Sprachkurs: Hoffnung und Sicherheit

Rotes Kreuz, Flüchtlingshilfe Wien, VOZO 2016 (Flüchtlings- & Asylwerberunterkunft in der Vorderen Zollamtsstraße, betreut durch das Rote Kreuz).
Bild: Deutschkurs für Erwachsene. Das Lehrpersonal arbeitet hier freiwillig.

ACHTUNG: Bilder dürfen nur

 
Der jüngste ist 17 Jahre alt, der älteste knapp 60. Sie kommen aus dem Iran, aus Irak, Afghanistan und Syrien. In ihren Heimatländern waren sie Schüler, Hausfrauen, Installateure und Lehrer. Nach ihrer Flucht vor Krieg und Verfolgung sind sie als Flüchtlinge in Österreich gelandet. Manche mit ihrer Familie, einige allein. Sie alle besuchen einen Rotkreuz-Deutschkurs im Flüchtlingsheim Baumgarten in Wien.


Pause für die Teilnehmer des Alphabetisierungskurses und auch für die Leiterin Janine. Es wird gelacht, geplaudert, geraucht. Dann geht der heutige Kurs weiter. Es ist die letzte Lehreinheit - für jetzt. „Ob und wenn ja wann es weitergehen kann, wissen wir noch nicht“, erzählt die 29-jährige Pädagogin Janine, die sonst im Kurier-Lernhaus des Österreichischen Roten Kreuzes arbeitet.  Dort hilft sie benachteiligten Kindern beim Lernen, im Flüchtlingsheim Baumgarten Flüchtlingen beim Deutschlernen.

 

  A, E, I, Ö, EU, IE, CH, SCH,…steht auf der Tafel geschrieben.  Wörter wie Rucksack, Mistkübel oder U-Bahn sind für die Teilnehmer schwer auszusprechen und noch schwerer zu schreiben. Die Jüngeren tun sich augenmerklich leichter, die Älteren brauchen etwas mehr Zeit um sich mit der fremden Schrift und der Sprache vertraut zu machen.


Agid, ein Kurde aus Syrien, ist mit 17 Jahren der jüngste im Kurs. Er rutscht ungeduldig am Sessel hin und her, hört Musik am Handy, lacht und quatscht dauernd dazwischen. Ein typischer Teenager eben. In zwei Monaten wird er 18 sein. Seine Eltern und die Schwester sitzen immer noch in Syrien fest. Nur bis zu seiner Volljährigkeit  hätte er als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling die Chance sie im Rahmen einer Familienzusammenführung in Sicherheit zu bringen. Die Grenze zwischen Syrien und dem Libanon ist momentan zu, Agids Zeit die Familie nachzuholen beinahe verstrichen. Ob, und wenn ja, wo und wann sie sich wiedersehen werden, steht in den Sternen. Auch, ob der junge Mann letzten Endes gar versuchen wird auf eigene Faust wieder zurück in die gefährliche Heimat zu kommen, ist ungewiss.


Sprachkurs gibt Halt



Ein Iraker, Ende 50 Jahre alt, lacht verschmitzt. Er war früher einmal General, deswegen nennt ihn Sprachtrainerin Janine auch augenzwinkernd „Herr General“, wenn sie ihn auffordert Buchstaben von der Tafel abzulesen. Sein Hobby ist das Fußballspielen, wie er verrät. Ebenfalls dabei ist die hübsche 27-jährige Afghanin Fariba. Sie ist Hausfrau, ihre zwei Kinder gehen in Wien in die Schule und gerade das scheint ein großer Ansporn zu sein, die Landessprache ein wenig zu beherrschen. Sie mag Lesen und Spazieren gehen im Park. Gegen ihre Sitznachbarin, eine 40-jährige Irakerin, wirkt sie sehr schüchtern. Diese folgt dem Unterricht aufmerksam. Sie schreibt und radiert unentwegt und ist, wie die anderen Sprachschüler, extrem freundlich und offen. 


War es nun ‚der‘ Tasche oder doch ‚die‘? Was unterscheidet ‚ei‘ eigentlich von ‚ie‘? Es ist ein Kraftakt aufmerksam zu bleiben. „All die Sorgen und Nöte machen es oft unmöglich konzentriert zu bleiben“, weiß Janine. Die Menschen sind traumatisiert und blicken in eine sehr ungewisse Zukunft. „Der Sprachkurs ist zwei Mal pro Woche ein willkommener Fixpunkt. Manchmal geht es aber verständlicherweise einfach nicht“.  Daher passiert es auch oft, dass nicht alle der 15 angemeldeten Teilnehmer im Klassenzimmer sitzen. Termine bei Ärzten, der Polizei oder Ämtern kommen manchmal in die Quere, dennoch ist der Eifer laut Janine erstaunlich groß. Dass kaum jemand Englisch spricht und die Herkunftsländer durchmischt sind, sei ein Vorteil, da Deutsch so die einzige gemeinsame Sprache bleibt.



Zusammen in die Zukunft


Dass der Kurs mehr als nur eine Verpflichtung und eine willkommene Abwechslung zum sonst eher eintönigen Alltag ist, zeigt sich bei der Verabschiedung. Alle schauen stolz auf die Teilnahmebestätigungen und fragen sich gleichzeitig, wann sie gemeinsam weiterlernen dürfen. Der Alphabetisierungskurs ist eine gute Vorbereitung um in einen regulären Kurs einzusteigen. Um hier den Anschluss zu finden, muss allerdings die lateinische Schrift sitzen. So schwer es gerade für die älteren Flüchtlinge auch ist, alle sind sich einig: Sprache heißt Eigenständigkeit und für die Teilnahme an der österreichischen Gesellschaft sind Sprachkenntnisse unerlässlich. Manche Schüler umarmen Janine zum Abschied, alle bedanken sich mehrmals bei ihr für ihr Engagement in den vergangenen Wochen. Am Wochenende wollen sie sich zum Grillen und gemeinsamen Feiern treffen.

 

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