„Armut ist immer relativ“

Martin Schenk

 

Interview mit Martin Schenk, Vorsitzender der Armutskonferenz.

 

Die Armutskonferenz vertritt für Österreich den sogenannten relativen Armutsbegriff, der sich am Wohlstand der Gesellschaft orientiert. Die Zahl der Armutsbetroffenen wird ermittelt nach einem mathematischen Schlüssel, trifft das zu?

 

Martin Schenk: Ja und nein. Ein Armutsbegriff, der ausschließlich auf Geldeinkommen basiert, greift zu kurz. Ich denke, das ist eine Definition, mit der niemand zufrieden ist.

„Armut ist eine Kombination aus Mangel an Gütern und Mangel an Möglichkeiten.“

 

Welche Defintion von Armut schlagen Sie vor?

 

Armut ist eine Kombination aus Mangel an Gütern und Mangel an Möglichkeiten. Beides zusammen ist Armut, und man versucht, dieses Konzept unter dem Begriff der manifesten Armut darzustellen, der bedrückende, schwierige, ausgrenzende Lebensverhältnisse mit Geldmangel kombiniert. Die Statistik Austria und die Armutskonferenz haben hier in der Forschung eine europäische Vorreiterrolle.

 

Würde es gegen Armut wirken, die höheren Einkommen zugunsten der niedrigen zu reduzieren?

 

Nicht unbedingt, es hängt davon ab. Es ist wie bei einem Abfahrtsrennen. Unter den ersten zehn Plätzen ist der fünfte Platz der Medianwert. Selbst wenn der erste nur wenig Vorsprung auf die nächsten hat, bleiben die Plätze gleich. Es geht um soziale Ungleichheit, und es geht um konkrete Lebensbedingungen. Man muss beides im Blick haben.

 

Dennoch ist Armut in Österreich etwas ganz anderes als in einem Entwicklungsland. Wie stellt man Armut in ärmeren Gesellschaften dar?

 

Mit 600 Euro lebt man hier unter der Einkommensarmutsgrenze. Damit kann man in Nairobi oder Kalkutta ganz gut leben, man ist vielleicht sogar Mittelschicht dort. Der Punkt aber ist, dass mit den 600 Euro hier die Miete zu zahlen ist, hier die Stromrechnung, hier eingekauft werden muss und hier die Kinder Schulsachen brauchen. Armut setzt sich immer ins Verhältnis.

 

Wie definiert man dann die Bedürfnisse, die gerade zum täglichen Überleben reichen?

 

Man spricht von absoluter Armut, wenn Menschen frieren, hungern, kein Dach über dem Kopf haben – wobei auch das ein Verhältnisbegriff ist. Ich würde dazu extreme oder existenzielle Armut sagen.

 

Die Armutskonferenz definiert Armut auch über das Schämen. Wer sich für seine Armut schämt, findet noch schwieriger heraus, wird womöglich krank, die Krankheit führt dazu, dass man keine Möglichkeiten mehr hat ... Hier würden sich doch Instrumente wie die Spontanhilfe des Roten Kreuzes eignen, um Menschen in Notlagen zu helfen?

 

Armutsbekämpfung spielt sich auf drei Ebenen ab: auf der gesellschaftlichen Ebene, also politisch, strukturell, ökonomisch. Dann auf der Ebene der Gemeinschaft, das sind Familien, Netzwerke, selbstgewählte soziale Vereinigungen. Das reicht von der Nachbarschaftshilfe über die Pfarrgemeinde bis zur NGO. Drittens die personale Ebene.

Welche dieser Ebenen ist die wichtigste?


Der gefährlichste Schluss ist, dass eine Ebene wichtiger wäre als die andere. Die richtige Balance, der richtige „Welfare Mix“ an Maßnahmen erzeugt erst eine Hebelwirkung.

 

Welche Maßnahmen sind nötig?

 

In einer Solidarkultur wäre das auf der personalen Ebene die Empathie, das Mitgefühl, die Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Auf der Gemeinschaftseben zählen Dienstleistungen, wie sie z.B. die NGOs bereitstellen. Das wird oft unterschätzt. Die strukturelle Ebene wiederum funktioniert anonym, das ist die soziale Versicherung, oder die universelle Sozialleistung, die auf Grundrechten basiert. Das sind die drei Ebenen, auf denen Solidarität funktioniert.

 

Teil 2 des Interviews: Funktioniert Solidarität heute noch? Welche Auswirkungen hat die Höhe von Sozialleistungen auf die Solidarität? Was bewirkt ein Grundeinkommen? weiter

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