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Erfahrungsbericht: Flüchtlingsbetreuung Messe Tulln

Er war früher auch bei der Rettung, erzählt Karim. Er hat Wirtschaft studiert und war abends und am Wochenende oft als Sanitäter im Einsatz gewesen. Er hat bei seinen Eltern in einer kleinen Stadt gewohnt. Aber der Krieg hat nun alles verändert. Karim ist geflohen. Seine Mutter war jedoch zu krank um zu fliehen. Daher sind Karims Eltern in Syrien geblieben. Karim hat Angst um sie, erzählt er mir mit erstickter Stimme, und er betet jeden Abend, dass ihnen nichts geschieht.

 

Ich befinde mich am Messegelände Tulln. Vor circa zwei Stunden sind wir alarmiert worden. 900 Flüchtlinge sollen in Kürze am Messegelände ankommen - doch nur 450 Betten stehen bereit. Die letzten zwei Stunden haben wir daher unermüdlich gearbeitet. Wir haben Betten aufgebaut, Decken verteilt, Gewand sortiert und uns fieberhaft auf die Ankunft vorbereitet. Nun ist der erste Bus eingetroffen. Unter den Ankommenden sind zahlreiche Familien mit kleinen Kindern. Sie werden zu ihren Schlafplätzen geführt und erhalten Essen und Trinken. Die Kranken und Verletzten werden medizinisch versorgt.

 

Die ersten Flüchtlinge kommen zu uns und fragen nach WLAN. Sie wollen mit ihren Freunden und Familien sprechen. Karim ist einer von ihnen. Er will mit seinen Eltern sprechen und herausfinden, ob es ihnen gut geht.

 

Während wir auf den zweiten Bus warten habe ich erstmals Zeit mich um zu sehen. Viele meiner Kollegen vom Roten Kreuz sind hier. Sie sind vor allem für die Organisation und die medizinische Betreuung zuständig. Aber auch zahlreiche Privatpersonen sind gekommen, um zu helfen. Sie geben Essen aus, sortieren Kleidung, helfen als Dolmetscher und unterstützen wo sie können. Auch Kinder sind hier, die helfen möchten. Ein kleines Mädchen ist gemeinsam mit ihren Eltern gekommen. Sie steht nun beim Eingang und verteilt Stofftiere an die ankommenden Kinder. Die Kleinen schauen abgezehrt und müde aus. Viele von ihnen sind zu müde um allein zu gehen. Doch sie alle nehmen die Stofftiere gerne entgegen – manche von ihnen lächeln sogar.

 

Der zweite Bus kommt und wir haben wieder alle Hände voll zu tun.

 

Immer mehr Menschen erreichen die Messehalle und auch die Sanitätsstation, in der zahlreiche Ärzte freiwillig arbeiten, füllt sich langsam. Ich bringe Medikamente auf die Station und sehe einen kleinen Jungen, der gerade eine Infusion bekommt. Er ist so dünn und sieht so schwach und ausgelaugt aus. Sein Vater steht neben ihm – verzweifelt und hilflos, wie so viele hier. Kurz bleibe ich wie erstarrt stehen. Doch dann gehe ich weiter – es ist noch genug zu tun.

 

Eine Kollegin vom Roten Kreuz kommt nun an uns vorbei. Sie trägt einen kleinen Jungen, der zu schwach ist, um selber zu gehen. Ich sehe ihr Gesicht – es ist voller Fassungslosigkeit, Verzweiflung und Mitgefühlt - und der Ausdruck darauf brennt sich in mein Gedächtnis ein.

 

Eine junge Frau kann ebenfalls nicht mehr gehen und muss von uns gestützt werden, um zu ihrer Schlafstelle zu kommen. Sie will nicht von einem Arzt untersucht werden. Sie bittet mich nur um etwas zu trinken. Ich bringe ihr Wasser und Orangensaft. Ihre Kinder haben angefangen zu weinen und ihr Mann versucht vergeblich sie zu beruhig. Ich gehe zu unserer Spielecke und hole Stofftiere für die Kleinen. Etwas schüchtern aber mit sichtlicher Freude nehmen sie ihre neuen Spielgefährten entgegen. Nachdem sich die Frau hingelegt und etwas getrunken hat, fühlt sie sich wieder besser. Als ich gehen will nimmt sie plötzlich meine Hand, hält sie fest, schaut mir lange ins Gesicht und sagt nurein Wort: „Danke!“. Ich würde gerne noch länger bleiben, doch es kommen immer mehr Flüchtlinge an, um die wir uns kümmern müssen.

 

Irgendwann in der Nacht mache ich mich schließlich auf den Heimweg, da ich am nächsten Tag arbeiten muss. Viele meiner Kollegen und zahlreiche Freiwillige bleiben die ganze Nacht vor Ort.

 

Ich gehe mit gemischten Gefühlen nach Hause. Ich bin fassungslos und unglaublich schockiert von dem Zustand, indem sich die Flüchtlinge befinden. Zahlreiche Flüchtlinge sind krank, schwach oder verletzt – und so vielen von ihnen ist die Hoffnungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Gleichzeitig bin ich überwältigt von der unglaublich großen Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung – von all jenen die freiwillig neben ihrer Arbeit die Nacht hindurch unermüdlich arbeiten, um anderen zu helfen. Ich bin stolz auf uns alle, dass wir in so kurzer Zeit so viel geschafft haben und dass wir den Flüchtlingen eine warme Mahlzeit, medizinische Betreuung und einen Schlafplatz bieten konnten. Gleichzeitig macht es mich unendlich traurig, dass wir nicht mehr für sie tun können.

 

Ich bin unglaublich müde. Dennoch kann ich lange nicht einschlafen- zu viele Bilder schwirren in meinem Kopf herum. Das Kind, das Stofftiere verteilt; die Frau, die sich kaum noch auf den Beinen halten kann; der kleine Junge, der so schwach aussieht und eine Infusion bekommt; der Gesichtsausdruck von meiner Kollegin,… und Karim, der selbst auch einmal Sanitäter war und nun Angst um seine Eltern hat.

 

Was er machen will, habe ich Karim gefragt. Ich habe das Gefühl, dass die Unterhaltung schon eine Ewigkeit zurückliegt. „Nach Deutschland gehen.“, hat er geantwortet. Er will eine Arbeit suchen und irgendwann auch sein Studium abschließen. Aber vorerst will er arbeiten und Geld verdienen, damit er seine Eltern aus Syrien holen kann. Er will dass sie in Frieden leben können und keine Angst mehr haben müssen.

 

Ich hoffe von ganzem Herzen, dass sein Wunsch in Erfüllung geht.

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