Dr. Kopetzky

Die Weihnachtsfeiertage des Jahres 2004 sind vielen von uns noch in Erinnerung. Erschütternde Bilder gehen um die Welt, eine unfassbare Katastrophe trifft auf eine besinnliche Jahreszeit. Während die Opferzahlen täglich nach oben korrigiert werden und das Ausmaß erst langsam abschätzbar wird, sind die ersten Rotkreuz-MitarbeiterInnen bereits vor Ort. Sie sind Teil einer Hilfsaktion, die später als eine der größten in die Geschichte des Österreichischen Roten Kreuzes eingehen sollte: Spezialisten des Kriseninterventionsteams betreuen Österreicherinnen und Österreicher in Sri Lanka und Thailand, Trinkwasserexperten versorgen die betroffene Bevölkerung in Indonesien und dringend benötigte Hilfsgüter wie Medikamente und Hygiene-Pakete werden verteilt. Als die Österreicher eintrafen, waren unsere Kollegen vom sri lankischen Roten Kreuz bereits rund um die Uhr im Einsatz. „Minuten nach der Katastrophe standen verzweifelte Menschen in meinem Haus“, erzählte ein Kollege aus Batticaloa. Betroffene haben Betroffenen geholfen, der Zusammenhalt in diesen ersten Stunden war enorm, die Erschöpfung groß. Internationale Unterstützung war dringend notwendig. 183 MitarbeiterInnen des Österreichischen Roten Kreuzes haben diese in den folgenden vier Jahren geleistet.

 

So schwierig die Rahmenbedingungen bei der Soforthilfe waren, so herausfordernd blieben sie auch bei der weiteren Arbeit vor Ort. Das Österreichische Rote Kreuz hat seine Wiederaufbau-Programme auf den Norden und Osten Sri Lankas konzentriert - eine Region, die doppelt betroffen war: 20 Jahre Bürgenkrieg hatten ihre Spuren hinterlassen, die Welle war eine weitere Verschärfung einer ohnehin prekären Situation. Checkpoints und Ausgangssperren prägen den Alltag der Helfer, Materialknappheit und Lieferprobleme verzögern die Arbeit. Immer mehr Hilfsorganisationen ziehen sich zurück. Das Österreichische Rote Kreuz bleibt, denn es zählt auf sein weltweites Netzwerk.  

 

Jahrelange Präsenz vor Ort, die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen des sri lankischen Roten Kreuzes und dadurch gegebene Landes- und Konfliktkenntnis ermöglichen eine erfolgreiche Umsetzung der geplanten Projekte: allein durch Mittel von Nachbar-in-Not konnten 2.300 Häuser finanziert und gemeinsam mit den betroffenen Familien gebaut werden. „Die Uhren in Sri Lanka ticken anders als zuhause.“ Diesen Satz habe ich von ortskundigen Kollegen und Partnern oft gehört. Von seiner Bedeutung  konnte ich mich bei Besuchen auf der Insel überzeugen. Nachhaltig zu arbeiten, heißt, sich auf lokale Gegebenheiten einzulassen und gemeinsam mit der Bevölkerung Projekte umzusetzen. Das Ziel im Auge zu behalten und behutsam zu verfolgen, das war und ist der Ansatz des Roten Kreuzes.

Markthallen, Kindergärten, Fischereizentren ergänzen schließlich das Programm und hauchen der Insel wieder Leben ein. Lachen ist in die Dörfer zurückgekehrt.

 

Dr. Wolfgang Kopetzky, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes

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