Blut ist ein ganz besonderer Stoff

Schematische Darstellung des Körpers und der Blutgefäße

„Des Leibes Leben ist im Blut“, steht schon im Alten Testament. Und für die Medizin war Blut immer schon das Heilmittel schlechthin – lange vor der ersten Bluttransfusion, noch länger bevor der Österreicher Karl Landsteiner aus seinen Forschungen jene Schlüsse zog, die dem menschlichen Blut eine glänzende Karriere als Medikament verschafften. (Mehr darüber in den weiteren Folgen dieses Factbooks.)

 

Kult ums Blut

Blut war sozusagen das Aspirin unserer Ahnen – kaum eine Krankheit, bei der man sich nicht Linderung von ihm versprach. Bei Blutverlust schwinden die Lebensgeister, da lag der Umkehrschluss nahe, durch Blutzufuhr das Leben zu stärken. Das Baden in Blut sollte Blindheit und Lepra heilen. Frisches Menschenblut war besonders bei Epileptikern begehrt, um die Dämonen zu beruhigen, die ihre Muskeln zucken ließen. Hinrichtungen waren lange Zeit nicht nur ein blutiges Spektakel, sondern auch ein Markt für Medizin. Zur Zeit der Hexenprozesse durften Scharfrichter mitunter mit Blut und Leichenteilen pharmazeutischen Handel treiben.
Das Gegenstück zur Verabreichung von Blut war der Aderlass. Man hoffte, zusammen mit dem Blut schädliche Kräfte aus dem Körper zu entfernen.

 

Von einem zum anderen

Da lag die Idee nahe, das Leben in Form von Blut von einem Menschen zum anderen zu schicken. Der Legende zufolge soll sich die erste Bluttransfusion dann 1492 zugetragen haben. Der Leibarzt von Papst Innozenz VIII. wagte den Versuch. Er öffnete drei Knabenkörper, um ihnen das junge, „vor Leben strotzende Blut“ zu entnehmen und es den welken Venen des Papstes einzuflößen. Der Kirchenfürst starb kurz nach den Kindern.

 

Blut fließt!

Die Zuhörer waren fassungslos. Da erklärte ihnen der Arzt William Harvey, dass das Blut im menschlichen Körper kreisen und nicht – wie man länger als tausend Jahre geglaubt hatte – kommen und gehen würde wie Ebbe und Flut im Meer!

Was im Jahr 1616 im königlichen Institut für Medizin in London für Aufregung sorgte, ist heute eine medizinische Binsenweisheit: Blut durchströmt in einem insgesamt 96.000 Kilometer langen Leitungssystem den Körper und versorgt so jede der Milliarden Zellen, aus denen der Körper besteht, mit „Treibstoff“. Nur die Hornhaut der Augen, Haare, Zehen- und Fingernägel und der Zahnschmelz sind nicht durchblutet.

 

  • Erwachsene haben ca. 5–7 Liter Blut im Körper (rund 8% ihres Körpergewichts).
  • Diese Blutmenge fließt ca. 2000-mal pro Tag durch den Körper – das sind rund 10.000 Liter Blut, die täglich durch die Aorta fließen.
  • Reiht man alle Blutgefäße aneinander, ergibt das 96.000 km oder den 2,5-fachen Erdumfang.
  • Das Blut braucht im Ruhezustand 1 Minute, um einmal durch den ganzen Körper zu fließen – bei körperlicher Anstrengung nur 20 Sekunden.
  • Das Blut fließt – je nach körperlicher Belastung – mit 20–100 cm pro Sekunde durch die Aorta, das entspricht 1–4 km/h.



Botschaft des Blutes

Blutuntersuchungen können aufschlussreich sein. Wer beim Roten Kreuz Blut spendet, dessen Lebenssaft wird 20 medizinischen Tests unterzogen, damit einem späteren Empfänger auf keinen Fall geschadet wird. Vor allem nach Infektionskrankheiten wie Aids und Hepatitis wird mit molekularbiologischen Gentests gefahndet.

 

Blutwerte können aber auch verunsichern, wenn sie nicht richtig gelesen werden. Nicht jede Anomalie ist gleich eine Krankheit, doch das Geschäft um die Blutwerte, aus denen Diagnosen und Therapien abgeleitet werden, blüht. Nur das Blutspenden ist davon ausgenommen, denn Blutspender handeln freiwillig und bekommen nichts für ihre Leistung bezahlt, auch keine „Aufwandsentschädigung“. Sie spenden, um zu helfen und im Ernstfall Leben zu retten. Und diese Blutspenden sind unverzichtbar!

 

Denn bis heute ist es nicht gelungen, das „rote Gold“ – außer für die Verwendung auf der Bühne und im Film – künstlich herzustellen. Blutersatzstoffe können noch nicht einmal eine der Grundaufgaben menschlichen Blutes auf befriedigende Weise übernehmen: den Transport von Sauerstoff. Deshalb ist Blut auch heute noch ein geheimnisvoller, beinahe magischer Stoff. Im Blut fließt das Leben.

 

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