Der Flüchtlingsmarathon

Eine Reise aus dem Nahen Osten in eine bessere Welt: Der Rotkreuz-Katastrophenhilfsexperte Christopher Jahn begegnete Flüchtlingen an vielen Stationen quer durch Europa und den Nahen Osten. Er zeichnet den langen, gefährlichen und teuren Weg nach, den hunderttausende Menschen auf sich nehmen, um der Gewalt in ihren Heimatländern zu entkommen. Als Quellen dienten Daten der Vereinten Nationen, Einsätze für das Rote Kreuz, seriöse Infoportale - und Ahmeds Informationen von seiner Reise als Flüchtling.

Km 0 – Aleppo, Syrien (Barmittel 100%)

Safe access to some humanitarian cases through the humanitarian passage in Boustan al Qasar - Aleppo

Viele der Flüchtlinge kommen aus den syrischen Städten Aleppo oder Homs. Aleppo - Weltkulturerbe und einst die größte Stadt Syriens (2,1 Mio Einwohner), ist nahezu zerstört, zumindest fünf bewaffnete Gruppierungen kämpfen um die Stadt und machen das Leben nahezu unmöglich. Für Achmed beginnt die Reise weiter im Osten – in der irakischen Hauptstadt Bagdad.

Km 1.200 – Bodrum, Türkei (Barmittel 80%)

fluchtlingsboot


Per Bus, Taxi, Flieger oder auch einfach zu Fuß geht es weiter und je nach Transportmittel gelangt man nach zwei Tagen oder innerhalb von zwei Wochen nach Bodrum– einem der Tore in die EU (neben Edirne als Landwegoption).

Bereits in der Türkei wähnt man sich vor Kriegsgefahren erstmals in Sicherheit – wie die jüngsten Entwicklungen zeigen, nur eingeschränkt richtig. Von den knapp zwei Millionen syrischen Flüchtlingen in der Türkei leben etwa 15 Prozent in Camps, der Rest irgendwo in Rohbauten, Garagen oder ähnlichen Behausungen.

Km 1.200 – 1.204 irgendwo in der Ägäis (Barmittel 60%)


Drei bis vier Kilomter klingen nicht viel und definitiv nicht unüberwindbar. Die meisten Schwimmer würden es dennoch nicht schaffen – schon gar nicht mit Seegang.

 

Ganz abgesehen davon können viele der Flüchtlinge nicht schwimmen  - „No one puts their children in a boat unless the water is safer than the land” sagt der somalisch-britische Dichter Warsan Shire. Ein Platz in einem kleinen oder großen Schlauchboot kostet zwischen 1.500 und 2.000 Euro – pro Person und Überfahrt. Kapitän und Kompass gibt es nicht, sind ja ohnehin nur 4 km bis nach Kos oder Kalymnos oder noch weniger von anderen türkischen Hafenstädten nach Chios oder Samos.


Der türkische „Geschäftsmann“ macht pro Boot 40.000 bis 150.000 Euro. Die Flüchtlinge sind guter Dinge – der ersehnte Frieden in der EU scheint zum Greifen nahe. Die Batterie für den Minimotor wird schon halten, und wenn nicht, gibt es Schwimmwesten und Holzlatten zum Rudern.

Km 1.204 – EU/Kos, Griechenland (Barmittel 60%)


Die nächste Etappe ist geschafft – die EU ist erreicht!


Hier treffe ich während eines Föderationseinsatzes auf Kos unzählige Flüchtlinge. Der Auftrag meiner Kollegin Lidwina und mir lautet das Hellenic Red Cross bei der Planung und Durchführung von Hilfsgüterverteilungen und im Kapazitätsaufbau zu unterstützen.


Im Rahmen dieses zweiwöchigen Einsatzes auf Kos im August kommen Lidwina und ich in täglich intensiven Kontakt mit Flüchtlingen – auch mit Ahmed und seiner Familie, die ich am Strand direkt nach ihrer Ankunft treffe. Nachdem Ahmeds Bruder in Bagdad von Scharfschützen erschossen wurde, packte er seine Familie, verkaufte sein Auto und verließ den Irak.

 

Das Ziel: Brüssel. Familie und Freunde sind bereits dort und auch er will in der Hauptstadt der EU Sicherheit finden. Wir werden sofort Facebook-Freunde und machen uns aus, dass ich die Reise seiner Familie bis Brüssel verfolge.

Ahmed from Baghdad, Iraq arrived to the Greek island of Kos with his family in a rubber boat which he boarded in Bodrum, Turkey. The boat carried around 50 other migrants and refugees. Human traffickers charge USD/EUR 1,000-1,300 per person for a trip on

Km 1.208 - EU/Kos, Griechenland (Barmittel 50%)


Vom Strand heißt es dann gleich mal vier Kilometer bis ins Zentrum von Kos wandern, um sich bei der Polizeistation zu erkundigen, wann denn die jeweilige Nationalität wieder registriert werde.

 

Ohne Registrierung gibt’s keine Weiterfahrt nach Athen. Wenn man Glück hat, kommt man in ein paar Tagen zur Registrierung und nach einer Wartezeit von 2-3 Wochen hat man dann das begehrte Papier in Händen. Diese 2-3 Wochen darf man auf der Ferieninsel verbringen – staatliche Versorgung exklusive (keine Unterkunft, kein Essen, keine medizinische / psychosoziale Betreuung, etc.) – die Barmittel schrumpfen erheblich.

 


Sofort nach Erhalt des Papieres verlässt man mit Sack und Pack das Eiland per Fährticketticket nach Athen, um von dort per Bus oder Taxi meist via Thessaloniki nach Idomeni (Grenze FYROM) zu gelangen.

Km 2.200 –Mazedonien (Barmittel 35%)


In der EU – aus der EU, so schnell kann das gehen. Die mazedonischen Behörden forcieren den schnellen Transfer durch das kleine Land. Öffentliche Verkehrsmittel dürfen 2-3 Tage kostenlos benutzt werden. Mal gibt es längere, mal kürzere Wartezeiten an Grenzstationen und Bahnhöfen, das Mazedonische Rote Kreuz verteilt Hilfsgüter an den „Labestationen“ der Marathon-Etappe.

Km 2.750 – Belgrad/Serbien (Barmittel 10-20%)

serbien


Das Etappenziel Belgrad wird angesteuert. Als Optionen gibt es „günstige“ Taxiunternehmen, Busse und die Bahn. Viele wollen nicht aufgegriffen werden und fahren daher, nach Überqueren der grünen Grenze, per Taxi weiter. Die Geschäftemacher sind sich der Lage der Flüchtlinge sehr wohl bewusst und bieten „Spezialtarife“ an – ein Millionengeschäft.


Von Belgrad erneut per Bahn, Bus oder Taxi in die nördliche Vojvodina – schlägt sich mit etwa 300 Euro pro Taxi zu Buche, wenn es ein offizielles Taxi ist. Die serbischen Behörden beschreibt Ahmed als die am „nettesten“ von allen.

Km 3.000 – Subotica oder Kanjiža (Barmittel 0-20%)

Subotica serbien


Hat man die serbische-ungarische Grenze nicht überquert, geht es hier in der Vojvodina recht gemütlich zu. Das Serbische RK und die Behörden versorgen die Flüchtlinge mit allem was nötig ist. Im „Free Camp“ in Kanjiža wird sogar wifi angeboten, das Serbische Rote Kreuz kommt täglich vorbei und verteilt Nahrungsmittel und Hygieneprodukte, es gibt Duschen und UNHCR und das Migrationsministerium sorgen dafür dass es grundsätzlich an nichts fehlt.


Eine Woche nach Rückkehr von Kos treffe ich hier erneut auf den Flüchtlingsstrom. Ich wurde nach Budapest entsandt, um den Informationsfluss von Ungarn Richtung ÖRK sicherzustellen. In Österreich ist man seit dem 5. September mit der rapid ansteigenden Anzahl ankommender Flüchtlinge konfrontiert.


Ich treffe mich mit ungarischen und serbischen KollegInnen in Subotica, Kanjiža, Röszke und Szeged und wir sehen uns die Lage und Aktivitäten aller Akteure recht genau an. Das Ungarische als auch das Serbische RK arbeiten bestmöglich, um die Situation der Transitflüchtlinge erleichtern.
Leider ist Ahmed aus dem Irak mit seiner Familie noch nicht hier, ich hätte ihn gerne wieder gesehen. Er steckt irgendwo in Mazedonien fest.*

Km 3.200 – EU / Budapest (Barmittel 0-10%)

HUN Bahnhof Keleti


Hat man erst die Grenze nach Ungarn überquert, wird es herausfordernd: Flüchtlinge werden in Anhaltelager gekarrt und dort für bis zu 48 Stunden zu Registrierungszwecken festgehalten. Die Hilfsmaßnahmen der Behörden lassen breiten Raum für Verbesserungen. . .

 

Mit Glück, Geld und mit einem hochpreisigem Schlepper-Taxi kommt man nach Budapest. Die finanziellen Reserven gehen damit üblicherweise dem Ende zu.
Bahnhof Keleti Budapest – viele Stunden habe ich dort verbracht, um mit anderen österreichischen Verbindungsleuten die Flüchtlingsströme zu analysieren und Prognosen zu treffen. Wie viele Menschen sind am Bahnhof, wieviele steigen in jeden Zug und wie viele steigen auf der Strecke Budapest-Wien noch zu, um nach Nickelsdorf oder Heiligenkreuz zu kommen?

 


Private Helfer, NGOs und das Ungarische Rote Kreuz versuchen die Lage der Flüchtlinge am Keleti-Bahnhof erträglicher zu machen.

 

Mittlerweile ist Ahmed mit seiner Familie in Mazedonien unterwegs und es scheint ihm gut zu gehen. Ich freue mich für sie.

Km 3.500 – EU / Wien (Barmittel 0-5%)


Solange der Weg über Ungarn möglich war, überschritten die allermeisten Flüchtlinge in Nickelsdorf die Grenze nach Österreich. Erleichterung steht ihnen ins Gesicht geschrieben, als sie von den RK-Helfern an der Grenze ein „Welcome to Austria“ hören. Wissen sie doch von Vorgängern, dass in Österreich wesentlich bessere Bedingungen herrschen.


Ich bin Mitte/Ende September auch in Inzersdorf aktiv und unterstütze das Stabsteam des ÖRK bei der Erfassung und Aufbereitung der Lagedaten, um adäquat auf sich laufend ändernde Situationen reagieren zu können (freie Quartiere, Kapazitäten der Landesverbände, etc.). Am liebsten sind mir die Nachtdienste – denn dann kann ich in der Früh und am Abend kurz bei meiner Familie vorbeischauen und ein paar Stunden schlafen.


Ende September treffe ich auch Ahmed mit seiner Familie in Wien in einen Rotkreuz-Notunterkunft. Er fragt nach Schuhen und Medikamenten. Sie haben zwar Geld, aber es traut sich keiner auf die Straße einkaufen zu gehen – sie haben Angst aufgegriffen zu werden und um Asyl ansuchen zu müssen. Das  wollen sie wie die meisten Flüchtlinge vermeiden. Ihr Ziel bleibt Brüssel.
Ich versorge die Familie mit Schuhen und Medizin für die Kinder – erkläre jedes nicht-rezeptpflichtige Medikament sorgfältig und schreibe die Einnahmeanleitung auf die Packung. Ahmed erzählt mir von seinen Plänen und wie er nach Brüssel kommen will. Er hat kaum noch Geld und wenn er wieder von einem „Fluchthelfer“ betrogen wird, steht er mit 0 Euro da.

Km 4.500 – EU / Brüssel (Barmittel 0%)


Am Ziel - Ahmed schafft es irgendwie nach Brüssel. Es kostet ihn und seine Familie die letzten Ersparnisse. Seine Facebook Fotos zeugen von unglaublicher Erleichterung und Freude, als er endlich mit seiner Familie in Brüssel vereint ist. Jetzt heißt es Asylantrag stellen und warten …

Km 0 – Libanon / Zahle, Bekaa-Ebene

Libanon


Ich kehre Anfang Oktober zu den Wurzeln der Flüchtlingsbewegung in die syrischen Nachbarländer zurück. Europa scheint aufgewacht zu sein und plötzlich gibt es wieder etwas mehr Mittel für die Betreuung und Versorgung von Flüchtlingen aus den nahöstlichen Konfliktländern im Libanon.

 

Die massiven Kürzungen der Hilfsprogramme in den letzten Monaten und Jahren waren sicherlich ein Grund für den verstärkten Zuzug von Flüchtlingen nach Europa. Wir als ÖRK planen, Flüchtlinge im Libanon mit Heizölgutscheinen für die Wintermonate zu unterstützen und hoffen auf finanziellen Zuwendungen seitens der Bundesregierung.

 

Eines ist jedoch klar – es gibt keine schnellen Lösungen und nichts wird so wie früher …

socialshareprivacy info icon