Das erzwungene Verschwinden

ine junge Mutter hält ihr Kind auf der Schoß.

 

„Jedes Mal, wenn das Telefon läutet, denke ich: Eine Nachricht von ihm! Ich sorge mich oft, ob er genug zu essen bekommt. Im Kühlschrank liegt immer seine Lieblingsschokolade, falls er nach Hause kommt.“ Dharmadasa aus Sri Lanka vermisst ihren Sohn seit 1988

 

Wird ein Mensch von staatlichen Organen festgenommen, die Inhaftierung jedoch nicht bestätigt und jede Information über Schicksal und Verbleib des Opfers unterbunden, spricht man von „Verschwindenlassen“. Das Schreiben unter Anführungszeichen soll verdeutlichen, dass diese Menschen nicht wirklich „verschwunden“, sondern Opfer einer systematischen Menschenrechtsverletzung geworden sind.

 

Dem „Verschwindenlassen“ fallen meist Personen in Diktaturen oder unter Militärregimes zum Opfer, die einer abweichenden politischen Überzeugung sind. Sie sind Regimekritiker, die von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen, zum Beispiel Journalisten, Künstler, Menschenrechtler, Gewerkschafter oder rebellische Jugendliche.

 

Über zwei Millionen Opfer

 

Andere verschwinden aufgrund der „falschen“ religiösen Überzeugung, Sprache, Hautfarbe, Abstammung, kulturellen oder sozialen Herkunft. In manchen Ländern „verschwinden“ mitunter ganze Familien mit ihren Kindern. Es kommt vor, dass Kinder und Jugendliche in Geiselhaft genommen werden, um einen politisch Gefangenen unter Druck zu setzen, und von diesem Aussagen zu erpressen.

 

Manchmal fungiert „Verschwindenlassen“ sogar als Waffe gegen sozial „unerwünschte“ Gruppen, wie Straßenkinder, Prostituierte, Homosexuelle, Obdachlose, Drogenabhängige oder geistig Behinderte.

 

Seit 1966 wurden aus 84 Ländern Fälle von systematisch betriebenem „Verschwindenlassen“ gemeldet. Es ist nicht möglich, exakte Opferzahlen zu nennen, aber die Zahl der mittlerweile bekannt gewordenen Fälle liegt laut amnesty international weltweit bei über zwei Millionen.

 

Die UNO unterhält eine Arbeitsgruppe, bei der Verschwundene registriert werden können. Dort ist seit 2004 Asien die Region mit den meisten Verschwundenen. Nicht nur bürgerkriegsgebeutelte Länder wie Sri Lanka und Nepal, auch Demokratien wie Thailand, die Philippinen oder Indonesien sind betroffen.

 

Straflose Täter

 

Das erzwungene Verschwinden macht die Betroffenen und ihre Angehörigen zu Opfern. Es ist für sie extrem belastend, nicht zu wissen, wo sich ihre Liebsten befinden, ob sie noch am Leben oder tot sind. Die Angehörigen bleiben mit ihren Gefühlen und der Ungewissheit meist allein, leiden unter stressbedingten Störungen und erfahren zum Teil gesellschaftliche Ausgrenzung.

 

Damit sind auch existenzielle Probleme verbunden. Durch den Ausfall des Versorgers fehlt es den Familien an Einkünften. Die Ehefrauen leiden unter ihrem unklaren rechtlichen Status, denn als Witwen würden sie eine Rente erhalten und könnten auch wieder heiraten. Die Besitzrechte bleiben ungeklärt, solange der Verschwundene nicht für tot erklärt wird.

 

Verschwundene Frauen werden oft auch Opfer von sexueller Gewalt und sind nach ihrer allfälligen Rückkehr gesellschaftlich zum Teil geächtet. Damit verknüpft ist das Problem der Straflosigkeit der Täter: Viele besitzen immer noch Einfluss und Macht, und verhindern damit die Aufarbeitung der Verbrechen der Vergangenheit.

 

Methode mit Geschichte

 

Die Methode des „Verschwindenlassens“ geht zurück auf Hitlers „Nacht-und-Nebel-Erlass“. Mit Beginn des Russlandfeldzuges 1941 mehrten sich die Widerstandsaktionen in den westlichen Besatzungsgebieten und in Norwegen erheblich. Um diese Situation für die deutschen Besatzer zu entschärfen, wurden Täter und Verdächtige solcher Aktionen nach Deutschland verschleppt, um sie dort abzuurteilen. Dies sollte unter strengster Geheimhaltung und Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen. Die Angehörigen der Verschleppten wurden über deren weiteres Befinden im Unklaren gelassen. Hitler versprach sich davon eine abschreckende Wirkung auf potentielle Täter.

 

 

Erste Nachahmer eines solchen „Verschwindenlassens“ gab es nach 1945 insbesondere in Lateinamerika.

 

Als fixe Bezeichnung kam der Begriff „Verschwindenlassen“ erstmals 1966 auf, als zahlreiche Berichte über scheinbar vom Erdboden verschluckte Regierungsgegner in Guatemala in den Medien auftauchten. Allein von 1966 bis 1976 waren 20.000 Menschen plötzlich spurlos verschwunden, später kamen Zehntausende weitere hinzu, deren Schicksale zum Teil bis heute nicht geklärt sind.

 

Brennpunkt Lateinamerika

 

Die Militärdiktaturen in Chile (1973-1990) und Argentinien (1976-1983) bedienten sich ebenfalls des Mittels des „Verschwindenlassens“. Das „Verschwindenlassen“ politischer Gegner durch die eng zusammenarbeitenden Diktaturen Lateinamerikas wurde nach und nach von vielen lateinamerikanischen Staaten übernommen.


Während der Balkankriege „verschwanden“ v.a. auf dem Gebiet des heutigen Bosnien und Herzegowina zahlreiche Menschen, v.a. muslimische Männer. 30.000 galten als vermisst und viele von ihnen wurden in Massengräbern gefunden.

 

Tausende Angehörige warten auf dem gesamten Gebiet des Balkans noch heute darauf, zu erfahren, was mit ihren Söhnen, Töchtern, Brüdern, Schwestern, Vätern und Müttern geschehen ist. Auch in Tschetschenien sind tausende Fälle von „Verschwindenlassen“ bekannt, bis dato wurde aber den Forderungen nach systematischen Untersuchungen zur Identifizierung der gefundenen Leichen nicht nachgegangen.

 

Systematisch Angst erzeugen

 

Eines ist sämtlichen Fällen gemeinsam: Die Gründe, die als Rechtfertigung der Verhaftung genannt werden, sind zweitrangig – in Wahrheit geht es darum, durch die Ausschaltung der „Gegner“ Macht zu demonstrieren, Angst zu erzeugen und so den Widerstand möglichst gering zu halten.

 

Überlebende „Verschwundene“ berichten übereinstimmend von grausamen Folterverhören in den ersten Tagen und Wochen nach der Festnahme, von zu kleinen und dunklen Zellen und davon, dass sie oft von einem geheimen Haftort zum nächsten gebracht wurden. Viele berichten auch, dass das Gefühl grenzenloser Isolation und Einsamkeit bedrohlicher empfunden wurde als die Folter selbst.


So genannte „extralegale Hinrichtungen“ – also rasch vollstreckte, politisch motivierte und staatlich angeordnete Todesurteile, denen jedoch kein geregeltes Gerichtsverfahren voran ging - gehen häufig mit dem „Verschwindenlassen“ einher.

 

 

 

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