Sujetfoto Berlin-Charta

Die Themen sind nicht neu. Umso erfreulicher, dass sie das Rote Kreuz nun verstärkt anpackt: Migration und Gesundheit. Weltweit gibt es 150 Millionen MigrantInnen. Eine der wichtigsten Aufgaben des Roten Kreuzes wird es künftig sein, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen. Im Bereich Gesundheit geht es in erster Linie um die Bekämpfung von Krankheiten, die sich epidemisch ausbreiten. HIV/Aids und Tuberkulose stehen hier an der Spitze.

 

Im April 2002 hat die Europäische Regionalkonferenz der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften zu den Themen Migration und Gesundheit ein ambitioniertes Aktionsprogramm beschlossen:

Die Rotkreuz-Berlin-Charta 2002:

1. Wir, die europäischen Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften, haben uns im April 2002 in Berlin versammelt,

  • um die Schwerpunkte unserer Arbeit für die kommenden vier Jahre festzulegen
  • um uns unverzüglich der menschlichen Not zu widmen, die durch Migration und durch die Vorenthaltung des Rechts auf Gesundheitsversorgung für immer mehr Menschen entsteht.

 

2. Wir erklären unsere Entschlossenheit, besondere Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse jener zu legen, die durch Migration gefährdet sind: Menschen, die im Schatten der Illegalität leben; Menschen, die durch Diskriminierung von der Gesundheitsversorgung ausgeschlossen sind; und, vor allem, Kinder, deren Zukunft von solcher Diskriminierung bedroht ist.

 

3. Wir betonen in Übereinstimmung mit dem Humanitären Völkerrecht erneut den Anspruch eines jeden Menschen auf die grundlegenden Menschenrechte. Wir werden unsere Beziehungen zu Regierungen und zur Zivilgesellschaft nutzen, damit diese Rechte auch allen Menschen gewährt werden, die neu in unsere Länder kommen, unabhängig von ihrem rechtlichem Status. Wir wollen den ungehinderten Zugang zu entsprechender Behandlung für Menschen mit HIV/AIDS, Tuberkulose und anderen Infektionskrankheiten sicherstellen. Wir wollen den Schutz und die Hilfe des Roten Kreuzes für alle Menschen in Not in Übereinstimmung mit dem Humanitären Völkerrecht, den Menschenrechten und den Grundsätzen der Toleranz und der menschlichen Würde sicherstellen.

 

4. Wir verpflichten uns und unsere engagierten und motivierten freiwilligen und hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sich unverzüglich und dauerhaft der menschlichen Not zuzuwenden, die durch alle Formen von Bevölkerungsbewegungen entstehen, ohne Rücksicht auf die rechtliche und gesellschaftliche Stellung der betroffenen Menschen, und den Zugang zu entsprechender Gesundheitsversorgung für alle Menschen unter allen Umständen sicherzustellen.

5. Wir verpflichten uns zur Umsetzung der Aktionspläne für Migration und Gesundheit, im Bewusstsein, dass dadurch unsere Anstrengungen auf nationaler und internationaler Ebene verstärkt werden müssen und dass wir verstärkt Partnerschaften und Allianzen eingehen müssen, um die notwendigen Resourcen sicherstellen und um untereinander Wissen, Erfahrung und best practice-Modelle austauschen zu können.

6. Wir verpflichten uns, Toleranz, Gewaltfreiheit und Respekt für ethnische Vielfalt zu fördern und ersuchen unsere Regierungen eindringlich, die grundlegenden Rechte aller Menschen in unserem Land ohne Unterschied der Person sicherzustellen.

7. Wir appellieren an unsere Regierungen und rufen internationale, regionale und lokale Organisationen auf, uns bei unseren Bemühungen zu unterstützen und unser Anliegen gemeinsam vor die 28. Internationale Konferenz des Roten Kreuzes und Roten Halbmonds zu bringen, die im Jahr 2003 stattfinden wird.

 

Humanitäre Herausforderung und menschliche Not

8. Die grundlegenden Umbrüche in Europa und in anderen Teilen der Welt im Laufe des vergangenen Jahrzehnts haben vielen Menschen Hoffnung auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien gegeben. Zugleich haben die mit diesen Umbrüchen verbundenen ökonomischen und sozialen Veränderungen große Not für viele Männer, Frauen und Kinder gebracht. Sie wird unter anderem offensichtlich durch neue Formen von Xenophobie und Diskriminierung, neue Gesundheitsprobleme und die Trennung von Familien.

9. Die Berliner Konferenz findet in einer Zeit statt, in der das Humanitäre Völkerrecht und die Menschenrechte durch mangelnde Respektierung vor ernsthaften Herausforderungen stehen. Ein unabdingbarer Ausgangspunkt zur Bewältigung der Not und zur Sicherstellung von Schutz und Hilfe für viele Menschen ist die Wiederherstellung von Respekt vor und Vertrauen in die Grundsätze der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung, in das Humanitäre Völkerrecht und in die Menschenrechte.

10. Neue und altbekannte Krankheiten verursachen ausgedehntes menschliches Leid, während die Gesundheitsdienste gleichzeitig mit zunehmender Überlastung kämpfen. Die Schwächsten unter uns leiden darunter am meisten. Die europäischen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften anerkennen, dass nicht nur Europa von diesen komplexen Problemen betroffen ist. Die Welt steht vor Herausforderungen, zu deren Lösung die Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung einen bedeutenden Beitrag leisten kann. Bewaffnete Konflikte, Naturkatastrophen und Armut durch wirtschaftliche Ungleichheit und gesellschaftliche Veränderungen sind die Ursache für die Zerstörung der Lebensgrundlagen ungezählter Menschen.

 

Leistungsfähigkeit

11. Zur Erreichung unserer Ziele werden wir sicherstellen, dass sich die Aktivitäten unserer Nationalen Gesellschaften bedarfsgerecht auf die Aktionspläne Migration und Gesundheit konzentrieren und dass wir dafür die Leistungsfähigkeit und Stärke unserer Organisationen mobilisieren. Innerhalb unserer Nationalen Gesellschaften werden wir eine Kultur der Vielfalt fördern.

12. Wir erwarten vom Sekretariat der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften – in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) – die Unterstützung unserer operationellen Leistungsfähigkeit und erklären, unsere eigenen Anstrengungen auf den Gebieten Migration und Gesundheit zu verstärken.

13. Wir werden unser internationales Suchdienst-Netzwerk, unsere Stellung im Bereich Erste Hilfe und psychologische Betreuung sowie unsere in zahlreichen Notfällen trainierten Gesundheitsdienste für die Herausforderungen, die auf dieser Konferenz identifiziert wurden, einsetzen.

14. Wir erklären, hinsichtlich der Teilnahme an der Arbeit unserer Organisationen auf Ausgewogenheit zu achten. Unsere Organisationen sollen alle Bereiche der Gesellschaft und ihre kulturelle Vielfalt widerspiegeln und darüber hinaus besonderes Augenmerk auf ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern achten.

 

Partnerschaften

15. Wir werden unsere Arbeit im Interesse von Menschen in Not gemeinsam mit diesen, mit unseren Regierungen, mit internationalen Organisationen, mit der Zivilgesellschaft und der Privatwirtschaft partnerschaftlich durchführen.

16. Wir erwarten von unseren Regierungen jene Unterstützung, zu der sie sich durch die Annahme des Aktionsplans der 27. Internationalen Konferenz des Roten Kreuzes und Roten Halbmonds bekannt haben und verpflichten uns zur konstruktiven Zusammenarbeit in der Umsetzung dieses Aktionsplans.

17. Wir erwarten vom Sekretariat der Föderation die Entwicklung entsprechender Beziehungen zur Europäischen Union, zum Europäischen Rat und zu anderen Organisationen, darunter zum UN-Hochkommissariat für Menschenrechte (UNHCHR), zur Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), zur Internationalen Organisation für Migration (IOM), zur Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSCE), zur Weltgesundheitsorganisation (WHO), zum AIDS-Programm der Vereinten Nationen (UNAIDS), zur UN-Entwicklungsorganisation (UNPD) sowie zu anderen regionalen und lokalen Organisationen und NGOs.

 

Kontinuierlich Engagement zeigen

18. Wir anerkennen, dass die praktischen Auswirkungen der Entscheidungen der Sechsten Europäischen Regionalkonferenz des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds von unserem kontinuierlichen Engagement, von der partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den Nationalen Gesellschaften und ihren Gemeinschaften, Regierungen, Organisationen und Institutionen abhängen, die unsere Anliegen teilen.

19. Wir bekennen uns zur konkreten Aktion, zur Zusammenarbeit und zu Partnerschaften mit Regierungen und nationalen und internationalen Organisationen. Wir werden unsere Programme in Übereinstimmung mit den Aktionsplänen für Migration und Gesundheit der Berliner Konferenz entwickeln und konsequent umsetzen.

socialshareprivacy info icon