Erlebnisbericht vom Tullner Notquartier

Peter und Conny
Peter
11950382 10153004699382382 8503043593374374472 o

Alles begann am 6. September bei unserem jährlichen Kiddys-Day. Gerade noch mit meinen Töchtern in der Hüpfburg, war um 13.00 Uhr bereits die erste Besprechung bezüglich der zu erwartenden Flüchtlingswelle angesetzt.

Der erste Einsatz -> Zugbegleitung von Nickelsdorf nach Salzburg. Ganz unerwartet kam es für uns nicht, hatten wir doch schon seit Tagen damit gerechnet.

So ging es schon um 15.00 Uhr mit neun weiteren Kolleginnen und Kollegen nach Nickelsdorf. In Nickelsdorf wurden die Flüchtlinge bereits vom Roten Kreuz und unzähligen Freiwilligen versorgt. Hunderte Menschen warteten auf den Weitertransport Richtung Deutschland. Kurz nach 17.00 Uhr ging es dann – mit kurzem Aufenthalt und Zugwechsel in Wien – auch schon Richtung Salzburg. Die erwartete Reisedauer, drei bis vier Stunden. Schon bei der Abfahrt war ich überrascht, wie viele Frauen und Kinder sich auf die lange und gefährliche Reise in ein besseres Leben machten. Wo doch in den Medien ständig nur von allein reisenden, jungen Männern die Rede war.

Unsere Aufgabe im Zug bestand darin, die Akutversorgung von Verletzungen jeglicher Art zu übernehmen- welche uns auch die ganze Fahrt über beschäftigen sollte.

Unterstützt wurden wir tatkräftig von freiwilligen Dolmetschern. Der Zustand der Menschen konnte allgemein mit “Schlecht“ bezeichnet werden. Die Menschen waren krank (fiebrig, verkühlt, grippig) und der totalen Erschöpfung nahe. Kinder schliefen auf den Ausklapptischchen, Mütter zusammengerollt auf den Sitzen und Männer kreuz und quer in den Gängen. Zeitweise war ein Vorwärtskommen nur noch schwer möglich.

Nach ca. 4,5 Stunden – so gegen 23.30 Uhr – kamen wir in Salzburg an. Einige Passagiere mussten vor Ort an die SAN-Trupps des Roten Kreuz Salzburg übergeben werden, welche sich um die weitere medizinische Versorgung kümmerten. Alle Anderen stiegen in einen wartenden Zug Richtung Deutschland um. Schon während der Fahrt, als auch beim Umstieg bedankten sich viele Flüchtlinge für unsere Hilfe. Der Großteil von uns trat noch in dieser Nacht die Rückreise nach Tulln an. Ein Kollege und ich blieben jedoch die Nacht über in Salzburg, um am nächsten Tag mit dem Zug nach Hause zu fahren. Das Rote Kreuz Salzburg hatte uns in dieser Nacht sehr freundlich aufgenommen – vielen Dank dafür!

Am nächsten Tag um 8.15 ging es dann für uns zurück nach Tulln. Wir haben es uns im Zugsabteil gerade ein wenig gemütlich gemacht, als uns um 10.00 plötzlich eine Alarmierung für die RKHE1 (Bezirksführungsstab) erreichte. Alarmierung: Versorgung von bis zu 250 Flüchtlingen in der Feuerwehrschule Tulln, erwartete Eintreffzeit 12 Uhr. Damit war es mit der Ruhe auch schon wieder vorbei. Bereits während der Heimfahrt wurden telefonisch die ersten Vorbereitungen getroffen. In Tulln angekommen, ging es auch sogleich Richtung Feuerwehrschule zu einem ersten Lokalaugenschein um anschließend zur Bezirksstelle zu fahren, den Bezirksstab zu besetzen und alle notwendigen Vorkehrungen zu treffen. In meinen Verantwortungsbereich als S4 des Bezirksrettungsstabes fiel die gesamte Versorgung (medizinisches Material, Lebensmittel, Hygieneartikel, …).

Um 15:00 Uhr war es dann soweit, 250 Flüchtlinge kamen per Bus in Tulln an. Sie wurden bis spät in die Nacht registriert, medizinisch behandelt und mit Nahrungsmitteln versorgt. Am nächsten Tag wurden  alle wieder abgeholt und Richtung Deutschland weiter transportiert.

Doch diese Busse sollten nicht die Letzten sein.

Nach zwei Tagen in der Feuerwehrschule übersiedelten wir mit dem gesamten Material in eine Halle der Messe Tulln. Der logistische Aufwand war enorm- viel Schlaf bekam keiner  in diesen Tagen. Gleichzeitig erhöhten wir die Bettenanzahl auf 450. Auch die Infrastruktur musste entsprechend angepasst werden. Genügend Dusch- und WC-Container mussten aufgestellt und die Lebensmittelversorgung aufgestockt werden. Dank der großartigen Hilfe der RK Feldküche Neulengbach konnten genügend Essensportionen hergestellt werden.

Die nächsten Busse ließen nicht lange auf sich warten. Der Ablauf gestaltet sich jedes mal gleich -> Registrierung, Essen und frische Kleidung ausfassen um dann einen Schlafplatz für sich und seine Familie zu finden. Auch der Zustand der Menschen war immer gleich. Sie waren erschöpft, hungrig, hatten keine sauber Kleidung und schon lange keine medizinische Versorgung erhalten. All dies bekamen sie von uns. Meine RK Kollegen kümmerten sich um die Organisation und die medizinische Versorgung, Ärzte behandelten Verletzungen während unzählige freiwillige Helfer sich um die Essens- und Kleiderausgabe kümmerten. Vorallem die Kinder wurden rührend versorgt, sie bekamen Stofftiere und Süßigkeiten- sogar eine Spielecke wurde eingerichtet. Freiwillige saßen mit den Kindern am Tisch, zeichneten und bastelten mit ihnen – damit sie zumindest für einige Minuten ihr Leid vergessen konnten. Als Vater von zwei Kindern sind mir gerade die Schicksale dieser Kinder sehr nahe gegangen. Selbst jetzt – beim Schreiben dieser Zeilen – merke ich einen dicken Klos in meinem Hals. Die eine oder andere Träne hat sich nicht unterdrücken lassen.

In den darauffolgenden Tagen haben wir das Transitlager immer weiter vergrößert. Am Schluss hatten wir bereits eine zweite Halle bezogen und auf insgesamt 900 Betten erhöht. Trotz dieser großen Anzahl an hilfsbedürftiger Menschen aus unterschiedlicher Kulturen und unterschiedlicher Religionen hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühlt, nicht akzeptiert oder gebraucht zu werden. All unsere Gäste waren zuvorkommend und zutiefst dankbar!

Ein Erlebnis der besonderen Art: Conny und ich feierten am 12.9. unseren 7. Hochzeitstag. Da ich – wie auch die Tage zuvor – im Einsatz war, überreichte ich Conny einen Strauß Rosen direkt am Messegelände. Dies blieb nicht ganz unbeobachtet und schon wurden wir gefragt was wir denn zu feiern hätten. Als wir sagten, dass es sich um unseren Hochzeitstag handelte, wurden wir  von allen Seiten mit Glückwünschen überhäuft. Zu unseren Ehren wurde sogar ein Tanz aufgeführt und gesungen. Es war ein unvergessliches Erlebnis. Trotz der Strapazen und des Leides  – welches diese Menschen erleiden mussten – freuten sie sich mit uns obwohl sie uns gerade erst kennen gelernt hatten. Conny’s Rosenstrauß hat es allerdings nicht bis nach Hause geschafft. Sie war sofort von kleinen Mädchen umringt, welche unbedingt eine Rose haben wollten. Conny hat diese mit Freude an die Kinder verteilt. Selbst bei der Abreise am nächsten Tag wurde mir noch gratuliert.

Zum Schluss möchte ich mich bei all meinen Kolleginnen und Kollegen, Ärzten sowie bei allen freiwilligen Helfern, Freunden und all unseren Partnern (Firmen sowie Privatpersonen) ganz herzlich für diese tolle Leistung bzw. ihre Hilfe bedanken. Wir haben in dieser Zeit etwas ganz Großartiges geleistet!

Ein ganz großes Dankeschön gilt auch meiner Familie – meiner Frau Conny, meinen beiden Töchtern Aileen und Stella – welche mich all die Tage unterstützt und mir Kraft gegeben haben.

„Aus Liebe zum Menschen“

Tulln, 24.09.15 – Peter Raderer

socialshareprivacy info icon