02.11.2009

Rotkreuz-Zeitung: Training für Katastrophenhelfer

Damit Österreich nicht hilflos ist: Die Katastrophenhelfer des Roten Kreuzes

17.00 Uhr
Ein Zugunglück im Bahnhof Knittelfeld. Ein Personenzug ist mit einem Lastkraftwagen zusammengestoßen. Beim Roten Kreuz schrillen sofort die Alarmglocken. Aus dem ersten Rettungswagen, der eintrifft, springt eine Sanitäterin und läuft zum Unglückszug. In den Waggons herrscht Chaos. Menschen schreien durcheinander, Verletzte liegen auf dem Boden, Mütter suchen ihre Kinder, Schockierte laufen wie Traumwandler herum. Die Sanitäterin muss sich einen Überblick verschaffen und versucht, die Verletzten zu zählen.

17.19 Uhr
60 Verletzte meldet die Sanitäterin, laufend trifft Rotkreuz-Verstärkung ein, während in den Waggons die Verletzten erstversorgt werden.

17.33 Uhr
Ein Blaulicht-Meer verspricht blinkend Rettung. Jeder Handgriff muss sitzen, der Einsatzleiter koordiniert mittlerweile 25 Fahrzeuge und über 100 Rotkreuz-Helfer. In Windeseile entsteht neben den Gleisen unter freiem Himmel ein „Feldlazarett“. Tragen und Feldbetten werden aufgestellt, Notstromaggregate und Notarztwagen
herangefahren. Die Menschen aus dem Zug werden nach dem Grad ihrer Verletzung in Gruppen eingeteilt und versorgt.

17.45 Uhr
Sichtbare Hilfe: In ihren roten Jacken bestimmen die Rettungssanitäter das Bild, sie beugen sich über die Verletzten, tragen sie aus dem Zug, stützen Humpelnde. Grün sind die Westen der Krisenintervention. Die Betreuer sitzen mit den traumatisierten Schützlingen auf dem Boden, halten sie im Arm, reden mit ihnen, trösten sie.

18.45 Uhr
Die Verletzten stehen auf, das Szenario Nr. 17 „Zugunfall“ ist zu Ende. Die Übung war eine von 22 bei der bundesweiten Rotkreuz-Katastrophenübung in der Steiermark.

Für den Ernstfall gerüstet

Drei Tage lang trainierten fast 2000 Rotkreuz-Helfer ihre Fähigkeit, Großschadensereignisse zu bewältigen. Murenabgänge, Industrieunfälle, Krankenhausevakuierungen, Massenpanik oder Epidemie-Ausbrüche gehörten zu den Szenarien, denen sich die Rettungskräfte stellen mussten. „Wir hoffen, dass solche Szenarien nie Realität werden“, sagt Rotkreuz-Präsident Fredy Mayer. „Aber das Rote Kreuz muss immer für den Ernstfall gerüstet sein, egal ob es sich dabei um eine Überschwemmung oder einen Unfall handelt.“ Der größte Ernstfall in den vergangenen Jahren war das „Jahrhunderthochwasser“ 2002. Diese Katastrophe wäre ohne den Einsatz Tausender freiwilliger Rotkreuz- Helfer nicht zu bewältigen gewesen.

Katastrophenhilfe ist eng mit dem Rettungsdienst verknüpft. Denn die Schlagkraft und Einsatzbereitschaft des Roten Kreuzes basieren auf den Strukturen des Rettungsdienstes und auf der Freiwilligkeit. 48.689 freiwillige Mitarbeiter bilden das Rückgrat des ÖRK. Viele von ihnen lassen sich neben ihrem Rettungs- und Krankentransport-Dienst auch zu Katastrophenhelfern ausbilden, damit Österreich nicht hilflos ist. Dieses System steht auf dem Spiel, wenn laut über die Privatisierung des Rettungsdienstes nachgedacht wird. Kommt ein gewinnorientierter Rettungsdienst auch außerhalb der Geschäftszeiten? Verfügt er über ausreichend gut ausgebildetes Personal, um eine Katastrophe zu bewältigen? Kann sich jemand die Überstunden leisten, die bei einem Einsatz am Wochenende anfallen? Zum Vergleich: Die freiwillig erbrachte Arbeitszeit der Rotkreuz-Mitarbeiter war im vergangenen Jahr 216 Millionen Euro wert.

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