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Die Pflegenden im Mittelpunkt
Die neu gegründete Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger will die Lebenssituation für die Betreuenden verbessern.
Die Grenzen der eigenen Belastbarkeit überschreiten, ständiger Zeitdruck, kaum öffentliche Anerkennung, komplizierte Behördenwege: Im Alltag müssen pflegende Angehörige zusätzlich zur Betreuung viele Mühen auf sich nehmen. Die Pflege-Expertinnen Monika Wild, Leiterin der Gesundheits- und Sozialen Dienste beim Roten Kreuz, und Rotkreuz-Chefärztin Dr. Katharina Pils zeigen anhand ausgewählter Fragen von Betroffenen auf, welche Probleme pflegende Angehörige am häufigsten haben und welche Maßnahmen zur Verbesserung der Situation gesetzt werden müssen.
„Wir brauchen einen Personenlift, um meine Mutti aus dem Bett zu heben. Beim Ansuchen dafür sind wir von Pontius zu Pilatus geschickt worden. Alleine bei der Krankenkasse gab es drei Anlaufstellen, oft waren die Informationen, die wir bekommen haben, falsch. Natürlich muss Missbrauch vermieden werden, aber man muss auch keine zusätzlichen Hürden aufbauen!“
Monika Wild: Dieses Paradebeispiel zeigt, dass eine organisatorische Vereinfachung und Bündelung von Anlaufstellen sowie maßgeschneiderte, auf die persönliche Situation abgestimmte Beratung unbedingt notwendig sind. Derzeit existiert ein Förderungs- und Informationsdschungel.
„Seit 13 Jahren pflege ich meinen Mann. In der Zeit bin ich selbst schwer an Diabetes erkrankt, gehen kann ich nur noch mit Krücken. Mein Mann wird 86 und zeigt erste Anzeichen von Demenz. Ich bin rund um die Uhr für ihn da und an der Grenze meiner Leistungsfähigkeit. Wie kann ich mich schützen?“
Dr. Katharina Pils: Die körperliche und seelische Dauerbelastung gefährdet die Gesundheit pflegender Angehöriger. Unterstützung in Form von ganzheitlicher Begleitung, Therapie, Training oder Kurangeboten ist dringend notwendig.
„Ich habe zehn Jahre meine Schwiegermutter gepflegt, die letzten sieben war sie völlig bewegungsunfähig. Trotz aller Mühen war das eine bereichernde Erfahrung, ich würde gerne weiter in der Pflege arbeiten.“
Wild: Jahrelange Pflege bedeutet jahrelange Erfahrung, die wir wertschätzen müssen! Pflegende Angehörige sind unverzichtbare und hilfreiche Expertinnen, deren Wissen gerade in einer alternden Gesellschaft gebraucht wird. Deshalb treten wir vom Roten Kreuz dafür ein, dass die Pflegetätigkeit als berufliche Tätigkeit anerkannt und bei einem Wiedereinstieg ins Berufsleben entsprechend bewertet wird.
„Für mich gehört der Zeitdruck zu den größten Belastungen. Ich muss meine Familie, meine Arbeit und die Pflege meines Vaters unter einen Hut bringen. Ich kann nur schwer abschalten und schaffe es kaum, einmal in Ruhe irgendwohin zu gehen, weil ich im Hinterkopf immer die Situation zu Hause habe. Für mich selbst bleibt kaum Zeit.“
Wild: Die Pflege alter, kranker oder behinderter Ehepartner, Eltern oder Kinder dauert im Durchschnitt 7,5 Jahre und prägt das eigene Leben sehr. Viele der pflegenden Angehörigen überfordern sich selbst und laufen Gefahr, selbst krank zu werden. Man muss ganz bewusst auch auf sich schauen. Austausch mit anderen Betroffenen, zum Beispiel bei Pflegestammtischen, kann sehr hilfreich sein.
„Mein Mann und ich, wir sind immer allein. Freunde kommen nicht gerne, denn wer sieht schon gerne einen Kranken? Außerdem wollen sie mir wohl keine Arbeit mit ihrem Besuch machen. Mir fehlt die Gesellschaft anderer Menschen.“
Pils: Vereinsamung kann eine Folge der Pflege sein. Wir raten den Pflegenden, sich Freiräume zu schaffen, und treten für mehr leistbare mobile Dienste ein. Tageszentren und Einrichtungen für Kurzzeitpflege müssen vermehrt angeboten werden, damit pflegende Angehörige ohne schlechtes Gewissen einmal „weggehen“ und entspannen können.
„Seit einem Unfall muss mein Mann im Rollstuhl sitzen. Wie soll ich mit einem Pflegegeld in Höhe von € 664,30 und einer kleinen Pension die Wohnung behindertengerecht umbauen?“
Wild: Die Stimme pflegender Angehöriger soll gehört werden. Wir wollen sie stärken, damit sie in der Lage sind, für ihre Anliegen selbst einzutreten. Zu dieser Stärkung gehört die finanzielle Absicherung. So tritt die Interessengemeinschaft für eine jährliche Valorisierung des Pflegegeldes ein.
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