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01.11.2009

TTI (Transfusion Transmitted Infections), Update, Prionen und Transfusionsmedizin

TTI (Transfusion Transmitted Infections)
Update, Prionen und Transfusionsmedizin

von Univ.-Prof. Dr. Renate Heinz

 

Das Publikationsorgan der International Society of Blood Transfusion (ISBT), Vox Sang., Vol. 97, Oktober 2009, enthält 4 Arbeiten zum Thema „Prionen und Transfusionsmedizin“. http://www3.interscience.wiley.com/journal/122608173/issue

 

Unter dem Titel „Transfusion-Transmitted Disease and its Prevention“ finden sich zwei retrospektive Analysen von Daten aus Großbritannien (UK). Die Möglichkeit einer Übertragung von Prionen von Mensch zu Mensch durch nicht leukozytendepletierte labile Blutprodukte, gilt als gesichert. Mittlerweile sind vier Fälle (alle im UK) von TA-vCJD (transfusionsassoziierte Variante der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung) beschrieben (siehe auch Forschung aktuell vom Jänner 2007).

 

M. Gillies et al.: A retrospective case note review of deceased recipients of vCJD-implicated blood transfusions; Vox Sang., Vol. 97:211–218, Abstract
In der vorliegenden Arbeit wurde untersucht, ob bei 40 verstorbenen Patienten, die zwischen 1981 und 2004 Blutprodukte von nach der Spende an vCJD erkrankten Spendern erhielten, Anzeichen für das Vorliegen einer TA-vCJD auftraten.

 

Dieses gemeinsame Projekt des Transfusion Medicine Epidemiology Review (TMER), der UK National CJD Surveillance (NCJDSU, http://www.cjd.ed.ac.uk/) und dem UK Blood Transfusion Service (UKBS, http://www.blood.co.uk/) identifizierte mit Stand 31. 1. 2009 66 Personen, die Blutprodukte von 18 Spendern, die nach der Spende an vCJD erkrankten, erhielten. Das mediane Zeitintervall bis zum Auftreten der ersten Symptome von vCJD beim Spender war 15 Monate (Range 7–55 Mo.). Die Empfänger waren ältere (Altersmedian 68 Jahre, Range 57–79), schwerkranke Personen, die im Median 175 Tage nach der Transfusion verstarben. 26 % dieser Patienten wurden in der Terminalphase transfundiert. Nur vier Patienten (10 %) lebten länger als fünf Jahre. Soweit die Krankenakten Aufschluss geben konnten, verstarben die Patienten an ihrer Grunderkrankung. Demenz (n = 2) und neurologische Symptome (n = 7), die eventuell auch auf vCJD hinweisen könnten, wurden dem Alter und dem fortgeschrittenen Krankheitsstadium zugeschrieben. In keinem einzigen Fall konnte eine Gewebeuntersuchung auf Prionen durchgeführt werden. Dies wäre vor allem deshalb interessant gewesen, weil 19 Patienten insgesamt 46 invasiven medizinischen Eingriffen unterzogen wurden. Bei sporadischen CJD ist die Möglichkeit einer Übertragung durch chirurgische Instrumente bekannt, sodass gerade dieser Aspekt von Interesse ist. Eine mögliche Übertragung auf diesem Wege sollte nicht außer Acht gelassen werden.

 

Sieht man von den vier bereits publizierten Fällen (drei klinisch bestätigte vCJD und ein Patient, der im präklinischen Stadium verstarb) ab, so verbleiben 22 Personen, die derzeit mit dem Risiko, an TA-vCJD zu erkranken, leben müssen. Das Risiko an TA-vCJD zu erkranken, wird von folgenden Faktoren beeinflusst:

 

  • Spender: Intervall von der Blutspende zur manifesten Erkrankung an vCJD
  • Empfänger: Genotyp: Homozygote Träger der Aminosäure Valin am Codon 129 dürften aufgrund dieser genetischen Konstellation einen relativ wirksamen Schutz gegen vCJD haben, Heterozygote haben ein halb so großes Risiko wie Personen, die homozygot Methionin an Codon 129 haben, und damit das größte Risiko, vCJD zu entwickeln.
  • Blutprodukt: Leukozytendepletion (seit 1998 obligat im UK)

 

Eine Prionenübertragung durch Blutplasma ist aufgrund tierexperimenteller Daten denkbar, aber bisher wurde kein einziger Erkrankungsfall bei Menschen, die Plasmaprodukte erhielten, beobachtet. Allerdings wurden kürzlich Prionen in der Milz eines verstorbenen Hämophiliepatienten nachgewiesen, der Präparate einer Charge von Faktor-VIII-Konzentraten erhalten hatte, bei deren Herstellung auch Plasma eines Spenders, der später an vCJD erkrankte, verwendet worden war.
http://www.hpa.org.uk/webw/HPAweb&HPAwebStandard/HPAweb_C/1234859690542?p=1231252394302.

 

H. J. T. Ward et al.: Variant Creutzfeldt-Jakob disease and exposure to fractionated plasma products; Vox Sang., Vol. 97:207–210, Abstract

 

Tierexperimente zeigten, dass Plasma sowohl bei manifest erkrankten Tieren als auch während der Inkubationszeit infektiös sein kann. Plasmaprodukte aus dem UK wurden bezüglich ihres Risikoprofils mittels eines speziellen Risikoassessments klassifiziert (www.dnv.com).

 

  • Hohes Risiko: laufender Ersatz von Gerinnungsfaktoren (VIII, IX, Antithrombin)
  • Mittleres Risiko: mehrere intravenöse Immunglobulingaben und/oder die Gabe von 4,5 % Albumin
  • Geringes Risiko: Intramuskuläre Immunglobulingabe oder Gabe von 20 % Albumin

 

Bei neun der 168 Personen, die in Großbritannien an vCJD erkrankten, ergaben Recherchen, dass sie fraktionierte Plasmaprodukte, die vor 1999 im UK hergestellt worden waren, erhalten hatten. Die Indikationen waren Albuminersatz (1 Patient), Gammaglobulingabe vor Fernreisen (4 Patienten) und die Rhesusprophylaxe (4 Patienten). Eine Patientin erhielt drei Immunisierungen (1989, 1993, 1998) und zeigte 1998 die ersten vCJD-Symptome. Es konnte die Herkunft aller Plasmaprodukte zurückverfolgt werden. Dabei zeigte sich, dass keines der Produkte aus einem Plasmapool stammte, dessen Spender später an vCJD erkrankten. Besonders wichtig ist, dass bisher kein Fall aus der Hochrisikogruppe identifiziert werden konnte. Da Hämophile besonders aufmerksam beobachtet werden, ist es unwahrscheinlich, dass gerade bei dieser Patientengruppe eine Übertragung übersehen werden könnte. Nach bisherigen Erkenntnissen ist ein Zusammenhang zwischen vCJD und der Gabe von Plasmaprodukten nicht wahrscheinlich. Trotzdem kann keine völlige Entwarnung gegeben werden, weil die Inkubationszeit bei Prionenerkrankungen durch Plasmaprodukte möglicherweise noch länger als bei labilen Blutprodukten sein könnte.

 

Die Industrie arbeitet deshalb bereits an der Entwicklung neuer Methoden (z. B. Prion Protein (PrPSc) Removal Technology, Filter), um Prionen aus Blutprodukten zu entfernen.
Deshalb sind die Arbeiten eines Pharmakonzerns, der einen wichtigen Standort in Österreich unterhält, von besonderem Interesse:
A. Neisser-Svae et al.: Prion removal effect of a specific affinity ligand introduced into the manufacturing process of the pharmaceutical quality solvent/detergent (S/D)-treated plasma OctaplasLG®; Vox Sang., Vol. 97:226–233, Abstract
Die Einführung eines chromatographischen Verfahrens (Affinity Ligand Chromatography) in den Herstellungsprozess soll durch selektive Bindung des abnormen Proteins PrPSc die Sicherheit von Plasmaprodukten erhöhen und gleichzeitig die Qualität des Produkts nicht beeinträchtigen:
A. Heger et al.: Biochemical quality of the pharmaceutically licensed plasma OctaplasLG® after implementation of a novel prion protein (PrPSc) removal technology and reduction of the solvent/detergent (S/D) process time; Vox Sang., Vol. 97:219–225, Abstract
Das neue Verfahren ist nicht nur technisch machbar, sondern führt auch zu keiner Beeinträchtigung der getesteten Parameter (Gerinnungs- und Fibrinolysefaktoren, Proteaseninhibitoren wie ADAMTS13). Die Produktqualität wurde unmittelbar nach der Herstellung und nach 18 Monaten Lagerung geprüft.

 

Dank der umfassenden Sicherheitsmaßnahmen blieb das Problem der TA-vCJD bisher auf Großbritannien beschränkt. Österreich zählt zusammen mit den USA, Kanada und Neuseeland zu jenen Ländern, die bereits seit Oktober 1999 Spendewillige, die sich im Zeitraum 1980–1996 mehr als 6 Monate im UK aufgehalten haben, von der Blutspende ausschließen. Die lebenslange Sperre dieser Personen ist wegen der bei Prionenerkrankungen extrem langen Inkubationszeit (Jahrzehnte?) notwendig und gerechtfertigt.

 

Weitere Informationen zum Thema:

Forschung aktuell 1.2007

Forschung aktuell 8.2005

Forschung aktuell 2.2004

Forschung aktuell 9.2002

Forschung aktuell 3.2000

Hämotherapie, Ausgabe 13

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