persönliche Autonomie und der gesellschaftliche Status eines Menschen beschränkt.
Ein Mangel an geschütztem Wohnraum kann mehrere Ursachen haben, vor allem wenn ein zu geringes Einkommen hohen Mietkosten gegenübersteht. Vergleichsweise günstige Wohnungen sind wiederum häufig sehr schlecht ausgestattet und sogar gesundheitsbelastend – und doch sind sie für arme Menschen oft nicht leistbar. Besteht bereits ein hoher Mietrückstand, folgt die Delogierung und somit Wohnungslosigkeit. Auch Wohnungslosigkeit kann durch ihre vielen unterschiedlichen Ursachen die verschiedensten Menschen treffen – in Österreich in den letzten Jahren auch jene, die bisher eher Ausnahmen bildeten: junge Erwachsene, Menschen mit psychischen Erkrankungen und hoch verschuldete Menschen.

Armut macht krank

Arme Menschen weisen einen schlechteren Gesundheitszustand auf und sterben früher als jene, die nicht von Armut betroffen sind. Der Zusammenhang von Armut und Krankheit ist unbestritten. Schlechte Arbeitsbedingungen in unterbezahlten, eintönigen Jobs und unzumutbare Wohnverhältnisse führen zu einer großen Belastung der physischen und psychischen Gesundheit. Zudem kommt gesundheitsgefährdendes Verhalten wie etwa Rauchen, Übergewicht oder mangelnde Bewegung bei armen Menschen besonders häufig vor. Sie nehmen außerdem viele gesundheitliche Vorsorgemöglichkeiten nicht oder nur in geringem Ausmaß wahr.


Sozialhilfeempfänger verfügen zwar über Versicherungsschutz, eine E-Card besitzen sie jedoch nicht – so kommt es einmal mehr zu einer Stigmatisierung. Jeder Zweite, der Anspruch auf Sozialhilfe hätte, beantragt diese nicht: aus Scham oder Angst vor Schwierigkeiten mit dem Sozialamt. Besonders problematisch wird es dann, wenn keine Krankenversicherung vorhanden ist – in Österreich betrifft dies aktuell rund 100.000 Menschen. Sie verfügen über ein niedriges Einkommen und einen vergleichsweise schlechten Gesundheitszustand.

 

Vor allem Arbeitslose ohne Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung, Menschen in prekärer Beschäftigung, Personen in psychischen Krisen und Frauen, die nach einer Scheidung nicht mehr mit ihrem Ehemann mitversichert sind, verfügen über keinen Versicherungsschutz. Sozialexperte Martin Schenk beschreibt die Situation so: „Für viele ist der mangelnde Krankenversicherungsschutz kurzzeitlich, für manche dauerhaft. Es ist ein Mix aus strukturellen Lücken, sozialen Benachteiligungen, fehlenden persönlichen Ressourcen und mangelnder Information“.


Die so entstehenden psychosozialen Stresssituationen – „Ich kann mir nicht leisten, krank zu werden“ – schwächen wiederum die Gesundheit und die Widerstandskraft der betroffenen Menschen massiv und führen in einen Teufelskreis, aus dem es für viele nur schwer einen Ausweg gibt.

Armut macht einsam

 

Armut ist eine leise Katastrophe, für die sich die Betroffenen schämen. Das Leben am Existenzminimum soll möglichst in der Familie bleiben. So gut und so lange es geht wird der Schein nach außen gewahrt. Menschen, die in Armut leben, schotten sich nach außen ab. Ein Leben, das besonders für die Kinder, die in der Schule Kontakt zur normalen Gesellschaft haben, belastend ist.

 

Auch die Wirtschaftskrise lässt täglich mehr Menschen in die Armut schlittern. Besonders kinderreiche Familien und Jugendliche haben durch die verringerten Möglichkeiten am Arbeitsmarkt zu kämpfen. Alarmierend ist die wachsende Verletzlichkeit von jungen Menschen, die aufgrund der Krise keinen Einstieg in die Arbeitswelt finden. Weniger Gelegenheitsjobs bedrohen die Einkommen der ärmsten Gesellschaftsschichten.

 

Quellen:

  • www.armutskonferenz.at
  • Butterwegge, Christoph: Armut in einem reichen Land. Campus Verlag (2009)
  • Fuchs, Michael; u. a.: Nicht krankenversicherte Personen in Österreich (2004)
  • Kargl, Martina: Wohnungslosigkeit – Probleme und Lösungen (2008)
  • Kopf, Peter: Leben Sie einmal mit 2,30 Euro am Tag! (2008)
  • Mielck, Andreas: Armut macht krank – Krankheit macht arm (2008)
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