Helga-Treichl-Hospiz des Roten Kreuzes

In Österreich werden rund 80 Prozent aller Pflegegeldbezieher überwiegend von ihren ANGEHÖRIGEN versorgt, rund 15 Prozent erhalten ergänzend mobile Pflege und Betreuung. Im Dezember 2007 betrug der Anteil der über 75-Jährigen unter den Bundespflegegeldbeziehern 68,5%¹. Die überwiegende Zahl der pflegenden Angehörigen ist selbst bereits über 50, viele von ihnen sind aber auch bedeutend älter².

Sich der Pflege eines Angehörigen zu widmen stellt für Hunderttausende Menschen in Österreich einen – oft als ganz selbstverständlich empfundenen – Teil ihres Alltags dar. Die Leistung, – sowohl physischer als auch psychischer Art – die pflegende Angehörige vollbringen, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Kaum eine andere „Arbeit“ ist so vielschichtig und schwierig abzugrenzen, so emotional und körperlich beanspruchend. Es muss viel Zeit für die Pflege aufgewendet werden, Zeit die berufstätige Menschen neben ihrem Job oft nicht mehr aufbringen können. Deshalb kann seit 2001 für die Betreuung sterbender naher Angehöriger Karenzzeit genommen werden (siehe dazu: Familienhospizkarenz).

Unterstützung und Entlastung

In der Rolle der wichtigsten Bezugspersonen haben Angehörige eine besondere Aufgabe in der Sterbebegleitung, bei der sie aber auch selbst Unterstützung benötigen. Pflege bedeutet oft Einsatz rund um die Uhr, Mehrfachbelastung durch Haushalt und Beruf, soziale Isolation. „Die Gefahr, selbst krank zu werden, Rückenprobleme, ein Burnout oder Depressionen zu bekommen, ist für pflegende Angehörige besonders groß“, weiß Monika Wild, Leiterin der Gesundheits- und Sozialen Dienste im Roten Kreuz. Sie müssen unbedingt in der Pflege entlastet werden. In Österreich gibt es eine Vielzahl an mobilen Pflege- und Betreuungsdiensten zur Unterstützung der Angehörigen. Mobile Hospizdienste und freiwillige Hospizgruppen ergänzen dieses Angebot (mehr über die Dienstleistungen des Roten Kreuzes in der kommenden Ausgabe des Factbooks). Trotz des Angebotes muss man sehen, dass die häusliche Versorgung nicht in jedem Fall aufrechterhalten werden kann. Es gibt eine Reihe von Problemen, welche die Pflege zu Hause nur bedingt möglich machen (siehe auch „Grenzen der häuslichen Versorgung“).

„System Familie“

Professionelle Pflegekräfte sollten die Angehörigen unbedingt in ihre Arbeit miteinbeziehen. Denn sollten sie sich in ihren Bemühungen „nur“ auf den eigentlichen Patienten, auf dessen Pflege beschränken, wird es ihnen nicht gelingen, das „System Familie" zu erkennen. Es kann passieren, dass sich Angehörige ausgeschlossen und nicht respektiert fühlen. Rivalitätsspiele sind die Folge. Wenn das Beziehungsdreieck Patient – Angehörige – professionell Pflegende nicht bewusst errichtet wird, wird eine wichtige Grundregel des sozialen Systems verletzt. Zu Beginn der Pflege muss daher bewusst und aktiv ein eigenständiger Kontakt zu den Angehörigen aufgebaut werden.

Durch lang dauernde, oft schwierige Pflege kann die Gesundheit der pflegenden Angehörigen beeinträchtigt werden. Eine amerikanische Langzeitstudie³ belegt, dass eine belastende Pflege des Ehepartners das Sterblichkeitsrisiko um 63 % erhöht. Meist stellen die Belastungen die Summe aus vielen Einzelproblemen dar:

  • Veränderung der eigenen Lebensplanung
  • Gefühl des „Angebundensein", ständig für den zu Pflegenden da sein zu müssen
  • Ausschließliche Zuständigkeit
  • Verschlechterung des Gesundheitszustandes
  • Nähe zum Tod
  • Fehlende Anerkennung
  • Belastung durch Demenz und Verwirrtheit
  • Isolation
  • Belastung durch unzureichende Wohnbedingungen
  • Überforderung durch die belastende, schwere Tätigkeit


Angehörige und Freunde sind vom Sterben eines geliebten Menschen in mehrfacher Hinsicht betroffen. Sie leiden mit dem Sterbenden, ahnen den Verlust dieses Menschen und werden mit der eigenen Sterblichkeit und mit allen damit verbundenen Unsicherheiten und Ängsten konfrontiert. Ein Blick auf die Bedürfnisse der Beteiligten zeigt, wie eng verwoben ihre Anliegen mit denen der Sterbenden sind: Fühlt sich der Sterbende gequält, verzweifeln die Angehörigen; geht es den Angehörigen schlecht, leidet auch der Sterbende.

Beratung und Begleitung

Pflegende Angehörige benötigen unbedingt Unterstützung in Form von Beratung (auch finanzielle – siehe Kasten rechts) und Begleitung. Das Österreichische Rote Kreuz bietet pflegenden Angehörigen auch in Form von Kursen seine Hilfe an. Häufig hilft es bereits, sich mit anderen Betroffenen austauschen zu können. Pflegende Angehörige haben sich deshalb mittlerweile in der „Interessensgemeinschaft Pflegender Angehöriger“ organisiert, sich so eine Plattform für ihre Interessen und Anliegen geschaffen und sind damit auch an die Öffentlichkeit getreten (siehe Interessensgemeinschaft Pflegender Angehöriger).

Lesen Sie mehr über das Engagement des Österreichischen Roten Kreuzes in der Hospizarbeit.

1 Statistik Austria
2 IG-Pflege
3 Schulz/Beach 1999


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