16.05.2012

Warum es Zeit ist, das Wetter ernst zu nehmen

Äthiopien steht als Synonym für Hunger. Ein Rotkreuz-Projekt im Norden des Landes tritt den Beweis an, dass einfache Mittel und Zusammenarbeit mit den Dorfgemeinschaften genügen, um Katastrophen zu verhindern.

Eine kleine Änderung der Temperatur oder der Regenfälle werden in den großen Städten der Welt kaum bemerkt. Wenn man aber seinen Lebensunterhalt mit Landwirtschaft verdient, wird man solche Veränderungen nicht mit der gleichen Gelassenheit wie die Stadtbewohner hinnehmen.

 

Und wenn man ein Bauer in einem Entwicklungsland wie Äthiopien ist und von der Hand in den Mund lebt, ist das Wetter mehr als ein Thema für Smalltalk.
Für die Menschen in Senbetge im Norden von Äthiopien ist der Klimawandel eine Angelegenheit von Leben und Tod.

 

Klimawandel und Abholzung

 

Senbetge ist einer der ärmsten Bezirke in der Gegend und 99 Prozent der Menschen dort leben vom Ackerbau. Das Leben in dieser ländlichen Gegend, die von Dürren genauso wie von Überflutungen heimgesucht wird, war nie einfach. Aber in den vergangenen Jahren sind die Bedingungen schlechter geworden.

 

Der globale Klimawandel und die lokale Abholzung zeigen ihre Folgen in der Landwirtschaft. „ Als ich jung war, war die Erde gut und wir ernteten drei Mal im Jahr. Nun haben wir eine einzige Ernte“, erzählt eine der Dorfältesten aus Hamusite, mit 60 Häusern das größte Dorf in der Gegend. „Früher wussten wir, wann der Regen kommt, wir konnten die Zeichen lesen, aber jetzt kommt der Regen oft zu früh oder zu später und er ist nicht genug für unsere Felder“, erinnert sich ein anderer Bauer.

 

Phänomen Hagel

 

Starke Regefälle und Dürren passieren öfter. Die Dorfgemeinschaften haben keine Reserven, um die Folgen von Missernten auszugleichen. Ein anderes, neues Phänomen ist Hagel, der in dieser Gegend früher unbekannt war und nun Pflanzen zerstört und Mensch und Tier gleichsam erschreckt.


Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte, weil die drohende Katastrophe setzt sich nicht nur aus den Naturgewalten zusammen sondern auch aus der Fähigkeit einer Gemeinschaft, sich dagegen zu wappnen. Die Bauern in Senbetge sehen die Veränderungen rundherum und tuen ihr bestes sich an die neuen Umstände anzupassen.

 

Ihre Ressourcen sind begrenzt aber ihre Motivation ist groß. Deshalb hat ein neues Projekt, das das Äthiopische Rote Kreuz gemeinsam mit dem Österreichischen durchführt, viel positive Resonanz erfahren. Finanziert wird das multidimensionale Projekt von der ADA (Austrian Development Agency).

 

Krankheiten reduzieren

 

Sein Ziel ist es, die Widerstandskraft der Dorfgemeinschaften zu stärken und ihre Verwundbarkeit durch klimatisch bedingte Katastrophen zu reduzieren.
Verschiedene Aktivitäten werden gemeinsam mit den Dorfgemeinschaften umgesetzt. Sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen zählen ebenso zum Programm wie Katastrophenvorbeugung.

 

„Eine wichtige Komponente des Projektes und der derzeitige Fokus ist die Konstruktion von handgegrabenen Brunnen“, erklärt Lisa Taschler, die als ÖRK-Delegierte vor Ort ist. „Damit heben wir die Versorgung mit sicherem Trinkwasser von unter einem Prozent auf etwa 75 Prozent der Bevölkerung an.“ Die Wassrversorgung steigert nicht nur die allgemeine Lebensqualität für die Bewohner von Senbetge, sie wird auch weit verbreitete Krankheiten wie Diarrhöe reduzieren.


Ein weiterer wichtiger Pfeiler des Projektes ist die Reduktion der Nahrungsmittelunsicherheit durch die Erhöhung des Ernteertrags. Die geplanten Maßnahmen umfassen die Konstruktion von Terrassen, Dämmen und Gräben, um die Felder gegen Überschwemmung zu schützen und die Erosion des wertvollen Bodens zu reduzieren. Auch die Einführung von Bewässerungen und eine Baumschule zielen auf eine Verbesserung und Verlängerung der Anbauzeiten.

 

Tragödien verhindern


„Äthiopien steht weltweit an fünfter Stelle bei den dürregefährdeten Ländern“, sagt Lisa Taschler. „In den Nachrichten ist das Land schon fast ein Synonym für Hunger und viele haben geschworen, dass katastrophale Hungersnöte wie am Horn von Afrika nie wieder passieren dürfen. Um das in die Realität umzusetzen hat die internationale Hilfsgemeinschaft ihren Fokus von Katastrophenhilfe auf Prävention und Vorbeugung verschoben.“

 

Solche Projekte verhindern nicht nur menschliche Tragödien, sie sind auch Kosteneffektiv. Laut dem Entwicklungshilfe-Programm der Vereintan Nationen, spart jeder Dollar, der in Katastrophenvorbeugung investiert wird,  vier Dollar an Katastrophenhilfe. Noch ist es leider so, dass nur ein kleiner Teil der internationalen Hilfe – etwa ein Prozent – in Programme zur Katastrophenvorbeugung gesteckt werden.


„Unser Projekt in Senbetge soll auch zeigen, dass wir nicht auf die Katastrophe warten müssen, sondern dass wir gemeinsam mit den lokalen Gemeinschaften jetzt handeln müssen, um weitere Tragödien zu verhindern.“