Heinrich Treichl
© Stanislav Jenis
„Das Alter ist für mich ein Geschenk”

Ein Interview mit dem Ehrenpräsidenten des ÖRK, Heinrich Treichl.
Von Rudolf Mitlöhner und Andrea Winter.

 

Sie sind 1913 geboren, seit 15 Jahren sind Sie verwitwet, fast alle Ihrer ehemaligen Klassenkollegen sind schon gestorben – wie ist es, so alt zu werden? Bedeutet es für Sie Einsamkeit und Beschwer? Ist es eine Last – oder empfinden Sie es als Gnade?
Treichl: Ich bin nicht einsam. Der große Schlag für mich war der Tod meiner Frau 1995. Wir waren fast 50 Jahre verheiratet, mit allen Höhen und Tiefen, die es in einer so langen Ehe gibt, und sie war eine wunderbare Frau. Sie hat mir sehr zugeredet, die Sache mit dem Roten Kreuz zu machen.

 

Ist es also ein Privileg so alt zu werden?
Treichl: Privileg ist es keines, aber ein Geschenk.

 

Von der Last des Alters würden Sie also nicht sprechen?
Treichl: Nein, gar nicht. Ich lebe gerne!

 

Wie halten Sie sich geistig und körperlich fit?
Treichl: Ich glaube, dass ist vor allem eine Frage der genetischen Anlagen – da habe ich einfach Glück.

 

Sie hatten einen zwei Jahre jüngeren Bruder, der im Widerstand gegen die Nazis tätig war und im Krieg umgekommen ist …
Treichl: … er ist als englischer Offizier gefallen. Er war im deutschen Afrika-Corps und geriet in Gefangenschaft. Einer der englischen Offiziere, die ihn einvernommen haben, kannte zufällig von einem Austauschprogramm her unsere Familie und wusste, dass wir antinazistisch eingestellt waren. Sonst hätte man meinem Bruder vielleicht seine Gegnerschaft zum NS-Regime gar nicht abgenommen. So wurde er dann von den Engländern zum Fallschirmspringer ausgebildet.

 

Hat Sie dieser frühe Tod Ihres Bruders – er war knapp 30 – sehr beschäftigt?
Treichl: Das war ein furchtbarer Schlag für mich, entsetzlich. Ich habe ihn geliebt, er war einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ein sehr begabter junger Mann.

 

Es heißt oft, unsere heutige Gesellschaft verdränge den Tod, lagere das Sterben an Institutionen aus. Teilen Sie diesen kritischen Befund?
Treichl: Gilt das wirklich nur für die heutige Gesellschaft?

 

Vielleicht war es auch immer schon so – es würde mich interessieren, wie Sie das sehen …
Treichl: Es gibt Leute, die sich intensiv auf den Tod vorbereiten und das Sterben als ihre „große Stunde“ sehen. Aber die Mehrzahl der Menschen verdrängt wahrscheinlich den Tod – ich verdränge ihn auch.


Sie glauben aber nicht, dass das in unserer gegenwärtigen Gesellschaft stärker ausgeprägt ist als früher?
Treichl: Nein, glaube ich nicht. Für manche Menschen mit starker Religiosität ist der Tod ja der Moment, wo sie hoffen in den Himmel zu kommen. Sie sehen die Todesstunde als die große Stunde ihres Lebens – das gibt es auch …


Aber das ist nicht Ihr persönlicher Zugang?
Treichl: Nein. Ein bisschen verdränge ich es. Ich war ja sieben Jahre im Krieg, und es ist eine merkwürdige Situation gewesen, so lange als „braver Soldat“ in einer Armee zu kämpfen, deren Niederlage mein großes Ziel war. Ich hätte ganz sicher nicht in einem siegreichen Deutschland weitergelebt, ich wäre ausgewandert. Ich habe, um dieses schreckliche Wort zu verwenden, meine „Pflicht“ getan, aber ich wollte unbedingt, dass Deutschland diesen Krieg verliert. Ein seltsamer Widerspruch: Man will überleben, aber das Land soll verlieren, die Armee geschlagen werden.

 

Sie haben sich aber wahrscheinlich auch später, beim Tod Ihrer Frau, oder in den letzten Jahren verstärkt mit dem Thema Tod beschäftigt. Haben Sie Angst vor dem Tod – oder sehen Sie ihm gelassen entgegen?
Treichl: Ich verdränge ihn weitgehend.

 

Würden Sie sich als religiös bezeichnen?
Treichl: Ja. Meine Bindung an die Kirche ist vielleicht stärker als meine Religiosität.

 

Woher kommt diese Bindung?
Treichl: Meine Zeit am Schottengymnasium spielt da sicher eine Rolle … Aber, nein: eigentlich kann ich es nicht erklären. Aber es ist so. Ich verteidige diese Kirche in vielen Gesprächen. Und ich gehe auch gerne in die Kirche. Die Franzosen haben eine herrliche Bezeichnung für solche Leute: „grenouille de bénitier“ („Weihwasserfrosch“).

 

Gehen Sie auch heute noch am Sonntag in die Kirche?
Treichl: Ja, meistens.

 

Sie sagen, Sie verdrängen den eigenen Tod. Aber was für einen Tod würden Sie einem geliebten Menschen wünschen?
Treichl: Einschlafen.

 

Kein bewusstes Sterben also?
Treichl: Also ich bin ein bisschen skeptisch bezüglich der Vorstellung eines gefassten, fast positiv gestimmten Hinübergehens. Das ist ein Märchen, nicht? Wo ich Sterben gesehen habe, da war es meistens qualvoll.

 

Und wohin geht die Reise nach dem Leben, glauben Sie?
Treichl: Ich hoffe in den Himmel zu kommen. Es gibt ein Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer, aus dem Zyklus „Huttens letzte Tage“, da heißt es: „Heut fiel mir wieder ein – ich weiß nicht wie – 
/ Ein Spruch aus Sokrates’ Apologie: // ‚Was wartet unser, wann des Erdeseins / Unruhig Licht erlischt – von zweien eins: // Für sel’gen Wandel ein bequemer Raum? 
/ Ein ungekränkter Schlummer ohne Traum?‘ // Wir Christen haben ein gewisses Licht, 
/ Doch auch ein Heidensprüchlein schadet nicht.“

 

Würden Sie sich wünschen, dass das Thema Tod & Sterben in der Gesellschaft stärker präsent ist?
Treichl: Ich habe zum Tod und dem ganzen „Drum und Dran“ ein relativ entspanntes Verhältnis, weil unsere Kinderfrau die Tochter eines Pompfüneberers war. Sie hat uns auf der Straße auf die Leichenzüge aufmerksam gemacht und wir haben bald gewusst, ob das ein besonders feines oder weniger vornehmes Begräbnis war – je nach Anzahl der Pferde bzw. der Federbüsche auf den Pferden. Meine Mutter war wütend …


Zum Schluss nocheinmal zurück zum Roten Kreuz: Was hat sich denn verändert, seit Sie das Präsidentenamt übergeben haben; und was glauben Sie, wie wird sich die Institution weiter entwickeln, wo liegen die großen Herausforderungen der Zukunft?
Treichl: Was mich fasziniert am Roten Kreuz, ist, dass es nicht staatlich ist. Gerade die Gewerkschaften waren ja genau deswegen immer sehr kritisch gegenüber dem Roten Kreuz. Die hätten uns gerne in den „Sozialapparat“ eingebaut. Aber das wollten wir eben nicht. Es war einmal bei uns die Sozialministerin Lore Hostasch zu Besuch, und ich habe ihr einiges gezeigt, auch sehr technisch aufwändige Dinge. Dann habe ich zu ihr gesagt: „Was glauben Sie, wie wir das alles finanzieren?“ Daraufhin hat sie etwas ratlos zur ihren Mitarbeitern geschaut und gemeint, sie könne jetzt nicht genau sagen, aus welchem Topf die Gelder kämen, aber wir würden sicherlich von der öffentlichen Hand unterstützt. Worauf ich geantwortet habe: „Ich werde Ihnen sagen, was wir bekommen: keinen Groschen!“

 

War der Abschied vom Roten Kreuz für Sie schwierig?
Treichl: Man muss das, was man tun will, zuerst geistig durchdenken und durcharbeiten – dann ist der Rest eine Formsache, dann ist man vorbereitet.

 

Was sagen Sie dazu, dass wir eine immer ältere Gesellschaft werden?
Treichl: Die Tatsache, dass wir immer älter werden, sehe ich positiv – das ist doch schön!

 

… aber es sind damit natürlich auch große Herausforderungen verbunden. Sind wir darauf hinreichend vorbereitet?
Treichl: Nein, das glaube ich nicht. Das Problem der Alten wird ein sehr großes sein. Der größer werdende Anteil der Bevölkerung, der nicht erwerbstätig ist und versorgt werden will – wer soll das zahlen?

 

Werden die Jungen aufbegehren, wird sich der Generationenkonflikt zuspitzen?
Treichl: Ja, das wird sich sicher noch dramatisch zuspitzen.

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