Nicole's Eindrücke

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Es ist 24.00 Uhr, HAKIM weicht nicht von meiner Seite, HAKIM ist 13 Jahre alt. Der Junge spricht fließend Englisch, darauf hat sein Vater viel Wert gelegt. „Du musst dich mit den Menschen unterhalten können", hatte er damals in Syrien gesagt, bevor die Bomben in ihr Haus einschlugen. Hakim hilft mir, er übersetzt in unserer bunten Kinderecke.

Die Kinder kommen vor ein paar Stunden erschöpft und müde, in Tulln am Messegelände an, doch ihre Freude über die Spielsachen, Buntstifte und Papier ist so groß, dass sie im Moment alles andere vergessen. Hakim übersetzt für mich:

- "Meine Kinder sind auf der Flucht geboren, sie kennen nicht so viele Spielsachen."

- Große braune Kinderaugen strahlen mich an. „Ja, ja du darfst das Auto behalten".

- Chams Mama zeigt mir am Handy, Fotos ihrer Kinder aus besseren Zeiten. In Kleidchen, sauber und vor allem lachend. „Wir hatten ein gutes Leben in Syrien, damals bevor,...." das hübsche, gerade noch lächelnde Gesicht wird wieder traurig...

- HAKIM und ich spielen mit einem Tennisball. Ich male ein Gesicht auf den Ball und schreibe seinen Namen darauf, HAKIM lacht und ich freue mich.

- Hassans Mama umarmt mich, „Thank you so much".

„Thank you", werde ich die nächsten Stunden und Tagen noch oft hören.                   Es ist ein „Thank you", das so herzlich und ehrlich ist und mich jedes Mal ganz tief berührt.

Ich beginne die verschiedenen Zeichnungen aufzuhängen. Ca. 30 Kinder sind um 02.00 morgens am Zeichnen und Malen. Vieles des Erlebten muss auf Papier gebracht werden.

  • Eine Frau mit einem vielleicht 4 Monate altem Baby am Arm und einem Kleinkind am Bein, nähert sich vorsichtig unserem bunten Treiben. Sie steht ca. 20 Minuten nur da und sieht uns scheinbar zu. Ich versuche das Kleinkind, mit Spielsachen von ihr weg zu locken. Es sieht aus als wären ihre Kinder an ihr festgemacht. Mit HAKIMS Hilfe gelingt es uns, den ca. 3 Jahre alten Buben zu beschäftigen. Die Frau setzt sich mit ihrem Baby auf unsere Decken. Ihr Blick geht ins Leere, so sitzt sie dann lange da. Ihr Baby lässt sie nicht aus, hält sich daran fest. Wir sorgen dafür, dass sie bequem sitzt und ihr kleiner Sohn wieder lacht. Ihr Blick ist ausdruckslos und sie lässt ihren Sohn nicht aus den Augen. Später erfahren wir, dass ihr Mann aus einem Boot sprang, um ihr und seinen Kindern Platz zu machen. Er ist verschollen.

Inzwischen haben sich auch Jugendliche zu uns gesellt. Auch sie beginnen zu zeichnen, können, wie es aussieht, nicht schlafen und kommen nicht zur Ruhe. Es entstehen künstlerische Meisterwerke. Viele Ereignisse, Erinnerungen werden zeichnerisch festgehalten. Die Bilder handeln unter anderem von Flugzeugen und Bomben sowie von der Flucht.

HAKIM bringt mir etwas zu Trinken sowie eine Banane. Er meint es wäre wichtig, dass ich genug esse und trinke. Ich gehorche und bin berührt von seiner Fürsorglichkeit. Inzwischen ist es 03.00 Früh, ich verspreche Hakim, wieder da zu sein, noch bevor er aufwacht.

Ich fahre langsam nach Hause und versuche, mich trotz der vielen Tränen auf die Straße zu konzentrieren.

Am nächsten Morgen beeile ich mich, denn ich freue mich schon auf die, mir so schnell vertraut gewordenen, Kindergesichter. Liebevoll werde ich begrüßt und wieder mit vielen Zeichnungen beschenkt.

"THANK YOU AUSTRIA, THANK YOU RED CROSS".

Deutlich nehme ich wahr, dass die Kinder schon mehr Vertrauen gefasst haben. Aber nicht nur die Kinder, am Nachmittag überrascht mich die Mutter mit dem Baby und dem Kleinkind vom Vortag, indem sie einer der jungen Helferinnen ihr Baby anvertraut und Duschen geht. Ein sehr berührender Moment für mich.

Inzwischen sitzen auch schon die Eltern bei uns und zeichnen, knüpfen und erzählen uns aus ihrem Leben:

-  Ein Mann erzählt während er ein Bild ausmalt, von seiner Frau und seinen getöteten Söhnen. Während er arbeiten war wurde sein Haus von Bomben getroffen. Jetzt ist er mit seinen Brüdern unterwegs. 

- Eine junge Frau, freut sich über die lachenden Kinder nimmt mich in den Arm und beginnt bitterlich zu weinen, da sie ihre Kinder in Syrien zurücklassen musste.

- Ein junger Bursch erzählt vom kalten Meer, in dem er 2 Stunden um sein Leben schwamm und wie froh er nun ist, in Sicherheit zu sein.

- Eine Gruppe von Studenten lief, mit ihren Familien, in Ungarn vor der Polizei davon. Ein 11Jähriges Mädchen, welches zu einer der Familien gehörte, war wie versteinert, weinte und blieb stehen. Die Mutter musste sich zwischen ihrer Tochter und den anderen drei kleineren Kindern entscheiden. Mit Hilfe des Roten Kreuzes konnte der Aufenthaltsort des verloren gegangenen Mädchens ausfindig gemacht werden. Nun warten alle darauf, so schnell wie möglich nach Deutschland zu kommen, wo das Mädchen inzwischen auf sie wartet.

Viele dieser Schicksale werden uns anvertraut. Ein „in den Arm nehmen, einfach da sein und zuhören bzw. gemeinsam schweigen“ wird mit vielen ehrlichen Gefühlen belohnt.

 

HAKIM, lächelt breit als er mich entdeckt, und setzt sich mit seinem Frühstück zu mir. Ich nehme ihn in den Arm und halt ihn fest. Er verbringt den Tag immer wieder bei mir, gibt mir seine Jacke zum Aufpassen, dazwischen geht er Fußball spielen: Syrien gegen Afghanistan. Ich bin beeindruckt von dem friedlichen Miteinander in diesen Hallen und der großen Akzeptanz, mit der die Menschen hier einander begegnen.

Viele Schülerinnen und Schüler helfen in der Kinderecke mit. Diese jungen Helfer sind mit Herz und Mitgefühl am Werk. Empathisch bauen sie Brücken zwischen sich und ihren neuen kleinen und großen Freunden. Immer wieder werden sie geherzt und bekommen viele „THANK YOU, THANK YOU RED CROSS, THANK YOU AUSTRIA" zu hören.

Ich schließe nicht nur Freundschaft mit HAKIM und vielen anderen Gästen, sondern auch mit vielen Helfern und ROT KREUZ Mitarbeitern. In diesen Tagen treffe ich immer wieder auf Personen die mich durch ihren Einsatz und mit ihren Geschichten beeindrucken:

- eine ältere Dame die um 03.00 morgens das Messegelände verlässt und dabei auf zwei syrische Familien trifft, die verzweifelt zu einem Bahnhof wollen. Ohne lange zu zögern, packt sie die Familien in ihr Auto und fährt sie zur Grenze. Nach nur zwei Stunden Schlaf steht sie wieder beim Kleidersortieren.

- Lehrer, die den Mut haben, mit ihren Schülern zu kommen um mit anzupacken.

- Helfer, die losfahren und einfach mal so Turnschuhe in Größe 45 kaufen.

- Helfer, die einfach kommen und bleiben.

- Rot Kreuz Mitarbeiter, die trotz Dienstschlusses bleiben, um mit HAKIM Fußball zu spielen.

Menschen, die spüren, dass das was sie machen, sich einfach nur richtig anfühlt.

Zweimal bin ich dabei, als unsere neuen Freunde und Mitmenschen abreisen. Beide Male verlaufen tränenreich. Alle Beteiligten sind gerührt und zeigen das auch. Es wird fotografiert, Facebook-Kontakte werden ausgetauscht sowie Telefonnummern verteilt. "Unsere Kinder" verabschieden sich von uns. Es wird gekuschelt und geknuddelt. Unsere kleinen Gäste werden noch, für die ungewisse Reise, hübsch gemacht.

HAKIM hat den neuen kleinen Lederball und seinen Tennisball gut verstaut und ist bereit für die Abreise. Ich bedanke mich bei ihm, er war mir eine große Hilfe beim Übersetzen und durch seine Anwesenheit. Ich drücke ihn ganz fest, kämpfe mit den Tränen aber reiße mich zusammen. Ich will es ihm nicht schwerer machen. Ich frage nach seinen Eltern, denn ich möchte ihnen zu ihrem großartigen Sohn gratulieren, "NO, NO parents" bekomme ich als Antwort. Ich bin erstaunt und auch irgendwie nicht. Dann erfahre ich, dass auch sie Opfer des Krieges wurden. Sein Vater war Arzt und seine Mutter Krankenschwester. Unmittelbar nach dem Tod seiner Eltern brach er auf. Mit seinem 19 jährigen Bruder, ist er auf dem Weg nach Deutschland zu seinem Cousin. Ich gebe ihm meine Telefonnummer, drücke ihn noch einmal an mich und wünsche diesem charismatischen Burschen: Alles Glück der Welt.

Danke Hakim und an alle Beteiligten für so viel gelebte Menschlichkeit!

Tulln, 25.09.15 - Nicole Hudson 

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