29.11.2016 11:46

Digital Courage

Auf Initiative des Bundesrates fand im November eine parlamentarische Enquete zum Thema „Digitale Courage“ statt. Bei der Veranstaltung tauschten sich Experten, Bundesräte, Abgeordnete und Vertreter der Bundesregierung aus. Zur Veranstaltung ist ein Grünbuch unter dem Titel „Digitale Courage“ erschienen. Dieses Grünbuch soll Informationen über mögliche politische Maßnahmen liefern. Den folgenden Beitrag steuerte das Rote Kreuz zum Grünbuch bei:

Digital Courage

Seitdem die ersten Flüchtlinge in Europa und im September 2015 schließlich zu Tausenden auch in Österreich gestrandet bzw. durch Österreich durchgereist sind, hat sich der Ton nicht nur in der Politik sondern auch in der Bevölkerung verschärft. Aus Betroffenheit wurde Gleichgültigkeit, aus Gleichgültigkeit Ablehnung und Hass. Wie unmenschlich über das Schicksal von Menschen gesprochen wurde, zeigte sich nicht nur, aber ganz besonders in den sozialen Medien.

 

Nicht immer unter dem Deckmantel von Pseudonymen und im Schutz der scheinbaren Anonymität des Netzes, sondern ganz offen, wurden Flüchtlinge und teilweise auch jene, die ihnen zur Seite standen und zu einem Teil noch immer stehen, entmenschlicht, diskreditiert, attackiert. Von einem "Invasorencamp" schrieb eine junge Wienerin - auf der Fan-Seite des Österreichischen Roten Kreuzes wohlgemerkt - und meint damit eine Flüchtlingsunterkunft, von "Schmarotzern" und "Terroristen" schreiben andere wenig subtil.


Gerade auf Facebook hat sich durch das Geschick besonders aktive Poster mit fragwürdigen Aufträgen gepaart mit der Kraft der Masse an Mitschreiern und –läufern ein Sog zusammengebraut, der nicht nur mit der viel zitierten "Gutmenschenbrille" auf dem Kopf einen großen Teil der österreichischen Gesellschaft mit sich gerissen hat. Die Diskussionen bleiben schon lange nicht mehr in einschlägigen Bubbles hängen, sondern sind bis in die Kommunikationskanäle vom Roten Kreuz vorgedrungen - wenn wir uns die Botschaften der letzten Monate ansehen, leider auch in der Politik über alle Couleurs hinweg.

 

Ausländerfeindliche Postings von Rotkreuz-Mitarbeitern oder Freiwilligen werden geahndet und sind ein Grund zur fristlosen Kündigung. Auch unter den 75.000 Aktiven gibt es Menschen, die sich mit Menschlichkeit als Grundwert nicht immer voll identifizieren können. Was wir in den sozialen Medien erleben, ist auch ein Spiegel von schlechtem „political leadership“ und die Rechnung dafür kann nicht die Zivilgesellschaft alleine zahlen. Es ist weder machbar, noch sinnvoll. Wenn es möglich ist, dass ein junger Pfleger aus Oberösterreich auf der Rotkreuz-Seite von einer "Unterwanderung unseres Sozial- und Gesundheitssystems" spricht und dafür "Likes" erntet - wie weit haben sich Neid und Ablehnung schon ins Tiefste unserer Gesellschaft gedrängt? Wie wenig Mensch ist von uns übrig? Was haben die eifrigen Multiplikatoren im Netz mit unserer Lebensrealität angerichtet?


Gefährliche digitale Flöhe



In einem derartigen Kontext finden einfache Rezepte und daraus resultierende Abwehrhaltungen für komplexe Fragestellungen reißenden Absatz- ohne hinterfragt zu werden. Fragwürdige Ideen haben ihren virtuellen Weg in die realen Gedanken der Menschen unabhängig von ihren sozialen Milieus gefunden. Dabei ist das Einzige, was sie in Frage stellen, doch die Menschenwürde, die Menschlichkeit selbst. Gerade denjenigen, die sich als Opfer unserer schnelllebigen und leistungsorientierten Gesellschaft sehen, geben sie ein willkommenes Feindbild. Ob Mythen, verdrehte Wahrheiten, blanke Lügen oder wilde Verschwörungstheorien - alles erfüllt den Zweck, jemandem den schwarzen Peter zuzuschieben. Sie nehmen uns die Jobs, die Frauen, die Wohnungen weg - wer möchte da noch wissen, wie es wirklich um unser Land und welche Chancen es gibt, wenn der Schuldige doch schon gefunden ist? Wer braucht da noch die Wirklichkeit, wenn aus dem Zusammenhalt gerissene Informationen - und seien sie noch so unglaublich - oder interessensgetriebene Behauptungen einzelner als Tatsache hingenommen werden? Eine dankbare Wählerschaft, die keine Scheu hat virtuell zuzuschlagen und keine Argumente gelten lässt, die Licht ins Dunkel bringen würden. Doch sind das die Menschen, die das soziale Netz unseres Landes tragen? Sind sie es, denen wir im Hinblick auf die demographische Entwicklung, die Herausforderungen im Gesundheits- und Bildungssektor das Zepter in die Hand geben wollten?

 
Online Präsenz zeigen



Das Rote Kreuz wendet beachtliche Ressourcen auf, um im Netz unermüdlich auf Anfragen und Vorwürfe zu reagieren, Verdrehtes richtig zu stellen, sich teilweise sogar für seine Arbeit zu rechtfertigen. Nein, wir holen Ausländer nicht eher mit der Rettung ab als Inländer; Nein, Asylwerber bekommen von uns keine i-Phones, sehr wohl aber - wenn von Spendern abgegeben – Wertkarten, um wenigstens den telefonischen Kontakt zu Familienmitgliedern halten zu können. So frustrierend es auch oftmals ist auf gefälschte Bilder, frei erfundene Zahlen oder unhaltbare Vorwürfe zu reagieren, so aufbauend sind jene User, die dem Hass mit Nervenstärke, Geduld und Menschenfreundlichkeit entgegenhalten. Die Aussagen, die sich am Rande zur Wiederbetätigung bewegen, melden; Die uns darauf aufmerksam machen, wenn sich etwas virtuell Verheerendes über unseren Köpfen zusammenbraut, das wir eventuell noch nicht bemerkt haben. Sie entkräften Hasspostings direkt oder stellen ihre positiven Erlebnisse ins Zentrum der Kommunikation. Diese Menschen sind ein Teil unserer Gesellschaft, den es zu pflegen gilt, wenn wir nicht wollen, dass Willkür und Hass unseren Alltag bestimmen. Sie schweigen nicht. Aber wie lange halten sie noch durch?


Ein Blick auf die Profile der, nennen wir sie "Problemposter" auf der Facebookseite des Österreichischen Roten Kreuzes, die immerhin knapp 100.000 Follower und eine aktive Seitenkultur hat, zeigt: Hinter den brutalen, ja beängstigenden Aussagen mancher User, stecken so manche Überraschungen. Ja natürlich, es gibt sie, die dem entsprechen was ihre Postings vermuten lassen. Jene, die mit Fotos und Inhalten ein Image von sich kreieren, das keinen Zweifel an ihrer Einstellung zu Ausländern, der EU und Flüchtlingen im Allgemeinen haben. Die wirre Inhalte "liken", Verschwörungstheorien ohne Quellenangabe mit virtuellem Applaus goutieren und von Freiheit und Gleichheit nichts halten. Ein großer Teil dieser aggressiv auftretenden negativ-Postern tut uns den Gefallen aber nicht, ins Klischee des rechten, frustrierten Verlierers zu passen: Menschen mit Uniabschlüssen, Fremdsprachenkenntnissen, Auslandserfahrung, beruflichem Erfolg, guten Umgangsformen, kulturell bunt gemischten Freundeslisten - auch sie zeigen ihren Unmut im Netz in einer – aus unserer Sicht – problematischen Art und Weise. Was aber alle Menschen, die sich über soziale Netzwerke auslassen, gemeinsam haben ist, dass sie sich von der Politik offensichtlich alleine gelassen fühlen. Die Politik lebt ihnen bei wichtigen Fragen des Zusammenlebens keine spürbaren Werte vor. Das überfordert auf unterschiedlichsten Ebenen.


Wir machen gemeinsam Österreich menschlicher



Bereits im Frühjahr heben wir begonnen, im Sinne unseres Claims „Aus Liebe zum Menschen“, Österreich digital menschlicher zu machen. Wir rufen auf www.aus-liebe-zum-menschen.at Personen auf, selbst Österreich mit kleinen Taten menschlicher zu machen. Denn: Liebe zum Menschen beginnt im Alltag. Sie beginnt bei uns allen. Wie wir miteinander umgehen, wie wir aufeinander achten, was wir von uns selbst erwarten. Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Deine kleinen Taten können Großes bewegen. Anderen ein Lächeln zu schenken, jemanden zum Lachen zu bringen oder ein ehrliches Kompliment zu machen. Menschlichkeit ist einfach und beginnt bei jedem persönlich. Durch gezielte positive Kommunikation wollen wir dem Hass im Netz etwas entgegen stellen: die Liebe, die Liebe zum Menschen. Es klingt zwar wie in einem utopischen Phantasyroman, aber es wirkt.


Politik als Hebel



Auch wenn Politikverdrossenheit und Gleichgültigkeit um sich zu greifen scheinen, spiegelt die Bevölkerung letztendlich unbewusst doch das wieder, was sie - wenn auch nur punktuell - vom politischen Diskurs aufnimmt. Bricht die Politik kommunikative Tabus, schlägt sich das auch in der Sprache und letztendlich in der Gefühlswelt der Menschen nieder. Das Menschenbild, das die Politik vorgibt zu leben, verdient seinen Namen nicht mehr. Die Quittung dafür bekommen wir unter anderem in den sozialen Netzwerken in denen teilweise kein vernünftiger Diskurs mehr möglich ist. Wenn sich die Politik gegen Marktschreierei kommunikativ geschickt zur Wehr setzen würde, wäre auch unsere Kultur in den sozialen Netzen eine andere. So lange die Politik als Partei und in Form von Einzelpersonen in ihren Social-Media-Kanälen nicht professionell agiert, auf unzumutbare Postings angemessen reagiert und seine Verantwortung der Wahrheitsfindung und –prüfung nachkommt, wird sich der Kanon im Netz nicht ändern. Ängste und Neid im Web zu schüren, anstatt eine Community aufzubauen, die sich als wertvoller Teil der Gesellschaft empfindet, fällt ohne Umweg auf die offline-Welt zurück.

 

Soziale Medien sind mehr als nur ein billiger Werbekanal, im Gegenteil: ist eine Information erst einmal geteilt, gibt man die Kontrolle aus der Hand. Umso größer müsste das Interesse daran sein, dass der Inhalt stimmt. Wer online keine Tabus kennt und keine Grenzen wahrt, wird sich auch im Alltag irgendwann nicht mehr zurückhalten wollen. "Wann ist es genug? Wenn Ihr Nachbar, der drei Straßen weiter wohnt, bei Ihnen die Türe eintritt und sich ohne zu fragen einquartiert? Der dann auch noch gewalttätig wird, weil Sie nicht einverstanden sind?", provoziert ein Selbstständiger aus einer kleinen Gemeinde in Oberösterreich auf der Rotkreuz-Seite. Ist der gerade von Asylkritikern viel betrauerte soziale Frieden wirklich noch zu retten, wenn jemand nach jahrzehntelanger Arbeit Angst davor hat, aus seinem Haus geworfen zu werden? Sind Medienberichte, nach denen sich immer mehr Menschen bewaffnen, sich selbst „verteidigen“ wollen, nicht eine direkte Folge davon?


Fakten checken und glaubwürdig kommunizieren



Über dem ganzen Thema Hass im Netz schwebt das Selbstverständnis jedes einzelnen, das sich aus vielen Faktoren zusammensetzt. So lange die Politik ein Menschenbild als gegeben hinnimmt, das seinen Namen in keinster Weise verdient, so lange wird es sich ein Teil der Bevölkerung auch herausnehmen, Migranten und im Speziellen Flüchtlinge, als minderwertig und als Gefahr zu betrachten, die es nicht verdient haben, leben zu dürfen wie sie selbst es tun. Ethik muss auch online ein Wert sein. Und das für alle. Es reicht nicht zu sagen „wir sind für die Menschen da“, wenn die online-Kommunikation eine ganz andere Sprache spricht.  Das Österreichische Rote Kreuz handelt aus Liebe zum Menschen und ist stets bestrebt diese Botschaft in der Kommunikation, aber vor allem im Arbeitsalltag, zu leben. Viele Menschen haben daher Vertrauen zu uns, aber wir dürfen nie locker lassen.  Fakten preisgeben, transparent sein, professionell bleiben und nicht ducken, wenn es brenzlig wird. Jeder soll menschlich sein und sich auch so verhalten. Wir brauchen eine Gemeinschaft der Menschlichkeit, die auf allen Ebenen wertebasiert handelt und dennoch kritikfähig ist. Humanitäre Organisationen können dem Hass nicht alleine gegenüberstehen. Sonst fühlen auch sie sich irgendwann im Stich gelassen.

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