Kooperation zwischen OÖ. Rotem Kreuz und pro mente Oberösterreich
Nahezu täglich wird von schicksalshaften Verkehrsunfällen oder unvorhergesehenen tragischen Todesfällen berichtet. Seit über 10 Jahren bieten dabei das OÖ. Rote Kreuz und pro mente Oberösterreich den unmittelbar beteiligten Personen psychosoziale Hilfe. Mit einer österreichweit einzigartigen Kooperation soll nun die Zusammenarbeit verstärkt bzw. die Betreuung von Angehörigen und Betroffenen verbessert werden.
Ein schrecklicher Unfall, eine schwere Erkrankung oder der Tod einer nahen Bezugsperson bringt viele Menschen an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit. Die ausgebildeten Mitarbeiter der Krisenintervention des OÖ. Roten Kreuzes bieten in solchen Fällen rasch psychosoziale Erste Hilfe für Betroffene und Angehörige: „Der Landesverband Oberösterreich hat als erster Landesverband des Österreichischen Roten Kreuzes begonnen, Mitarbeiter für die Krisenintervention auszubilden. Die Kriseninterventionsteams leisten dabei Personen nach traumatischen Ereignissen Hilfe in der Akutphase bzw. möglichst zeitnah mit dem Ereignis“, erklärt der Präsident des OÖ. Roten Kreuzes Dr. Walter Aichinger.
Über 700 Kriseninterventionseinsätze im Jahr
In knapp 40% der Einsätze handelt es sich um eine Betreuung nach Todesfällen, gefolgt von der Begleitung bei der Überbringung von Todesnachrichten (17%) und der Betreuung nach einem Selbstmord (14%): „Im vergangenen Jahr wurden die 276 Mitarbeiter insgesamt 787 Mal angefordert und leisteten dabei 3.382 freiwillige Stunden“, verdeutlicht Landesrettungskommandant und Mitglied der Geschäftsleitung des OÖ. Roten Kreuzes Mag. Christoph Patzalt die Bedeutung dieses Leistungsbereiches.
Ablauf der Alarmierung
Die Alarmierung der Kriseninterventionsteams erfolgt ausschließlich durch die Mitarbeiter des Rettungs- und Krankentransportes bzw. Notarztdienstes oder den weiteren Einsatzorganisationen über die jeweilige Leitstelle des OÖ. Roten Kreuzes. Die Erstbetreuung der Betroffenen wird nur in den ersten drei Stunden vorgenommen. Wenn sich in diesem Zeitraum eine Weiterbetreuung verdeutlicht oder die Situation einen psychosozialen Notdienst der pro mente Oberösterreich erfordert, wird dieser sofort verständigt. Sogleich werden Mitarbeiter, die sich nahe dem Einsatzort befinden, per SMS alarmiert. In dieser Nachricht sind Informationen zu den Geschehnissen enthalten sowie der Zeitpunkt der Kontaktaufnahme mit den Betroffenen – ob es sich um eine sofortige Betreuung handelt oder um die Vereinbarung eines Hausbesuches. Beim Psychosozialen Notdienst von pro mente OÖ können sich natürlich außerhalb dieser Alarmierungskette Betroffene, Angehörige oder Freunde jederzeit melden.
Psychische Hilfe für Helfer
Aber nicht nur der Bevölkerung steht diese Hilfe zur Verfügung, sondern auch den Helfern selbst. Damit die tausende aktiven Rettungskräften des OÖ. Roten Kreuzes nach belastenden Einsätzen die notwendige psychosoziale Unterstützung erhalten, stehen seit dem Jahr 2002 an allen oberösterreichischen Rotkreuz-Ortsstellen so genannte ´Peers´ zur Verfügung: „Ziel ist es, den Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, tragische Einsätze zu verarbeiten. Es gilt, die Betroffenen über mögliche Belastungsreaktionen zu informieren und gemeinsam sinnvolle Bewältigungsstrategien zu erarbeiten“, so Patzalt über die Stressverarbeitung nach belastenden Einsätzen (SvE).
Kooperation zielt auf Aus- und Weiterbildung, Qualität und Vernetzung ab
Um in der psychosozialen Hilfe als Mitarbeiter beim OÖ. Roten Kreuz tätig werden zu dürfen, bedarf es einer neuntägigen Grundausbildung mit abschließender Prüfung. Zudem sind drei Praxiseinsätze mit erfahrenen Mitarbeitern zu absolvieren. Laufende Fortbildungen und Reflexionen sind zusätzlich abzulegen: „Die psychische Erste Hilfe stellt seit Jahren eine Selbstverständlichkeit im OÖ. Roten Kreuz dar. Die künftige verstärkte Zusammenarbeit mit pro mente Oberösterreich soll vor allem die fundierte Aus- und Weiterbildung, das hohe Qualitätsniveau sowie die Vernetzung unserer Mitarbeiter mit anderen psychosozialen Fachkräfte sichern“, so Aichinger über die Hintergründe der Kooperation.
„Seit 12 Jahren arbeiten pro mente OÖ und OÖ. Rotes Kreuz zusammen. Die Rückschau macht sehr deutlich, wie positiv sich die Tätigkeit im Bereich der psychischen Versorgung und Unterstützung entwickelt hat, “ berichtet pro mente OÖ-Vorstandsvorsitzender Prof. Werner Schöny.
Lückenloses Angebot für Betroffene
„Gemeinsam haben wir in den vergangenen Jahren versucht, die Zusammenarbeit, die Aufgaben sowie die Schnittstellen klar zu definieren und zu beschreiben, so dass deren Anwendung im Einsatz zum Wohle der Betroffenen gut leb- und handhabbar ist,“ weiß Monika Czamler, Geschäftsfeldleiterin des Psychosozialen Notdienstes von pro mente OÖ. „Wir können stolz sein, dass es uns in OÖ gelungen ist ein Angebot für Betroffene zu schaffen, das unmittelbar nach dem Ereignis beginnt und sich lückenlos weiterzieht, bis die betroffenen Menschen wieder handlungsfähig sind und mit ihren eigenen und den Ressourcen ihres sozialen Umfeldes wieder zurecht kommen,“ freut sich die pro mente OÖ-Geschäftsfeldleiterin. „Wenn notwendig, wird ein Platz für Traumatherapie organisiert, was jedoch zunehmend schwieriger wird. Diese lückenlose Versorgung ist beispielgebend für Österreich und verhindert daher auch häufig die Entwicklung von posttraumatischen Belastungsstörungen,“ so Psychotherapeutin Monika Czamler.
Posttraumatische Störungen verhindern
„Unsere Mitarbeiter sind spezialisiert auf die Betreuung von Menschen mit schweren psychischen Störungen,“ berichtet pro mente OÖ-Vorstandsvorsitzender Werner Schöny. Im Bereich der Krisenhilfe sind Fachkräfte des Psychosozialen Notdienstes im Einsatz. Hier gilt es durch professionelle Erstinterventionen das Entstehen posttraumatischer Störungen zu verhindern bzw. beim Fortbestehen der Problematik weiterführende Hilfen bereitzustellen. Stressverarbeitung nach belastenden Einsätzen bietet der Psychosoziale Notdienst von pro mente OÖ für Einsatzkräfte des OÖ. Roten Kreuzes.
Krisenintervention nach akuter Traumatisierung - KAT
Krisenintervention nach akuter Traumatisierung (KAT) leisten spezialisierte Teams des Psychosozialen Notdienstes. Im Bereich der Zusammenarbeit mit dem OÖ. Roten Kreuz kommt der Stressverarbeitung nach belastenden Einsätzen besondere Bedeutung zu. Nach Einsätzen unter dramatischen Bedingungen gibt es für die Mitarbeiter des OÖ. Roten Kreuzes Hilfsangebote durch geschulte Fachkräfte des Psychosozialen Notdienstes von pro mente OÖ, um das Geschehen bewältigen zu können.
Fachliche Unterstützung und diagnostische Einschätzung durch den Psychosozialen Notdienst
Der Haupttätigkeitsbereich des Psychosozialen Notdienstes ist die Unterstützung von Angehörigen nach Suizid, danach folgt die Betreuung nach Unfällen. Im Notdienst sind zur Zeit 37 aktive KAT-Mitarbeiter in OÖ, d.h. psychosoziale Fachkräfte wie Psychologen, Psychiater, Psychotherapeuten und Sozialarbeiter tätig, die nach der Erstbetreuung der Kriseninterventions-Mitarbeiter die fachliche Unterstützung und die diagnostische Einschätzung übernehmen. Im Februar 2012 beginnt eine neue Schulung von 2o Mitarbeiter. „Damit sind wir gut gerüstet und können eine flächendeckende Versorgung bei Bedarf nach der ersten Unterstützung der Kriseninterventions-Mitarbeiter anbieten,“ beschreibt Monika Czamler. Die Mitarbeiter des PND bieten die Unterstützung in der Phase der akuten Belastungsreaktion an bis maximal 5 - 8 Wochen nach dem Ereignis.
Regelmäßiger Austausch ist wichtig
“Wir versuchen, den Kontakt mit den Kriseninterventionsteams und den Bezirkskoordinatoren des OÖ. Roten Kreuzes zu pflegen und uns regelmäßig auszutauschen. Denn nur dann ist es im Einsatz unter schwierigen Bedingungen auch möglich gut zusammenzuarbeiten, damit Übergaben und bei großen Ereignissen auch die Zusammenarbeit im Betreuungszentrum gut funktioniert. Es ist wichtig, dass jeder seine Zuständigkeit bzw. deren Grenzen kennt,“ meint die Geschäftsfeldleiterin von pro mente OÖ.
Einsätze im Vorjahr
Über die Einsätze des letzten Jahres berichtet Monika Czamler: „Wir waren im Vorjahr mit einigen sehr dramatischen Gewaltereignissen konfrontiert und haben erlebt, dass dies eine besondere Herausforderung für die Mitarbeiter des KAT-Teams bedeutet. Trotz der eigenen Betroffenheit noch professionell unterstützend zu sein, braucht viel an fachlichem Wissen, Unterstützung im Hintergrund und viel Selbstfürsorge, damit diese Tätigkeit auch lange ausgeübt werden kann, ohne dabei krank zu werden.“ Wurden im Jahr 2010 durch die Mitarbeiter des Psychosozialen Notdienstes von pro mente OÖ 1.214 Einsatzstunden geleistet, so beläuft sich diese Zahl für das Jahr 2011 auf 1.660 Einsatzstunden.
Daten/Fakten/Zahlen
OÖ. Rotes Kreuz
Kriseninterventionsteams werden als vorbeugende Maßnahme gegen eine möglicherweise auftretende Belastungsstörung bzw. in weiterer Folge eine posttraumatische Belastungsstörung eingesetzt. Zu den Einsatzgebieten der freiwilligen Mitarbeiter zählen u. a. die Betreuung von Betroffenen nach schweren Unfällen, bei Großschadensereignissen bzw. Katastrophen oder die Betreuung von Opfern bei Überfällen am Arbeitsplatz in Kooperation mit der Polizei.
Krisenintervention im Jahr 2011
267 freiwillige Mitarbeiter
787 Einsätze
3.382 Einsatzstunden
3.124 Betreute Personen
Stressverarbeitung nach belastenden Einsätzen im Jahr 2010
209 freiwillige Mitarbeiter
451 Einsätze
463 Betreute Personen
Pro mente Oberösterreich
Pro mente OÖ, Gesellschaft für psychische und soziale Gesundheit, ist als Nonprofit-Organisation in der Versorgung von Menschen mit psychischen und sozialen Problemen in Oberösterreich tätig und betreut jährlich rund 30.000 Klientinnen und Klienten. Im Bereich des Krisendienstes leistet der Psychosoziale Notdienst (PND) von pro mente OÖ eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung per Telefon sowie mobile Einsätze.

