Die Suche nach einem Blutersatz.

Blutbeutel

Demografie im Blutspendewesen: Weniger Junge und immer mehr Ältere, das bedeutet, die Zahl potenzieller Blutspender nimmt ab. Gleichzeitig steigt die Zahl älterer Patienten, die mehr Blutkonserven benötigen als jüngere.
Glaubt man den Schlagzeilen in den Wissenschaftsspalten der Zeitungen, dann wird das Problem aber bald gelöst sein. Nicht nur dass die ständig verbesserten Operationstechniken immer unblutiger werden und damit der Bedarf an Blutkonserven sinkt - auch Kunstblut wird bald zur Verfügung stehen, kann man immer wieder lesen. Das Internet-Lexikon Wikipedia listet unter „künstliches Blut“ gleich drei Varianten auf. Im „Brockhaus“ findet man den Begriff gar nicht – und das ist die seriösere Information. Denn in Wahrheit endeten die Versuche, einen Ersatzstoff für menschliches Blut zu finden, seit Jahrzehnten ausnahmslos in Niederlagen.

 

Dabei war der Anspruch an einen Blutersatzstoff noch nie, dass er alle Funktionen des menschlichen Blutes übernehmen soll. Aber zumindest Sauerstoff von der Lunge durch den Organismus transportieren, das sollte er können. Diese Aufgabe erfüllen spezielle Blutzellen: die Erythrozyten, rote Blutkörperchen. Genauer: der eisenhaltige rote Blutfarbstoff Hämoglobin in den Erythrozyten, der Sauerstoff chemisch an sich bindet. Wozu also wegen eines Liters Milch gleich die ganze Kuh kaufen und Patienten bei Bedarf nicht einfach nur Hämoglobin verabreichen? Und wenn schon von Kühen die Rede ist: Der Farbstoff lässt sich aus ihrem Blut ganz einfach und in großen Mengen gewinnen. Leider verträgt der menschliche Organismus freies Hämoglobin äußerst schlecht. Ohne die schützende Zellhülle des roten Blutkörperchens ist es aggressiv, verengt die Blutgefäße stark und behindert die Versorgung mit Sauerstoff dadurch sogar noch. Im Gegensatz zu Erythrozyten, die etwa drei Monate leben, zerfällt freies Hämoglobin außerdem rasch, und seine Überreste sind Gift für die Nieren.

 

Erfolglose Versuche

Die Idee, den angriffslustigen Blutfarbstoff wieder zu „verpacken", liegt nahe. Genau das macht Hemopure. Dieses „Kunstblut“ besteht aus in größere Moleküle gehülltem Hämoglobin, das der amerikanische Hersteller Biopure aus Rinderblut gewinnt. Es ist bei Raumtemperatur drei Jahre lang lagerbar und kann Patienten aller Blutgruppen verabreicht werden.
Der Erfolg blieb Hemopure trotzdem versagt: Seit 2001 auf dem Markt, ist es bis heute nur in Südafrika zugelassen. Und auch das nur, weil dort die
Alternativen fehlen: Wegen der hohen HIV-Infektionsrate lässt sich, wer es sich leisten kann, lieber den Ersatzstoff anstelle von Konserven aus Spenderblut verabreichen. Für den Normalverbraucher ist Hemopure unerschwinglich. Im Zeitalter von BSE („Rinderwahn") wäre ein Sauerstoffträger aus Rinderblut in Europa aber ohnehin unvorstellbar.
Ein ähnliches Schicksal erlitt auch die Konkurrenz mit ihrem Blutersatzstoff HemAssist. Das erste Kunstblut, das diesen Namen verdiente, schien Mitte der Neunzigerjahre schon zum Greifen nahe. Doch dann stellte sich noch in der Untersuchungsphase heraus, dass damit behandelte Patienten häufiger starben, und die Forschungen wurden eingestellt.

 

Erythrozyten für Mäuse

Inzwischen haben die Wissenschafter einmal mehr die Stoßrichtung geändert: Anstatt auf in Riesen- und Kettenmoleküle verpacktes Hämoglobin setzen sie jetzt auf vollständig funktionsfähige Erythrozyten aus dem Reagenzglas. Zum ersten Mal gelungen ist ihre Herstellung der Ärztin Marie-Catherine Giarratana und ihren Kollegen von der Universität Paris. In Versuchsmäusen, so die Franzosen, würden sich die Blutzellen genauso wie normale menschliche rote Blutkörperchen verhalten. Eine Bestätigung dafür steht allerdings noch aus - von der Anwendung beim Menschen gar nicht zu reden: Ob die Labor-Erythrozyten im menschlichen Organismus nur die gewünschten Eigenschaften entfalten würden, ist völlig unklar.
Damit ist bisher nur eines bewiesen: dass man rote Blutkörperchen außerhalb des menschlichen Körpers herstellen kann. Von billigem und massenhaft vorhandenem Kunstblut sind die Spitäler so weit entfernt wie zuvor.

 

Pulverblut

Etwas weiter kamen Clausens schwedische Kollegen: Sie behandelten eine Gruppe von acht Patienten mit künstlichem Blut aus Pulver. Dieses wiederum stammte aus roten Blutkörperchen von Spenderblut. Der Vorteil: Das Pulver kann mehrere Jahre aufbewahrt werden. Bei Bedarf wird es nach dem Prinzip der Packerlsuppe mit Flüssigkeit angerührt und dem Patienten sogar ohne vorherigen Blutgruppentest verabreicht. In den drei Jahren seit diesen Tests ist es allerdings wieder still ums Packerlblut geworden.
Die Suche nach „Blut aus dem Labor“ wird noch länger dauern, schätzt auch Fredy Mayer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes: „ Blut ist ja nicht bloß eine Flüssigkeit, sondern ein flüssiges Organ. Deshalb wundert es mich nicht, dass alle Erfolgsmeldungen in Richtung Ersatzstoffe seit Jahrzehnten immer wieder revidiert werden.“ Der Weg zum Blut führt weiterhin nur über die Blutspende.

 

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