Zwei Minenopfer (Kinder) sitzen auf einer Bank

„Ich kenne nicht eine Situation, in der der Gebrauch der Minenwaffe für uns von irgendeinem Nutzen war. Weder im Korea-Krieg noch in Vietnam, wo ich fünf Jahre gedient habe, noch in Panama, noch in der Irak-Operation „Desert Shield – Desert Storm“. In meiner militärischen Erfahrung hat es nirgendwo einen wirklichen operativen Vorteil durch Landminen gegeben“, erklärte der US-Navy-Kommandant Alfred Gray im August 1995 vor dem US-Kongress. Und doch wurden und werden auch heute noch Landminen im großen Stil eingesetzt, obwohl neben dem zweifelhaften militärischen Nutzen große internationale Kritik an deren Einsatz wegen der verheerenden Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung und die wirtschaftliche Infrastruktur der betroffenen Länder geäußert wird.

 

Antipersonen- und Antifahrzeugminen wurden ursprünglich als Verteidigungswaffen entwickelt. Heute kommen sie aber vorwiegend in Bürgerkriegen zum Einsatz, um landwirtschaftliche Nutzflächen unbrauchbar zu machen oder „feindlich“ gesinnten Bevölkerungsgruppen zum Beispiel den Zugang zur Wasserversorgung zu versperren. Darüber hinaus dienen Minen häufig als "strategische" Waffen zur Lenkung von Flüchtlingsströmen und wie im Falle von Bosnien als Instrument zur "ethnischen Säuberung". Die Waffe ohne Ablaufdatum richtet sich vorzugsweise gegen die Zivilbevölkerung, die kontrolliert, eingeschüchtert und terrorisiert werden soll. Allein in der ersten Hälfte des Jahres 2000 wurden beispielsweise in Angola 100 Menschen bei Minenunfällen getötet und 327 verletzt. Von diesen 427 Opfern waren 327 Zivilisten. Gemäß Landminen Report 2003 waren ebenfalls fast 85 Prozent von den im Jahr 2002 gemeldeten Minenopfern Zivilisten - darunter eine große Anzahl Kinder. Das wahre Ausmaß des Minenproblems lässt sich jedoch nicht ausschließlich an der Zahl der Opfer bemessen. Minen haben in vielen Ländern gravierende wirtschaftliche und soziale Langzeitfolgen. Sie beeinträchtigen bzw. verhindern den Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörten Infrastruktur, behindern die Rückkehr von Flüchtlingen und Vertriebenen und gefährden das Personal von humanitären Hilfsorganisationen. Antipersonenminen sind außerdem bewusst so konstruiert, dass sie nicht unbedingt töten, sondern schwere Verletzungen zufügen, die in der Regel zu Amputationen führen und mit der Versorgung und Betreuung der Minenopfer zusätzliche Ressourcen binden.

 

In über 80 Ländern der Erde leiden Millionen Menschen unter Minen und Blindgängern, hauptsächlich Hinterlassenschaften aus Kriegen, Bürgerkriegen und sonstigen Konflikten. Die Ottawa Konvention sieht eine Frist von zehn Jahren vor, in denen die einzelnen Länder minenfrei werden sollen. Dass die Räumung von Minen eine zähe Angelegenheit ist, zeigt der Statusbericht für Staaten, welche dieses Ziel bis 2009 erreicht haben sollten (Details siehe hier): Darunter die europäischen Länder Bosnien & Herzegovina, Kroatien, Mazedonien Großbritannien (Falkland Inseln) und Dänemark (sic), die amerikanischen Staaten Honduras und Peru sowie u. a. Malawi, Mozambique, Namibia, Senegal und Zimbabwe am afrikanischen Kontinent. Die Räumung von Landminen in Afghanistan könnte nach Schätzungen von Experten unter optimalen Bedingungen mehr als 15 Jahre dauern.

Minenräumer in Schutzkleidung bei der Arbeit

So einfach und "billig" der Einsatz von Minen auch für arme Staaten ist, die tatsächlichen volkswirtschaftlichen Konsequenzen zeigen sich oft erst, wenn der Konflikt beendet ist. Landminen sind nicht an Waffenstillstands- und Friedensabkommen gebunden und stellen selbst viele Jahre nach Kriegsende eine Gefahr dar. Viele betroffene Staaten - vorwiegend Entwicklungsländer - verfügen nicht über finanzielle Mittel, um mit den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Folgen des Problems fertig zu werden. Die typischen Minenopfer leben von Ackerbau und Viehzucht auf Subsistenzbasis, sind Hirten oder Nomaden, spielende Kinder sowie Flüchtlinge und Vertriebene, die ohne Aussicht auf Alternativen in minenverseuchte Dörfer zurückkehren. Der Überlebenskampf - die Suche nach Nahrung, Wasser, Feuerholz und Baumaterial - nötigt vor allem arme Bevölkerungsgruppen in verminten Gebieten zu arbeiten und zu leben. Und es sind vorwiegend Menschen, die sich nach einem Landminenunfall kaum medizinische Betreuung leisten können.

 

Selbst wenn verminte Straßen geräumt werden, die zurückkehrenden Flüchtlinge und Vertriebenen sind oft durch verminte Äcker zu Tatenlosigkeit und Hunger verdammt. Der Bevölkerungsdruck auf ohnehin schon überlastete Gegenden wächst. Die Menschen müssen auf schlechteres Ackerland ausweichen, welches durch die Überbeanspruchung noch stärker ausgezehrt wird und Ernährungsprobleme werden verstärkt. In anderen Fällen sind die Menschen zur Flucht in die Städte gezwungen, die dem Zustrom zumeist nicht gewachsen sind. Die Folge ist ein Anwachsen der Bevölkerung und der sozialen Probleme in den Ballungszentren. Slumbildung, Verelendung und Arbeitslosigkeit sind die Folge. Minen machen die Wiederherstellung von Straßen- und Bahnnetz, Strom- und Wasserleitungen gefährlich und teuer. Minenräumprogramme belasten das Budget, behindern Investitionen in öffentliche Gesundheit, Arbeitsbeschaffung und Ausbildung. Die fehlenden Mittel zur Befriedigung elementarer Bedürfnisse sind Ursachen für steigende Kriminalität und wachsendes Unsicherheitsgefühl. Nicht geräumte Minen verhindern dauerhaft die Rückkehr von Kriegsflüchtlingen in ihre Heimatregion. Aber auch die Zuwendung nationaler und internationaler Hilfe nach humanitären Katastrophen, in Form von Ärzten, Technikern, Gesundheitspersonal wird durch Minen behindert und verteuert.

 

Ein dauerhafter Friede ist kaum erreichbar, solange Millionen Antipersonenminen Menschen töten und verstümmeln sowie den Wiederaufbau ganzer Regionen auf Jahre hinaus unmöglich machen. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Länder mit den meisten Minen auch stets unter den ärmsten Staaten sind. Deren fragile Wirtschaft kann leicht zerstört werden, außerdem können diese Staaten ohne fremde Hilfe kein Entminungsprogramm leisten. Der Krieg ist oft erst wirklich vorüber, wenn Menschen nicht auf Schritt und Tritt vom Tod begleitet werden. Die Ottawa Konvention hat bisher einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, der Nairobi-Gipfel im November/Dezember dieses Jahres soll zumindest einen Schritt weiter gehen.

 

Teil 1: Landminen – das tödliche Erbe

Teil 2: Hintergründe zur Ottawa-Konvention

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