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Rund 20 Mitarbeiter betreuen im Helga-Treichl-Hospiz in Salzburg todkranke Menschen. Mit Achtsamkeit und Humor.

 

Von Eva Maria Bachinger

 

In Embryonalhaltung liegt die krebskranke Frau im Bett. Nur ihre schlohweißen Haare sind zu sehen. Sie schläft tief und fest. Einzelne Atempausen kündigen an, dass sie am Ende ihres Lebens angekommen ist: Frau L. ist 102 Jahre alt und verbringt ihre letzten Tage im Hospiz des Roten Kreuzes in Salzburg.

Ärztin Ellen Üblagger, Leiterin des Hauses, huscht aus dem abgedunkelten Raum der Dame. Sie lächelt. Im Hospiz wird nicht nur geweint, sondern auch viel gelacht. In den Büros, mit den todkranken Patienten. Ein Widerspruch? Keineswegs, findet Sozialarbeiter Werner Gruber. „Humor relativiert. Er löst keine Probleme, aber es ist eine Strategie, um mit Widrigkeiten des Lebens heilsam umzugehen.“ Ernst werden die Ärzte und Krankenpfleger, wenn sie die einzelnen Fälle besprechen. Schicksale, wie jenes eines 30-jährigen Vaters von zwei Kindern, der vom Krebs dahingerafft wurde, bedeuten eine große Belastungsprobe für das Team. „Seit ich hier arbeite, bin ich lebensfroher. Ich habe gelernt, wie schön das Leben ist, durch diese intensiven Momente hier“, erzählt Gruber.

Chemotherapie oder Hospiz?

„Herr O. hat ein Lungenkarzinom mit Knochenmetastasen. Er hat große Schmerzen und ist verzweifelt. Wir sollten ihm einen Spitalsaufenthalt ersparen“, berichtet Gruber bei der Dienstbesprechung von einer Anfrage. Alle acht Zimmersind derzeit belegt, vier Patienten stehen auf der Warteliste. Gruber ist in Gesprächen behilflich, zu einer Entscheidung zu finden: Chemotherapie oder Hospiz? Sich einzugestehen, dass keine Behandlung mehr Heilung bringt, ist schwierig. „Die Krankenhäuser sind sehr gut im Akutbereich, aber wenn es ans Sterben geht, sind viele überfordert. Patienten und Angehörige werden oftmals auch unzureichend informiert“, kritisiert Gruber. Sterben sei nach wie vor ein Tabu, obwohl es zum Leben gehört wie die Geburt. „Im Spital dreht sich alles um die Krankheit. Hospiz bedeutet zwar kürzere Lebensdauer, aber auch mehr Lebensqualität.“ Im Hospiz werden körperliche Schmerzen mit Morphium gelindert. Auch Seelenpein versucht das Team zu lindern: durch Reden und Dasein. Kunsttherapien sollen helfen, Gefühle auszudrücken, wenn die Sprache nicht mehr ausreicht.

„Die größte Unterstützung brauchen aber oft nicht die Patienten, sondern ihre Angehörigen“, weiß Üblagger. Das Team versucht, auch allerlei Wünsche zu erfüllen: Eine 24-Jährige mit Hautkrebs im Endstadium will den Tag mit Rotwein feiern. Sie kann nicht mehr schlucken, aber die Betreuer benetzen ihre Lippen mit Wein. Ein Paar feiert seinen Hochzeitstag in der großen Badewanne, mit Duftölen, Sekt und Kerzenlicht. Die durchschnittliche Verweildauer sind 21 Tage. Die Zimmer mit Balkon sehen nicht viel anders aus als in Pflegeheimen. Ein Foto, ein Bild an der Wand bringen ein wenig Individualität. Wenn ein Patient stirbt, zündet das Team eine Kerze im Flur an. Der Tote wird nicht sofort von der Bestattung abgeholt, sondern bleibt eine Weile im Zimmer.

Unersetzliche Ehrenamtliche

Ärztin Susanne Preston nimmt ein Fotoalbum aus dem Regal: Hier werden alle Patienten verewigt, mit Geburts- und Sterbedatum. Jugendfotos neben Fotos im Hospiz. Im Regal stehen schon viele Alben. Werner Gruber schätzt, dass er seit seinem Arbeitsbeginn vor neun Jahren rund 1000 Patienten begleitet hat. Eine wesentliche Unterstützung für das Hospiz-Team sind die 13 Ehrenamtlichen. „Ich brauche das, und bekomme hier mindestens so viel, wie ich gebe“, sagt die Pensionistin Roswitha Kleinewig. Heute begleitet sie Frau A. zu einem Augenarzt-Termin. Die frühere Apothekerin ist verzweifelt: Sie kann kaum noch hören und auch mit Lupe nicht mehr lesen. Mit leerem Blick und einem Tuch auf dem kahlen Kopf schlurft sie den Gang entlang. Auch Therapiehund Otto wird heute noch einen Einsatz bei ihr haben.

Der 39-jährige Roland Aicher kommt ebenfalls schon jahrelang ehrenamtlich ins Hospiz. Der Heilmasseur schleppt Klangschalen und Instrumente mit. Den blonden Mann stellt man sich eher als Skilehrer auf der Piste vor als in einem Hospiz. Er polarisiert mit seinem Zugang: So mancher ist begeistert, wütende, verzweifelte Patienten wollen von Klangschalen nichts wissen. Kein Problem für Sozialarbeiter Gruber: „Die einzige Regel, die es bei uns gibt, ist jene, dass es keine gibt. So unterschiedlich Menschen sind, so verschieden ist auch ihr Sterben.“

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