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Es gibt deutliche Hinweise auf einen allmählichen Rückgang des traditionellen Ehrenamtes. Es gibt aber insgesamt betrachtet eher eine Zunahme an freiwilligem gesellschaftlichem Engagement. Allerdings speist sich dieses Potenzial nicht mehr aus einer kontinuierlichen oder gar lebenslangen Anbindung an eine bestimmte Organisation. Motive wie individuelle Authentizität oder konkrete Projekte der Veränderung in der eigenen Lebenswelt lassen eher punktuelle, themenbezogene und projektbezogene Formen des freiwilligen Engagements erwarten.“
(Heiner Keupp, Sozialpsychologe)

Die Gesellschaft befindet sich im raschen Wandel – und auch das Ehrenamt nimmt neue Formen an. Nicht nur die Finanzkrise hat Auswirkungen auf NPOs und NGOs, auch die Veränderungen der Menschen in Richtung Individualisierung, die Globalisierung und Technologisierung beeinflussen die freiwillige Arbeit. Die gesellschaftliche Individualisierung könnte sogar der neue Motor der Freiwilligkeit sein. Auch bei der Freiwilligenarbeit sind die Menschen kritischer und wählerischer, und obwohl man durch Freiwilligenarbeit auch viel für sich selbst tut, entsteht dadurch in erster Linie ein Mehrwert für andere und die Gemeinschaft.
Die Tendenz zur informellen Freiwilligenarbeit wird stärker, die Entscheidung zu freiwilliger Tätigkeit insgesamt bewusster getroffen. Weiters trägt der Trend zu lebenslangem Lernen dazu bei, auch freiwillige Arbeit nach Bildungswerten zu prüfen. Freiwilliges Engagement ist also ein Indikator für gesellschaftlichen Wandel und nimmt gleichzeitig selbst eine gestaltende Rolle ein. Angesichts dieser Veränderungen müssen neue Formen, Ideen und Potenziale innerhalb ehrenamtlicher Tätigkeiten geschaffen werden.

Neue Potenziale

Der oder die „typische Freiwillige“ in Österreich ist zwischen 30 und 50 Jahre alt, meist verheiratet, besitzt die österreichische Staatsbürgerschaft und ist angestellt oder selbstständig. Doch gerade in den Altersgruppen unter 30 und über 50 Jahren liegt großes Potenzial: Die Jungen wollen sich nicht mehr ihr ganzes Leben lang an eine Organisation binden, sondern lieber themenbezogen und punktuell helfen, verstärkt in ihrem unmittelbaren Lebensbereich, wo sie die Ergebnisse ihres Engagements direkt sehen und erleben können (z.B. Team Österreich).

 

Gemeinsam mit dem Österreichischen Roten Kreuz und dem Verein Kurier Aid Austria hilft Accenture bei der Förderung sozial benachteiligter 13–15 jähriger Jugendlicher im Lernhaus. Warum gerade bei diesem Projekt geholfen wird erklärt Klaus Malle, Country Managing Director von Accenture Österreich: „Junge Menschen von heute sind die Fachkräfte von Morgen. Österreich braucht mehr kluge Köpfe, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Deshalb unterstützt Accenture diese Initiative sehr gerne. Nicht nur als Geldgeber, sondern auch mit Pro-Bono-Leistungen und ehrenamtlicher Unterstützung unserer Mitarbeiter.“

 

Menschen zwischen 50 und 60 Jahren scheiden oft schon aus dem Erwerbsleben aus und möchten in ihrer gewonnenen Freizeit etwas Sinnvolles tun. Die Menschen werden in Zukunft außerdem nicht nur älter, sondern dabei auch aktiver, gesünder und gebildeter. Ihre Motive, sich freiwillig zu engagieren, sind vielfältig: Solidarität, Verantwortungsbewusstsein, die Weitergabe eigener Erfahrungen, neue Bekanntschaften oder einfach das Gefühl, gebraucht zu werden.

 

Das Rote Kreuz hat erkannt, dass es an der Zeit ist, neue Zielgruppen zu erschließen und hat konkrete Angebote zur freiwilligen Mitarbeit. Neben den vielen Kursen und Möglichkeiten des Engagements verbindet im Speziellen „Babyfit“ ein interessantes Jugendthema mit einer typischen Rotkreuz-Kompetenz. In diesem Babysitterkurs lernen Teenager ab 14 Jahren, wie man richtig mit Kindern umgeht.

 

Im Rahmen des Projekts „SLIC“ bietet das Forschungsinstitut des Roten Kreuzes in einem Workshop für Menschen ab 50 die Möglichkeit einer ersten Orientierungshilfe für zukünftige freie Mitarbeit. Häufig engagieren sich Senioren und Seniorinnen im Besuchsdienst – wie etwa im Team der Gesundheits- und Sozialen Dienste des Roten Kreuzes Lustenau, das ausschließlich aus freiwilligen Mitarbeitern besteht. Von freiwilligen Tätigkeiten wie diesen haben alle ihre Vorteile – für andere Gutes tun und aktiv bleiben hält einen auch selbst gesund.

Neue Konzepte

Immer mehr Unternehmen engagieren sich auch in Österreich im Corporate Volunteering, dem Einsatz von Humanressourcen eines Unternehmens für gemeinnützige Zwecke, die über das eigentliche Kerngeschäft hinausgehen. So  verbringen Wirtschaftsprüfer etwa regelmäßig Zeit in einer Hausgemeinschaft älterer Leute, Mitarbeiter eines großen Pharmakonzerns helfen einmal im Monat bei der Caritas Wien. Auch die Ausflüge einer Gruppe von Kindern, die auf Rollstühle angewiesen sind, werden durch die Hilfe der Angestellten eines Waschmittelherstellers erst möglich gemacht. Ohne das von den Unternehmen geförderte freiwillige Engagement dieser Helfer könnten viele NPO- und NGO-Projekte nicht durchgeführt werden. Es gibt zahlreiche Wege des Corporate Volunteering, wichtig ist dabei immer die Nachhaltigkeit. Die Mitarbeiter freuen sich, wenn sie aus dem Arbeitsalltag heraustreten und etwas Sinnvolles für andere tun können. Von gut organisierten Aktionen profitieren alle Beteiligten.

Wo kann ich etwas tun?

Wohin kann man sich wenden, wenn man selbst in der Freiwilligenarbeit aktiv werden will? Welcher Bereich ist der Richtige für mich? Sinnvoll, so die Leiterin des Instituts für interdisziplinäre Nonprofitforschung in Wien, Dr. Ruth Simsa, wäre eine „NPO-übergeordnete Zentrale, die zeigt, was es gibt“.
Auch die Links, die Sie hier in der rechten Spalte finden, bieten einen Überblick.

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