Dominic's Eindrücke - Wir sind da um zu helfen

Otto Kind

Hallo, mein Name ist Dominic. Ich bin 22 Jahre alt, Notfallsanitäter und seit kurzem im Führungsstab des Bezirkskommandos Tulln. In den nächsten paar Zeilen möchte ich euch von meinem wahrgenommenen Eindrücke und Erfahrungen im Zuge der Flüchtlingsbetreuung der den letzten 10 Tagen berichten.

Als Stellvertreter der Stabsstelle S5 „Öffentlichkeit und Kommunikation“ war meine Aufgabe zusammen mit meinem Kollegen und guten Freund Christian Hartung die Sicherstellung der audiovisuellen Einsatzdokumentation sowie Wahrnehmung von Belangen des Film-, Bild- und Datendienstes einschließlich rechtlicher Fragen. Weiters waren wir für die Organisation und Abhaltung von Pressekonferenzen und Interviews zuständig. Kurz wir waren als „die Pressesprecher des Roten Kreuzes Tulln“ mit Kameras vor Ort, kümmerten uns um die Medien und schrieben Berichte. Natürlich unterstützten wir unsere Kollegen auch tatkräftig vor Ort und halfen bei verschiedenen Aufgaben.

Die ersten Flüchtlinge kamen am Sonntag an. Wir hörten über Funk, dass der erste Bus in Kürze am Gelände eintreffen sollte, also machten wir uns bereit. Die Dolmetscher kamen zusammen mit zwei Sanitätern zu dem Bus um den Menschen zu erklären, was geschieht, wo sie versorgt werden und wo sie schlafen können.

In den letzten Nächten hatte es immer wieder geregnet und es war kalt, darum hatten wir auch viele freiwillige Helfer, die den Menschen zudeckten und ihnen warmen Tee brachten. Die auf der Flucht befindlichen Menschen waren sehr schwach und konnten kaum noch selbst gehen. Wir hörten es im Funk und liefen so schnell wir konnten zu dem Bus um die Menschen zu stützen und die Kinder in die Hallen zu tragen. Unsere Ärzte, viele weitere Sanitäter und Krankenpfleger kümmerten sich nun um die erste medizinische Versorgung. Einige Flüchtlinge mussten auch in Krankenhäuser und auf verschiedene Spezialabteilungen zur weiteren Behandlung abtransportiert werden.

Es war ein „Kommen und Gehen“.  Jeden Abend kamen neue Flüchtlinge. Wir betreuten sie, gaben ihnen etwas zu essen und trinken und trockene Kleidung, versorgten sie medizinisch und boten ihnen einen Schlafplatz. Am nächsten Morgen, gestärkt und erholt stiegen sie erneuert in die Busse und reisten weiter, Richtung Westen, näher an ihr Ziel.

In der Nacht von Montag auf Dienstag kamen rund 1000 Flüchtlinge bei unserem Not-Quartier in der Messe Tulln an.  Viele von ihnen waren durch ihre lange Reise krank und erschöpft. Es waren unglaublich viele Familien unter ihnen, Kinder und auch Schwangere. Ich war wie jede Nacht am Gelände und ging meine Runde, auf der Suche nach Menschen, die meine Hilfe benötigten. Es war überraschend leise für die Anzahl der Menschen, aber es war ja auch spät und viele von ihnen wollen sich nur noch ausruhen, damit sie schon bald wieder ihre Reise fortsetzen könnten um ihr Ziel näher zu kommen. Plötzlich hörte ich eine Stimme. Ein Kind im Alter von etwa zwei Jahren saß hinter einer Säule. Es war alleine und weinte. Langsam kniete ich mich zu den Jungen und streckte ihn meine Hand aus. Er hatte sichtlich Angst und ging nur langsam zu mir. Während ich den Kleinen auf der Schulter hatte, um ihn zu trösten, suchte ich einen unserer Dolmetscher, um die Familie des Jungen zu finden. Zum Glück dauerte es nicht lange bis sich die Schwester des Kleinen fand, die ihn verzweifelt gesucht hatte, da sie sich seit dem Verschwinden der Mutter um ihren kleinen Bruder gekümmert hatte.

Am darauffolgenden Dienstag reisten die letzten Flüchtlinge von dem Not-Quartier in Tulln ab. Wir verabschiedeten sie, gaben ihnen noch Obst und Wasser für die weitere Reise und wünschten ihnen alles erdenkliche Gute.

Der Einsatz war n­ervenaufreibend, für alle von uns. Man sah es in den Gesichtern der Helfer, dass es ihnen sichtlich schwer viel. Doch auch wenn es uns allen nicht gut ging, versuchten wir Stärke zu zeigen, um den Flüchtlingen ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Es war eine Achterbahn der Gefühle, Gefühle die bewegten.

An eine Situation kann ich mich noch besonders gut erinnern: Eine Kollegin spielte mit einem kleinen Kind, sie hob es hoch und drehte sich mit den Mädchen. Man merkte, dass sie alles versuchte, um der Kleinen auch in dieser schwierigen Zeit ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Und sie hat es geschafft. Das Funkeln in den Augen des Kindes umgeben von so viel Schwäche und Trauer war ein Moment, der mir zeigte, dass das, was wir hier machten und was wir erreicht hatten, das Richtige ist und egal wie lange der Einsatz schon andauerte, egal wie müde und erschöpft wir schon waren, dieser Moment gab mir Kraft weiterzumachen.

Denn wir sind da um zu helfen!

Tulln, 21.09.15 - Dominic Dollinger

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