Pragmatische Anmerkungen für den Mai 2030

ÖRK-Präsident Freddy Mayer

von Fredy Mayer,
Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes


Alles soll sich bewegen in einer globalisierten Welt, das Kapital, die Güter, die Dienstleistungen. Nur die Menschen sollen zu Hause bleiben. Das ist natürlich nicht der Fall. 150 Millionen Migranten gibt es auf der Welt, und der Grund für ihre Wanderung ist denkbar einfach: Migranten hoffen auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien.
Darin treffen sich ihre Interessen mit den unseren.
Der Weltrotkreuzwoche von 6. bis 12. Mai bildet einen guten Anlass, die zentralen Elemente dieser Interessensgemeinschaft unter Anwendung von ein wenig Demoskopie kurz in Erinnerung zu rufen.

Mit Hilfe der Demographie können wir tief ins 21. Jahrhundert blicken. Wenn Sie ein Pensionist des Jahres 2030 sein werden, dann wird sich Ihre Gesellschaft dann aus drei Gründen deutlich von jener unterscheiden, in der Sie heute leben. Grund eins: Die steigende Lebenserwartung. In wohlhabenden Ländern wie Österreich hatten wir in den vergangenen 30 Jahren einen Zuwachs der Lebenserwartung bei der Geburt von drei Jahren pro Jahrzehnt. Grund zwei: Die sehr stark sinkende Kinderzahl. Vor hundert Jahren hatten Familien in Österreich im Schnitt vier Kinder. Heute liegt die Zahl bei 1,4. Mehr Familienpolitik wird das Problem nicht lösen, denn die Geburtenrückgänge der Zukunft sind heute schon vorprogrammiert, und die zukünftige Elterngeneration wird jedenfalls um 30 bis 40 Prozent kleiner sein.
Beide Gründe führen unabhängig voneinander zu einer Alterung der Gesellschaft. Im Jahr 2030 wird es in Österreich rund 2,7 Millionen Menschen über 60 Jahre geben, aber nur noch rund 1,2 Millionen Kinder und Jugendliche. Und das Jahr 2030 scheint nur weit weg, denn wenn wir zurückblicken: An die Ölkrise und den autofreien Tag vor knapp 30 können sich die meisten noch erinnern.

Folgt man dem Demoskopen Rainer Münz, dann ist die gute Nachricht, dass es kein Problem geben wird, einen Kindergartenplatz für Ihre Enkel zu finden. Die weniger gute Nachricht betrifft Sie selbst: Es geht dabei um die Gesundheits- und Sozialpolitik für eine überalterte Gesellschaft. Wenn Sie in Pension gehen werden, haben Sie hoffentlich noch Jahre der Gesundheit vor sich. Trotzdem wird mit der Zahl älterer Menschen auch die Anzahl der Hilfs- und Pflegebedürftigen zunehmen. Wenn Sie noch gut beisammen sind, ist unsere Vision, dass Sie in eines der neuen Tätigkeitsprofile in den sozialen Diensten passen, über die das Rote Kreuz – gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen – gerade intensiv nachdenkt (nachdenken muss, denn Österreich hat heute schon keine Gesundheitspolitik, sondern lediglich eine Finanzpolitik zu Gesundheitsfragen). Wenn nicht, werden Sie zu den Empfängern dieser sozialen Hilfs- und Pflegeleistungen gehören.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich trotzdem eine Versorgungslücke öffnen. Nicht nur im Bereich der Pensionszahlungen steuern wir auf einen unerfreulichen Trend zu: 2030 werden etwa 70 Pensionistinnen und Pensionisten auf 100 Erwerbstätige kommen, und um die Mitte des 21. Jahrhundert wird sich das Verhältnis egalisiert haben. Zu dem vorhin gesagten kommt, dass die unmittelbare Solidaritätskette bei jenem Viertel der heute unter 30jährigen völlig abreißen wird, die ihr Leben lang kinderlos bleiben werden. Denn wenn der Partner verstorben sein wird, wird niemand mehr da sein, auf den sie sich unmittelbar stützen können.

Aus all diesen Gründen bekommt der Begriff der internationalen Solidarität eine neue Dimension. Damit bin ich nicht nur beim dritten Grund für das Anderssein der künftigen österreichischen Gesellschaft, sondern auch beim gemeinsamen Interesse mit den Migranten, die zu uns kommen: Wir sind auf Zuwanderung angewiesen. Bei der Lösung der Probleme mitzuarbeiten, die damit zweifellos verbunden sind – das haben 50 Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (darunter die österreichische) vor 14 Tagen auf einer Konferenz in Berlin ganz oben auf ihre Prioritätenlisten gesetzt. Ohne Pauschalurteile aussprechen zu wollen, gibt es auch bei uns ein gewisses Maß an Skepsis gegenüber ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. In diesen Bereich zu investieren ist aber nicht nur – wie wir es idealerweise gerne hätten – ein Gebot der Menschlichkeit und aktive Arbeit gegen die Spaltung unserer Gesellschaft entlang ethnischer Bruchlinien. Es ist auch eine gute Vorbereitung auf die Gesellschaft von morgen.

Das Rote Kreuz kann dabei auf einigem Aufbauen. Dass wir intensiv darüber nachdenken, wie die Versorgung Hilfs- und Pflegebedürftiger auch in einer überalterten Gesellschaft sichergestellt werden kann, habe ich schon erwähnt. Darüber hinaus bieten wir im "Netzwerk Asylanwalt" Asylwerbern rechtliche Betreuung an; mit der Dokumentationsstelle ACCORD in Wien bieten wir im Rahmen des European Country of Origin Information Network unabhängige Informationen zur Verbesserung der Qualität von Asylverfahren; es gibt unsere raschen Hilfeleistungen im Rahmen der individuellen Spontanhilfe; und es gibt zur Zeit intensive Überlegungen zur Durchführung von Deutschkursen für Migranten, wie sie durch die Integrationsvereinbarung notwendig werden.

In all diesen Bereichen können wir nicht für alles die Verantwortung übernehmen. Wir möchten ungern zu Lügnern des Guten werden, sondern lieber sehr präzise dort etwas tun, wo unsere Handlungsmöglichkeiten auch hinreichen. Aufgabe des Roten Kreuzes ist es, eine Not zu erkennen, bevor sie fatale Folgen hat. Selbst wer diesen unseren Kernanspruch nicht teilt, sollte Kraft der Vernunft und gewisser mathematischer Grundkenntnisse wenigstens die hier angeführten Argumente nachvollziehen können. Und wenn es aus purem Egoismus für sich selbst und seine Familie ist. Die größte Überraschung der Evolution des Menschen besteht ohnehin darin, dass Selbstsucht die höchste Form der Selbstlosigkeit darstellt.

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