Der Balkan weint noch immer...

„Wenn ein Angehöriger stirbt, beginnt eine Zeit tiefer Trauer, aber irgendwann geht das Leben weiter. Wenn ein Angehöriger verschwindet, ist es eine tägliche Qual. Ich kann an nichts anderes denken.“ (Mutter eines vermissten bosnischen Soldaten in „Henry – Das Magazin, das fehlt“, Juni 2003)

Lesen Sie hier den Abschlussbericht.

Ein Jahrzehnt ist seit dem Ende des Krieges im ehemaligen Jugoslawien vergangen. Seit damals wurden dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz über 30.000 Personen als vermisst gemeldet. Die Kriege und Konflikte in den Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawien lassen tausende Familien immer noch nach ihren Angehörigen suchen. In vielen Fällen wurden bis heute keine Hinweise zu den vermissten Personen gefunden, vielleicht werden auch nie welche gefunden werden.

 

Weinende Frau

Die meisten Angehörigen von Vermissten fühlen sich wie „gelähmt“, denn sie können ihr altes Leben nicht weiterführen und kein neues beginnen. Sie sind hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen und auf die Rückkehr des geliebten Menschen zu warten, und dem Bedürfnis, der Ungewissheit ein Ende zu setzen und die Toten zu begraben. Nur durch die Konfrontation mit der Wahrheit, dem Tod eines geliebten Menschen, können die Hinterbliebenen die Vergangenheit aufarbeiten, die quälenden Gedanken aus ihren Köpfen vertreiben und ein neues Leben beginnen.

 

Bevor die Erinnerung verblasst – die Erhebung von Ante Mortem Daten

Suche und Identifizierung von Toten

„Es ist wie ein Leben als Standbild, eingefroren in dem Moment, in dem man vereinbart hat, wo man sich wieder sehen würde“. (Gattin eines vermissten Bosniers in „Henry – Das Magazin, das fehlt“, Juni 2003)


Seit Jahren werden in den ehemaligen Teilprovinzen Massengräber ausgehoben und ca. 15.000 Personen konnten bis heute identifiziert werden. Um die sterblichen Überreste identifizieren zu können, werden schon seit Ende der Kampfhandlungen vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) gemeinsam mit anderen Organisationen in unzähligen Stunden so genannte Ante Mortem Daten (AMD) von den Angehörigen erhoben: anhand eines umfangreichen Fragebogens werden systematisch Informationen über die Umstände des Verschwindens und über persönliche Merkmale der vermissten Person – Körpergröße, Kleidung, medizinische Besonderheiten (Prothesen) u. ä. – gesammelt. Gemeinsam mit dem „Book of Missing“ und dem „Book of Belongings“ sind Ante Mortem Daten das wichtigste Werkzeug der Rotkreuz Mitarbeiter für die Aufklärung der Vermisstenschicksale am Balkan.

 

In Genf (IKRK) treten Sören Jessen-Petersen, Vertreter der UNO für den Kosovo, und Jakob Kellenberger, Präsident des IKRK, für eine Wiederaufnahme des Dialogs bezüglich vermisster Personen zwischen Belgrad und Pristina ein. Während eines Treffens mit Jessen-Petersen beim IKRK in Genf sicherte Jakob Kellenberger nochmals zu, dass seine Organisation den Vorsitz über die Arbeitsgruppe übernimmt. Deren Aufgabe ist es, das Schicksal der immer noch mehr als 3.000 Vermissten zu klären.

 

AMD auch in Österreich

Skizze: Ante Mortem Daten

Das IKRK hat gemeinsam mit den Nationalgesellschaften Australiens und 14 europäischer und amerikanischer Länder begonnen, AMD auch von jenen Personen zu sammeln, die aus ihrer Heimat geflohen und nicht mehr zurückgekehrt sind. Auch das Österreichische Rote Kreuz trägt dazu bei, dass die Betroffenen Antworten auf ihre ungelösten Fragen bekommen.

 

Während der 90er Jahre haben Tausende Menschen ihre Heimat im ehemaligen Jugoslawien verlassen und viele von ihnen haben einen Suchantrag beim Österreichischen Roten Kreuz gestellt. Die Personen, die bis heute keine Nachricht über das Schicksal ihrer vermissten Angehörigen erhalten haben, wurden im September 2004 vom Suchdienst kontaktiert und über das laufende AMD-Projekt informiert. Die große Mehrheit der Betroffenen hat ihr Interesse an der Teilnahme am Projekt bekundet, viele von ihnen wurden bereits von eigens geschulten freiwilligen RotkreuzmitarbeiterInnen aus dem KIT und Peer Bereich interviewt. Bis Ende Februar 2005 sollen alle Betroffenen befragt worden sein.

Alle im AMD-Interview erhobenen Daten fließen in die Ante Mortem Datenbank des IKRK ein, mit dem Ziel, die Vermisstenschicksale zu klären und den Angehörigen endlich Gewissheit zu verschaffen.

 

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