22.02.2017 11:47

Integrationsjahr: Lasset uns reden!

Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer erklärt was berücksichtigt werden sollte, um eine gut gemeinte Maßnahme der Bundesregierung auch wirklich auf den Boden bringen zu können.

Integrationsjahr: Lasset uns reden!
Gerald Schöpfer, Präsident vom Roten Kreuz ist sich sicher: "Damit Integration gelingt, müssen alle mithelfen."
©ÖRK/Nadja Meister

Integration ist ein großes Wort, das viele rasch in den Mund nehmen. Die zu uns Geflüchteten müssten mehr dazu beitragen, sagen die einen. Es liege an den Österreicherinnen und Österreichern selbst, sich richtig um sie zu kümmern, damit alle profitieren, sagen die anderen. Wie man es auch dreht und wendet: Integration passiert vor allem im Kleinen und kann nicht mit einer Hau-Ruck-Aktion von oben verordnet werden. Damit sie gelingt, müssen alle mithelfen. Besonders die Verantwortlichen in Ländern und Gemeinden, wo in den Mühen der Ebene Politik auf die Realität trifft. Wo sich Menschen begegnen - und einander in die Augen sehen oder voneinander abwenden. Vor allem sollten wir einmal reden! Vom verpflichtenden Arbeitstraining für Asylberechtigte, subsidiär Schutzberechtigte und Asylwerber mit guten Chancen, bleiben zu dürfen, wie es die Regierung in ihr überarbeitetes Arbeitsprogramm geschrieben hat, hat das Rote Kreuz aus den Medien erfahren. Und das, obwohl es als größter Zivildienstträger Österreichs laut Gesetzesentwurf tausende Plätze dafür bereitstellen soll.

Noch viele Fragen offen


Verpflichten kann uns dazu niemand. Aber das Rote Kreuz versteht sich in Sachen Integration als verlässlicher Partner. Wir machen mit, weil die Idee, Migranten möglichst früh in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sehr sinnvoll ist und übrigens auch zu jenen Maßnahmen gehört, die das Rote Kreuz schon lange fordert. In der Umsetzung sind aber noch viele Fragen offen, die es jetzt rasch zu klären gilt. Damit wir Integration auf den Boden bringen, ohne die Realität und die Menschlichkeit aus den Augen zu verlieren. Das wird nur in einem breiten Ansatz gelingen, der auch die Kommunen umfasst.

Arbeit ist der Integrationsmotor Nummer eins. Deutschkurse und arbeitsmarktpolitische Förderungsmaßnahmen im Rahmen eines Integrationsjahres sind daher eine vernünftige Idee. Dass Asylberechtigte mit ihrer Arbeit abzüglich von Sozialtransfers einen positiven Beitrag für die Volkswirtschaft leisten, hat eine vor kurzem veröffentlichte Studie von Joanneum Research auch gezeigt, die das Rote Kreuz und die Caritas initiiert haben. Arbeitstrainings sind sinnvoll. Aber von wie vielen Menschen reden wir? Wenn die Zielgruppe rund 15.000 Personen umfasst und davon etwa ein Drittel beim Roten Kreuz arbeiten soll, wäre das eine glatte Verdopplung der Zahl von 5000 Zivildienern, die derzeit bei uns tätig sind. Jemand muss diese Leute einschulen, ausrüsten, coachen und begleiten. Das ist ein erheblicher Aufwand, der Kosten verursacht. Diese Kosten müssten natürlich entsprechend ersetzt werden.

Breite Arbeitsbereiche

Außerdem sind für die meisten Beschäftigungen gute Deutschkenntnisse nötig. A1-Niveau würde nur bedeuten, Deutsch zu verstehen, wenn jemand sehr langsam und deutlich spricht und seinem Gegenüber viel Zeit gibt, den Sinn der Worte zu erfassen. So viel Zeit wird es im Arbeitsleben nicht immer geben. Aus Sicht des Roten Kreuzes müssen die Zivildienst-Trägerorganisationen zudem entscheiden können, wer aufgenommen wird, zu welchem Zeitpunkt und für welche Tätigkeit die Person eingesetzt wird. Denn derzeit ist ja noch völlig unklar, welche Tätigkeiten überhaupt infrage kommen. Die überwiegende Mehrheit der Zivildiener beim Roten Kreuz ist im Rettungsdienst beschäftigt. Dafür müssen die jungen Männer natürlich über sehr gute Deutschkenntnisse verfügen und eine umfangreiche Ausbildung absolvieren. Von ihnen wird also erwartet, Voraussetzungen zu erfüllen, die man von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Arbeitstrainings nicht erwarten kann - schließlich stehen sie auch erst am Beginn ihres Integrationsprozesses.

Obwohl also ein entsprechender Leistungskatalog noch nicht feststeht, ist eines bereits jetzt sonnenklar: Die Arbeitsbereiche für die Teilnehmer am Integrationsjahr müssen breitestmöglich definiert sein. Nur so ist eine entsprechend hohe Anzahl an Plätzen gewährleistet. Daraus folgt, dass das Leistungsspektrum weit über jenes für den Zivildienst hinausreichen muss. Das Rote Kreuz und andere Trägerorganisationen werden nämlich neue Stellen schaffen müssen, um genügend Plätze für Arbeitstrainings anbieten zu können. Die zur Teilnahme verpflichteten Menschen sinnvoll - und zwar sinnvoll für alle Beteiligten - einzusetzen, ist nicht unmöglich, aber eine große Herausforderung. Wichtig wäre es auch Vereine, die keine Zivildiener beschäftigen, mit ins Boot zu holen. Vereine, die in den Kommunen verankert sind, weil dort Integration tatsächlich stattfindet, sich Menschen begegnen und Vorurteile abgebaut werden.

Das Gesetz zum Integrationsjahr ist bis zum 8. März in Begutachtung. Im September soll das Projekt starten. Viel Zeit bleibt nicht mehr, um offene Fragen zu klären. Aber letztlich sind das keine Hindernisse dafür, eine gute Idee auch umzusetzen. Den damit verbundenen Kummer sind wir gewohnt. Schon unserem Gründer Henry Dunant hat man pausenlos erklärt, was alles nicht geht, und heute arbeiten wir wie selbstverständlich im größten globalen Netzwerk der Hilfe. Also: Lasset uns reden - gemeinsam planen und umsetzen.

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