Ein Jahr nach dem Taifun Haiyan

Philippinen

Michael Opriesnig, stellvertretender Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes, reiste Ende Oktober auf die Philippinen. Im Interview erzählt er von wirtschaftlichen Starthilfen, robusten Dächern und einem Realität gewordenen Rotkreuz-Missionstatement.

 

Was ist in diesem einem Jahr nach der Katastrophe an sichtbaren Verbesserungen passiert?

Michael Opriesnig:
Der Taifun Haiyan war wirklich ein Sturm mit gewaltiger Zerstörungskraft. Seine Spuren sind nach wie vor sichtbar. Aber die Wiederaufbauarbeiten sind voll im Gange und zwar nicht nur durch die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen. Die Betroffenen selbst krempeln die Ärmel hoch und packen an.  Lethargie oder Verzweiflung spürt man nicht.

Wie passt diese Einstellung in das Konzept der Rotkreuz-Hilfe?


Michael Opriesnig: Die Hilfe zur Selbsthilfe funktioniert in diesem Kontext hervorragend. Mit Werkzeugsets und Baumaterial für den Wiederaufbau, Pflanzen und Tieren für die Bauern oder Micro-Krediten bieten wir in vielen Fällen die Starthilfe für eine neue Lebensgrundlage.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Michael Opriesnig: Örtliche Handwerker werden vom Roten Kreuz bezahlt, damit sie jenen bei Reparaturen helfen, die es selbst nicht können. In den Dörfern haben sich richtige Handwerker-Trupps gebildet. So bleibt das Geld im Dorf und gleichzeitig mit dem Wiederaufbau von Häusern helfen wir den Menschen bei ihrem wirtschaftlichen Wiederaufbau.

Resilienz, die Stärkung der Widerstandskraft, ist ein Fokus der Rotkreuz-Hilfe. Wie funktioniert das in der Praxis?

Michael Opriesnig: Wir unterstützen die Menschen beim Aufbau einer Existenzgrundlage, weil wir davon ausgehen, dass wirtschaftliche Sicherheit auch mehr Möglichkeiten sich zu schützen bietet. Zum Beispiel, indem sich Bauern gegen Ernteausfälle versichern können.
Bis auf die Großstadt Tacloban ist die Insel Leyte sehr ländlich geprägt. In den Dörfern leben die Menschen von Landwirtschaft, Fischerei oder kleinen Geschäften. Mit den „Cash-grants“, also Unterstützung in Form von Bargeld, kaufen sie Tiere, Pflanzen, Netze oder Waren und starten damit ihre Existenz.

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Michael Opriesnig auf den Philippinen

Wird der nächste Taifun ähnlich verheerende Schäden anrichten können?

Michael Opriesnig: Das Wiederaufbau-Programm läuft unter dem Schlagwort „build back better“. Man ist bestrebt, die Häuser tatsächlich resistenter zu machen. Extra Dachverstrebungen sollen zum Beispiel verhindern, dass der nächste Sturm das Dach wieder wegreißt. Oder durch Pufferzonen entlang des Meeres soll verhindert werden, dass die Menschen in der Gefahrenzone direkt am Ufer bauen.

Welche Ziele sollen im Laufe des kommenden Jahres erreicht werden?


Michael Opriesnig: Das ÖRK betreibt gemeinsam mit dem Deutschen Roten Kreuz ein großes Wiederaufbauprojekt in Dulag auf der Insel Leyte. In den nächsten eineinhalb Jahren werden dort 4.000 Häuser gebaut.

Welche Herausforderungen gilt es noch zu meistern?


Michael Opriesnig: Die Größenordnung – wir reden von mehr als einer Million zerstörter Häuser. Das ist nicht von heute auf morgen zu bewältigen. Tausende Schulkinder warten noch darauf, dass ihre Schulen und Klassenräume wieder instand gesetzt werden. Da beteiligt sich zum Beispiel das Jugendrotkreuz an einem Bauprojekt in Bohol. Die Fischerei funktioniert wieder gut, tausende Fischer wurden mit Booten und Netzen ausgestattet. Der Sturm hat viele Kokospalmen zerstört, das ist eine Frage der Zeit, bis die in vollem Ausmaß wieder da sind.

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Ein sturmsicheres Haus ist das ganze Glück der Familie

Was hat sie bei Ihrer Reise besonders berührt?


Michael Opriesnig:
Dankbarkeit ist oft zu spüren. Besonders in Erinnerung ist mir eine junge Frau geblieben. Der Taifun hat die Hütte ihrer Familie am Meer völlig zerstört, die Eltern standen mit ihren vier Kindern vor dem Nichts. Als eine der Bedürftigsten in ihrem Dorf wurde die Familie für das Rotkreuz-Programm ausgewählt. Die Gemeinde kaufte ein Grundstück, auf dem jetzt ihr neues Haus entsteht. Die hochschwangere Frau erzählte mir mit Tränen der Dankbarkeit in den Augen, dass sie damit zum ersten Mal in ihrem Leben in einem richtigen Haus wohnen wird.

Was mich sehr bestärkt und beeindruckt hat, ist dass die Hilfe bei den Allerbedürftigsten ankommt. Bei jenen, die nicht einmal die zwei bis drei Euro verdienen, die ein Fischer an einem guten Tag macht. Auf den Philippinen trifft das Rotkreuz-Missionstatement und die Aufgabe, das Leben von Menschen in Not zu verbessern, auf die Realität. Und dafür möchte ich mich bei allen Spenderinnen und Spendern aus Österreich ganz herzlich bedanken!


Rotkreuz-Hilfe in Zahlen

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Haiyan war der stärkste Taifun, der jemals über die philippinischen Inseln hinweg fegte. Seine zerstörereische Kraft betraf 16 Millionen Menschen, 4,1 Millionen Inselbewohner wurden obdachlos, 1,14 Millionen Häuser beschädigt oder gänzlich zerstört. 6.300 Tote waren zu beklagen, nach wie vor gelten 1.061 Menschen als vermisst.

 

Rasche Nothilfe

 

Das ÖRK entsendete bereits am Tag nach der Katastrophe den ersten Experten für Wasser und Sanitär in das Katastrophengebiet. Georg Ecker folgten bis April 2014 zehn weitere Delegierte aus Österreich. Als Mitglieder von internationalen Schnelleinsatz-Teams konzentrierten sie sich besonders auf die Versorgung mit sauberem Trinkwasser und auf die Errichtung von sanitären Anlagen. Damit konnte der Ausbruch von wasserbedingten Seuchen und Krankheiten verhindert werden. 

Die Rotkreuz-Bewegung hat Notfall-Unterkünfte für fast jeden vierten betroffenen Haushalt zur Verfügung gestellt – etwa 624.000 Menschen haben so ein übergangsmäßiges Zuhause erhalten.


Gemeinsam mit den Rotkreuz-Landesverbänden und der Stiftung Nachbar in Not wurden Lebensmittel- und Hygienepakete, Küchensets und Wiederaufbaukits im Umfang von 1,45 Millionen Euro verteilt.

 

Nachhaltiger Wiederaufbau

 

Seit dem Abschluss der Nothilfe-Phase ist das ÖRK an drei großen Wiederaufbau-Projekten beteiligt. Auf den Inseln Leyte, Palawan und Bohol entstehen im Zuge dieses Hilfsprogramms 4.300 strumsichere Häuser und zehn Schulen werden mit Wasch- und Sanitäranlagen ausgerüstet. Die Projekte laufen teilweise bis September 2016 und haben einen Umfang von über zwei Millionen Euro.

Insgesamt plant das internationale Rotkreuz-Netzwerk die Errichtung von 40.000 neuen Häusern. Etwa 50.000 beschädigte Haushalte werden mit Reparatur-Kits versorgt.

Rotkreuz-Hilfe in Bildern

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