"Was bleibt, ist die Angst". Anonym, Tschetschenien

Ex-Jugoslawien. Bosnien Herzegowina. Tausende Familien sind nach wie vor im Unklaren über das Schicksal von Angehörigen.

Ich erinnere mich an diesen Morgen, als wäre es gestern gewesen. Am 9. Oktober 2004 stürmte um 06:00 in der Früh eine Gruppe von etwa zehn bewaffneten und maskierten Männern in unser Haus.


Die Männer fragten, ob männliche Familienangehörige zu Hause seien. Wir verneinten. Es waren nur meine Schwester, meine Tante, meine Kinder und ich anwesend. Meine Eltern waren in dieser Woche gerade nicht da, mein Mann war während eines Militäreinsatzes gefallen, meine Schwester unverheiratet und meine Tante schon lange Witwe.

 

Da griffen sie nach meiner Tante und sagten: „Dann wirst du mit uns gehen, weil du die Älteste bist.“ Wir waren alle furchtbar erschrocken und fragten: “Wieso? Wieso nehmt ihr sie mit? Sie hat doch gar nichts getan!” Aber sie antworteten nicht. Sie sagten, dass sie “es herausfinden” und sie dann zurückbringen werden. Ich packte meine Tante am Arm und hielt sie fest, damit die Männer sie nicht mitnehmen konnten. Aber sie sagten: “Wenn du weiter Widerstand leistest, werden wir dich und die Kinder auch mitnehmen.“ Dann warfen sie mich auf das Sofa und schlugen mich mit dem Gewehrkolben.


Die Bewaffneten durchsuchten das Haus und nahmen Ohrringe, Geld und das Mobiltelefon meiner Tante mit. Sie brachten sie dann auf die Straße und setzten sie in ein in der Nähe parkendes Auto.

 

Wir versuchten verzweifelt, sie zu finden, fragten in lokalen Gefängnissen und berichteten einem Staatsanwalt vor Ort von dem Vorfall. Wir versuchten es sogar über inoffizielle Kanäle. Alles ohne Erfolg. Ich bin dann mit meinen Kindern geflohen, weil ich große Angst um sie hatte. Es geschehen so furchtbare Dinge in meiner Heimat. Menschen verschwinden, nicht nur meine Tante. Meistens sind es junge Männer. Mein Sohn ist gerade 14 geworden. Ich wollte nicht, dass ihm etwas geschieht.

 

Auch hier in Österreich haben mir Landsleute viele schreckliche Vorfälle aus unserer Heimat erzählt. Von Leuten, die ganze Ortsteile abriegeln und die Häuser auf Waffen und versteckte Rebellen durchsuchen. Die Anwesenden werden geschlagen, ausgeraubt, manchmal grundlos getötet, ohne jeglichen Verdacht inhaftiert oder einfach verschleppt. Manche Familien hatten die Möglichkeit, ihre entführten Verwandten wieder freizukaufen. Die, die konnten, sind sofort geflohen. Wenn jemand aber nicht genug Geld hat, sieht er den Entführten meist nie wieder. Sogar die Leichen müssen, um bestattet werden zu können, erst freigekauft werden.


Meine Eltern und meine Schwester leben immer noch in Tschetschenien. Es geht ihnen soweit gut, aber von meiner Tante haben sie nie wieder etwas gehört.

 

Was bleibt, ist eine furchtbare Angst und Ohnmacht, zugleich auch Hass und Verzweiflung, weil man keine Möglichkeit hat, sich zu wehren.

 

 

 

"Ich habe alles verloren, außer meinem Leben"

Ex-Jugoslawien. Bosnien Herzegowina. Tausende Familien sind nach wie vor im Unklaren über das Schicksal von Angehörigen. Die Schuhe sind alles, was den Eltern vom Sohn blieb. Ein Rotkreuz Team erhebt ante
Allein in Bosnien und Herzegowina werden 17.000 Menschen vermisst, das Rote Kreuz versucht mit Hilfe persönlicher Gegenstände ihr Schicksal zu klären.

Frau Sadeta füttert gerne Möwen. Ihr Lieblingsplatz ist gleich in der Nähe des Milleniumtowers. „Die Vögel erinnern mich an meine Heimat“, sagt sie, obwohl sie nie am Meer gelebt hat. Frau Sadeta stammt aus einer kleinen Stadt an der bosnisch/serbischen Grenze. Früher lebten dort alle friedlich zusammen, bis der Krieg ausbrach.

 

Frau Sadeta ist geschieden. Ihr Mann lebte schon lange in Deutschland. Die beiden Söhne blieben bei der Mutter. Der Jüngere ging noch zur Schule, der Ältere war in einer Firma angestellt.

 

Frau Sadeta und ihr Mann hatten ein großes Haus für die Familie gebaut. Sie selber war Inhaberin einer Boutique und verkaufte nur die besten Markenwaren. Es fehlte ihnen an nichts.

 

Als die Unruhen begannen, bat Frau Sadeta ihre Söhne zum Vater nach Deutschland zu gehen, doch sie wollten davon nichts hören und bei der Mutter bleiben. “Was soll schon passieren Mama, wir sind doch keine Soldaten“, sagten sie zu ihr.

 

Als die serbische Armee die Grenzgebiete zu besetzen begann, verlor Frau Sadeta ihr Geschäft. Von nun an musste sie unter Militäraufsicht in einer Großküche für einen Hungerlohn arbeiten. Zum Glück war die Aufseherin nett, und so konnte sie immer Essen für sich und ihre „Buben“ mit nach Hause nehmen.

 

Am 11. Juni 1992 hätten die bosnischen Muslime „Ramazanski Bajram“, ein großes und wichtiges Fest, das den Ramadan beendet, feiern sollen. An diesem Tag musste Frau Sadeta bis 1 Uhr Früh arbeiten, sie durfte aber am Nachmittag kurz heim gehen und Essen für den Abend mit nach Hause nehmen. Sie wollte mit ihren Söhnen trotz allem ein schönes Fest feiern und alles herrichten. Die beiden freuten sich sehr, die Mutter zu sehen und konnten den Abend kaum erwarten.

 

Als Sadeta weit nach Mitternacht, nach Hause kam, war das Haus leer. Die Wohnungstüre war aufgeschossen und das Essen lag auf dem Boden.

In dieser Nacht begann der Anfang vom Ende von Frau Sadetas Leben.

 

Verzweifelt irrte sie in der Nachbarschaft umher und fragte alle, ob sie ihre Söhne gesehen hätten. Doch ihr begegneten nur andere weinende Mütter, die ebenfalls auf der Suche nach ihren Söhnen und Männern waren. Aus dem sonst so fröhlichen und geselligen Fest war eine Tragödie geworden.

 

Freunde versuchten sie schließlich ihrer Trauer zu entreißen und verhalfen ihr zur Flucht nach Österreich.

 

Sie lebte lange Jahre in einem Flüchtlingsheim, später zog sie in eine „Mietkaserne“ in Wien - in eine kleine Wohnung im 4. Stock ohne Lift. Sie fand Arbeit als Putzfrau und bekam Rückenbeschwerden. Dem Engagement einer Sozialarbeiterin hat sie es zu verdanken, dass sie eine kleine Gemeindewohnung mit Lift erhielt. Die Möbel in ihrer Wohnung hat sie von der Caritas.

 

Hier lebt sie nun. Sie sitzt mir gegenüber und raucht. Sie erzählt lachend, dass ihre Söhne immer gesagt haben “Mama, wenn du gemein zu uns bist, erzählen wir dem Opa, dass du rauchst“. Muslimische Frauen sollten nicht rauchen, doch so streng hat das in ihrer Familie niemand genommen.

 

Ihr Dienst als Reinigungskraft beginnt um 06:00 Früh. Zu Mittag ist sie 3 Stunden zu Hause und um 16:00 geht sie wieder zur Arbeit. Wenn sie dann endlich um 22:00 zu Hause ist, ist sie todmüde.

 

Frau Sadeta hat noch einen Bruder in ihrer Heimatstadt. Er ist schwerkrank und kann nicht arbeiten, nach Österreich kann er aber auch nicht kommen, damit sie ihn pflegen kann. Sie selbst will nie wieder an diesen Ort des Schreckens zurückkehren. So überweist sie ihrem Bruder jeden Monat Geld. Ihre Schwester und ihre Mutter konnten damals nach Dänemark fliehen. Frau Sadeta hat sie erst einmal besucht, denn die Reise ist für sie unerschwinglich. Ihr bleibt im Monat nicht viel Geld über.


Auch ihre Schwester hat einen Sohn im Krieg verloren.

Vor einigen Jahren erhielt sie einen Brief vom Suchdienst des Roten Kreuzes. Die Leiche ihres jüngeren Sohnes konnte identifiziert werden. Er hatte einen Journalistenausweis bei sich. Nun hatte sie doch wieder einen Grund, in die Heimat zu fahren – um das Grab ihres Sohnes zu besuchen.

 

Ihr älterer Sohn, der dem die Haare ausgingen, als er seinen Heerdienst leisten musste, der so sportlich war und immer nur Markenjeans trug, der seiner Mutter Mut machte und sie überzeugte, die geliebte Heimat nicht zu verlassen - er ist immer noch nicht gefunden. Das einzige, was ihr von ihm geblieben ist, ist sein Führerschein. Sie trägt ihn immer bei sich in ihrer Geldbörse, zusammen mit einem Foto ihres jüngeren Sohnes.

 

Jeden „Ramazanski Bajram“ kämpft Frau Sadeta besonders schwer mit ihren Erinnerungen. Seitdem sie ihre Söhne verloren hat, kann sie nicht mehr feiern.

Frau Sadeta hat alles verloren, außer ihrem Leben. Trotzdem ist sie niemandem böse, verurteilt und richtet nicht. Sie hat den unbekannten Mördern ihrer Söhne vergeben und Frieden geschlossen, damit sie weiter leben kann.
Was sie quält, sind all die schönen lange vergangenen Erinnerungen und diese Ungewissheit über das Schicksal ihres älteren Sohnes. Wenn sie zumindest an seinem Grab trauern könnte … 

 

Frau Sadeta ist vom Leben gezeichnet und obwohl sie während unseres Gesprächs immer wieder zu weinen beginnt, hat sie viel Sinn für Humor. Gerne würde sie wieder so unbekümmert lachen können wie früher….

Und am Samstag geht sie wieder Möwen füttern, egal bei welchem Wetter.

 

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