Ellen Üblagger und Martin Böker im Interview.

Die Idee, die hinter dem Helga Treichl Hospiz steckt, ist, eine Begleitung und Betreuung von Patienten und ihren An- und Zugehörigen in der letzten Lebensphase zu ermöglichen. Im Mittelpunkt der Betreuung stehen die physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Bedürfnisse der Patienten, die sehr unterschiedlich sein können. Die medizinische Leiterin Dr. Ellen Üblagger und der wirtschaftliche Leiter des Helga Treichl Hospizes, Mag. Martin Böker, berichten über Herausforderungen, Aufgaben, Erfolge und Grenzen, die sich in ihrer Arbeit auftun.


Mag. Martin Böker (Heimleiter)

Wie viele Menschen werden im Helga Treichl Hospiz betreut?
Martin Böker: Wir pflegen pro Jahr etwa 120 HospizpatientInnen, dazu kommen etwa 200 Begleitungen, die nicht zu stationären Aufnahmen führen (etwa, indem andere Betreuungsformen vermittelt werden) und etwa 250 Begleitungen von Angehörigen. Pro Jahr werden etwa vier länger dauernde Trauergruppen geführt und begleitet.

Was unterscheidet Ihre Einrichtung von Palliativstationen?
Martin Böker: Es gibt zunächst viele Gemeinsamkeiten, die in der Grundversorgung unserer Patientinnen durch Palliativmedizin und Palliativpflege zur Schmerzlinderung und Symptomkontrolle liegen. Einen wesentlichen Unterschied bildet der finanzielle Beitrag, den der Patient bzw. seine Familie zu leisten haben. Das Hospiz ist eine Station eines Pflegeheimes und damit in einer ganz anderen Organisationsform als eine Palliativstation in einem Krankenhaus.
Ellen Üblagger: Den Patienten bietet sich bei uns die Möglichkeit ihren Lebensraum individuell zu gestalten, indem sie vertraute Bilder aufhängen, Lieblingsmöbelstücke oder Pflanzen mitnehmen. Auf Wunsch kann ein zweites Bett in das Zimmer gestellt werden, sodass jederzeit Angehörige übernachten können. Die Patienten genießen und schätzen die ruhige und persönliche Atmosphäre in unserem Haus. Die An- und Zugehörigen werden von Anfang an intensiv in die Begleitung miteingebunden. Die zusätzlichen Therapien wie Psychotherapie, Musiktherapie, Therapeutic touching health und andere können auch von den Angehörigen in Anspruch genommen werden.
Martin Böker: Das Helga Treichl Hospiz nimmt selten „nur“ einen Patienten, sondern fast immer die ganze Familie in Betreuung auf. Angehörige sind in vielen Facetten Partner im Betreuungsprozess.

Wie viele MitarbeiterInnen arbeiten in Ihrer Einrichtung?

Martin Böker: Im Helga Treichl Hospiz arbeiten (überwiegend in Teilzeit) 13 DiplompflegerInnen, drei ÄrztInnen, eine Psychotherapeutin, ein Sozialarbeiter, eine Seelsorgerin (im Dienste der Diözese), freiberufliche Therapeutinnen (Physio-, Musiktherapie, Therapeutische Berührung), etwa 20 ehrenamtliche MitarbeiterInnen (inkl. des Vereines der Freunde des Hospizes) sowie im Kontext des Pflegeheimes Zivildiener, MitarbeiterInnen der Verwaltung, des hauswirtschaftlichen Dienstes, der Hausreinigung und ein Hausmeister.

Was ist das Brückenteam?
Martin Böker: Das Brückenteam „schlägt die Brücke“ zur Familie und der Betreuungsform, aus der der Patient aufgenommen wird (etwa Hauskrankenpflege, Krankenhaus, Familienverband), ist als Case-Manager für die Organisation der Betreuung zuständig, wenn der Patient entlassen wird (schlägt somit wieder die Brücke nach außen) und koordiniert das Team der ehrenamtlichen MitarbeiterInnen.

Welche Ausbildung haben Ihre MitarbeiterInnen?

Ellen Üblagger: Wir drei Ärztinnen im Helga Treichl Hospiz sind Allgemeinmedizinerinnen mit einem Palliativdiplom. Eine Kollegin besitzt  zusätzlich ein Geriatriediplom. Zusätzlich besuchen wir regelmäßig Kongresse und Fortbildungen, die sich mit der Thematik von Palliativ Care auseinandersetzen.
In der Pflege arbeiten nur diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerinnen, die ebenfalls über ein Diplom in Palliativ Care verfügen. Auch diese besuchen regelmäßig Fortbildungen und Kurse.
Auch die anderen MitarbeiterInnen (Sozialarbeiter, Psychotherapeutin, Therapeutin für Therapeutic touching health, Seelsorgerin) haben ein Palliative Care Diplom.
Die einzelnen Teammitglieder halten zudem regelmäßig selbst Vorträge in Palliativkursen und auf Tagungen.

Wie unterscheidet sich die Arbeit im Hospiz von der eines „normalen “ Mediziners?
Ellen Üblagger: Für mich stellt sich da die Frage, was ist ein „normaler Mediziner“? Ich glaube, dass jede Fachdisziplin ihre ganz speziellen Herausforderungen hat. In den Akutkrankenhäusern nimmt der Mediziner sicher eine wesentlich aktivere Rolle ein.
Abgesehen von Akutereignissen (akute Schmerzsymptomatik, Atemnot, Krampfanfall, Blutung, … ), bei denen rasch gehandelt werden muss, erlebe ich meine Arbeit als ein Wahrnehmen der Situation und der Stimmung mit all meinen Sinnen bevor ich eine Entscheidung treffe. Einen Schwerpunkt in meiner täglichen Arbeit stellt die intensive Kommunikation dar, teils mit Patienten und ihren Angehörigen, aber auch innerhalb des Teams.

Dr. Ellen Üblacker, Chefärztin des Helga Treichl Hospizes in Salzburg
Dr. Ellen Üblagger (Medizinische Leiterin)

Wann ist der richtige Zeitpunkt jemanden ins Hospiz zu bringen?
Ellen Üblagger: Ein Hospizpatient leidet an einer weit fortgeschrittenen unheilbaren Erkrankung, die in absehbarer Zeit zum Tod führen wird. Eine Aufnahme ins Hospiz kann durch verschiedenste Faktoren wie z. B. auf Wunsch der Patienten, ein fehlendes soziales Umfeld, erheblicher und intensiver Betreuungsaufwand, Krankheitsbild, Schmerzeinstellung und anderes bedingt sein und wird individuell entschieden.

Wie geht man als Palliativmediziner mit dem Thema Sterbehilfe um?

Ellen Üblagger: Aktive Sterbehilfe lehne ich entschieden ab. Immer wieder bitten uns Patienten darum. Für mich stellt sich hier viel mehr die Frage: Welche Nöte verbergen sich hinter dieser Bitte? Die Antwort von Palliative Care auf diese Bitte lautet: „Wir werden Sie nicht töten, wir werden alles tun, damit Sie möglichst wenig Beschwerden haben und nicht alleine sind. Lassen Sie uns den Weg miteinander gehen.“

Welches sind die größten Probleme, mit denen die Mitarbeiter in der Betreuung zu tun haben?
Ellen Üblagger: Die größten Probleme in der Betreuung treten dann auf, wenn eine Betreuungssituation Parallelen zur eigenen persönlichen Biographie aufweist – im Sinne einer Spiegelfunktion, oder wenn die Patienten sehr jung oder in unserem Alter oder im Alter der eigenen Kinder sind. Betreuungen von sehr komplexen Familiensystemen, in denen teilweise viel Spannung und auch Aggression herrscht oder Betreuungen, in denen Minderjährige einen Elternteil verlieren, belasten die MitarbeiterInnen des Teams. Hier sind ein reger Austausch der MitarbeiterInnen untereinander und eine regelmäßige Supervision sehr hilfreich und notwendig.

Wo holt man sich die Kraft, die man braucht, um den Alltag im Hospiz zu bewältigen? Was sind bei der Arbeit mit todkranken Menschen die Erfolgserlebnisse?
Ellen Üblagger: Ich glaube, dass es wichtig ist, nicht Vollzeit in diesem Bereich zu arbeiten. Neben meiner Tätigkeit im Hospiz arbeite ich als Schulärztin und genieße es, dann wieder in die Welt der Kinder und Jugendlichen einzutauchen. Weitere Kraftquellen sind mein Mann und die drei Kinder, die gemeinsamen Stunden mit ihnen und auch mit FreundInnen stellen eine große Bereicherung dar. Durch meine Arbeit im Hospiz hat sich meine Beziehung zur Natur vertieft, ich erlebe z. B. den Wandel der Jahreszeiten wesentlich bewusster und genieße jede Minute, die ich im Freien verbringe.
Als Erfolgserlebnis in unserer Arbeit würde ich eine gelungene Symptomkontrolle (Schmerzen, Atemnot, Übelkeit, ...) bezeichnen, aber auch Gespräche, in denen es gelingt, den Patienten und ihren An- und Zugehörigen die Angst zu nehmen und ihnen die Sicherheit zu geben, dass immer jemand da ist, wenn es gewünscht wird, erfüllen uns mit Zufriedenheit. Doch die kostbarsten Geschenke sind die Momente, die sprachlich so schwer widerzugeben sind, wie ein Lächeln, ein Händedruck, ein leise gehauchtes Danke und Tränen, die miteinander geweint werden.

Wie lange sind die Patienten im Schnitt im Helga Treichl Hospiz?
Ellen Üblagger: Wir haben eine durchschnittliche Aufenthaltsdauer von ca. drei Wochen. Es sind aber auch schon Patienten am Aufnahmetag gestorben. Manchmal beträgt die Aufenthaltsdauer ein paar Monate, der längste dauerte knapp 2 Jahre.  

In aller Regel ist Palliativmedizin ein Thema, vor dem Menschen, deren Angehörige nicht gerade selbst betroffen sind, die Augen verschließen. Wie kann man die Öffentlichkeit sensibilisieren?

Martin Böker: Indem man auf die Menschen zugeht: Sich herzeigen, über das Sterben sprechen, Ängste ernst nehmen. Unsere Erfahrung ist, dass sich in den letzten zehn Jahren im 'öffentlichen Umgang' mit dem Thema viel verändert hat. Heute würde ich das Thema Tod nicht mehr ein Tabuthema nennen.

Welche Erwartungen haben Sie an sich und Ihr Haus? Was möchten Sie den Menschen, die zu Ihnen kommen, mitgeben?
Martin Böker: Ich hoffe, dass Hospize in Zukunft Teil der Gesundheitsversorgung werden und die Leistung für unsere Patientinnen und Patienten wesentlich billiger wird. Die Menschen haben teilweise Jahre, oftmals viele Monate schwerer Krankheit hinter sich, bevor sie ins Hospiz kommen. Das bedeutet auch, dass die Patienten zwar wenige Ressourcen, aber weiterhin viele Verpflichtungen (laufende Kredite, Unterhaltspflichten, Kinder in Ausbildung) mitbringen. Ich wünsche mir, dass anerkannt wird, dass sich unsere Patienten und ihre Familien in einer schwierigen Ausnahmesituation befinden, die einer stärkeren persönlichen Unterstützung durch die öffentliche Hand würdig ist.
Ellen Üblagger: Wir möchten den Weg der individuellen und auch kreativen Betreuung unserer Patienten und ihrer Familien weitergehen, offen bleiben für Veränderungen und Erneuerungen in Palliative Care und auch phasenweise die Interdisziplinarität intensivieren. Ein Wunsch wäre, dass durch unsere Arbeit und unsere Vorträge sowie die kulturellen Veranstaltungen in unserem Haus, die vom Verein der Freunde organisiert werden, die Berührungsängste der Bevölkerung mit der Thematik Tod und Sterben gemindert werden.
Ein großes Anliegen ist die weitere Vernetzung und Zusammenarbeit mit den anderen Trägereinrichtungen, dem Tageshospiz der Hospizbewegung und den mobilen Palliativteams der Caritas. Dadurch könnte die Betreuung der Patienten und ihrer An- und Zugehörigen weiter optimiert werden.
Das Österreichische Rote Kreuz hat mit dem Projekt Helga Treichl Hospiz eine Vorbildwirkung und wir hoffen, dass es diese auch in Zukunft weiter so engagiert wahrnimmt.

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