Rainer's Erfahrungen in der NÖ Landesfeuerwehrschule

Boxen

Eigentlich ein normaler Sonntagmorgen. Länger schlafen und faul in den Fernseher gucken. Bis das Handy vibriert und eine Alarmierung der Bezirksstelle eingeht, in der Helfer für die Feuerwehrschule Tulln gesucht werden, in der gegen Mittag etwa 250 Flüchtlinge erwartet werden. Eine knappe Stunde später hatten sich bereits einige Mitarbeiter auf der Dienstelle eingefunden, welche auf Fahrzeuge zugeteilt und in die Feuerwehrschule gebracht wurden. Vor Ort begann dann der Aufbau einer Sanitätshilfestelle, in der ankommende Flüchtlinge registriert, verpflegt und versorgt werden konnten. Die Vorbereitungen waren rasch getroffen und notwendiges Material an Ort und Stelle. Nach und nach kamen weitere Helfer aus anderen Ortsstellen hinzu, um bei der Versorgung mitzuhelfen. Auch aus der Zivilbevölkerung hatten sich zwei Ärzte, eine Krankenschwester sowie mehrere Dolmetscher entschlossen, das Rote Kreuz bei dieser Aktion zu unterstützten. Gut gerüstet warteten wir also auf weitere Informationen und Anweisungen. Nach Angaben des Einsatzleiters wurden bisher nicht-registrierte, nicht medizinisch versorgte Flüchtlinge von der ungarischen Grenze erwartet. Wir wussten jedoch nicht wann, und vor allem wie viele Menschen eintreffen werden. Kollegen, die am Vorabend noch hunderte Flüchtlinge in Zügen von Wien nach München begleiteten, berichteten von teilweise schweren Verletzungen und Erkrankungen, weshalb sich ein eigenartiges Gefühl der Anspannung untern den Helfern entwickelte. Einige Zeit später rief der Einsatzleiter alle Mitarbeiter auf, ihre Positionen einzunehmen: es geht los. Gespannt und wie versteinert standen wir in einer Reihe und beobachteten drei Busse, die sich langsam der vorbereiteten Ausstiegsstelle näherten. Als sich die Türen aufschoben, betraten die ersten Flüchtlinge sicheren, österreichischen Boden und näherten sich müde und erschöpft unserem Lager. Wenige Minuten später war die Feuerwehrhalle gefüllt und alle Reisenden nahmen an den vorbereiteten Tischen Platz. Und dann begann unsere Arbeit. Für viele Ankommende war der erste Weg zur Feldküche, die bereits warmes Essen ausgab. Für andere führte der erste Weg zur Toilette, die jedoch am Weg zu den Schlafhallen aufgestellt wurden, weshalb wir die Flüchtlinge dorthin begleiten mussten. Auf dem Weg dorthin lernte ich die ersten Flüchtlinge kennen. Einer unter Ihnen sprach sogar etwas Deutsch, einige andere sprachen Englisch und für alle übrigen erfolgte die Verständigung mit Händen und Füßen. Einer von ihnen trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: besser Korn im Blut als Stroh im Kopf. Ich war von dem Anblick leicht amüsiert, woraufhin der junge Mann zu mir kam und sich bei mir vorstellte. Er hieß Ahmed und kam aus Syrien. Ich nannte ihm meinen Namen und erklärte ihm auf englisch was der Spruch auf seinem Shirt bedeutet, woraufhin er ebenfalls schmunzeln musste. Danach führte ihn sein Weg weiter zurück in die Ankunftshalle, wo bereits eine lange Schlange darauf wartete, von den Helferinnen und Dolmetschern registriert zu werden. Als ich meine Arbeit in der Versorgungsstelle beginnen wollte, begegnete ich einer Helferin, die ein weinendes Baby am Arm hielt, dessen Mutter offenbar abhanden gekommen sein musste. Dies stimmte mich etwas nachdenklich, jedoch begann ich die ersten Patienten zu versorgen. Zu diesem Zeitpunkt konnten wir schon von Glück sprechen, dass keine schwerwiegenden Verletzungen unter ihnen waren. Manche mussten zur ambulanten Versorgung und Abklärung ins Krankenhaus Tulln gebracht werden. Die meisten Menschen jedoch litten unter Husten, sowie grippalen Infekten und Entzündungen. Spuren einer Wochen und zum Teil Monate lang andauernden Flucht und der einsetzenden Kälte in den europäischen Spätsommernächten.

Nach einiger Zeit war unter den Menschen eine gewisse Unsicherheit und Unruhe zu beobachten und ich wurde von mehreren Flüchtlingen gefragt, wo sie hier seien, warum sie hier seien und wie lange sie hier bleiben würden. Die Meisten von ihnen waren auf dem Weg nach Deutschland und waren ob des unerwarteten Zwischenstopps irritiert. Ich erklärte Ihnen, dass Sie in Österreich sicher sind, und sie hier einige Tage versorgt werden und schlafen können, bevor die Reise weitergeht. Danach war eine sichtliche Erleichterung und Zufriedenheit zu erkennen. Per Megafon haben auch die Dolmetscher in der Zwischenzeit diese Botschaft an alle Ankommenden übermittelt, wonach sich die Lage sichtlich entspannte und ordnete. Zu einem späteren Zeitpunkt begegnete ich in der Versorgungsstelle wider dem kleinen Baby, dieses Mal jedoch in den Armen ihrer Mutter, die mich verzweifelt nach Milch für ihr Kind fragte. Da in anderen Lagern bei einigen Flüchtlingen bereits Intoleranz-Reaktionen auf Milch beobachtet wurden, war uns die Ausgabe von Milchprodukten untersagt und so musste ich die Mutter mit einem Gläschen Babynahrung vertrösten. In einer ruhigen Minute machte ich einen Rundgang im Lager und beobachtete das Treiben und ließ die Situation auf mich wirken. Die Registrierung nahm ihren geordneten Ablauf, Menschen saßen an den Tischen und aßen. Die meisten allerdings waren bereits in den Schlafräumen und versuchten sich auf den Feldbetten, bis zur Nase zugedeckt, etwas von der langen Reise zu erholen. Aus der Bevölkerung erreichten uns weitere Helfer und vor allem unzählige Kleiderspenden, sodass kurzerhand eine Kleiderausgabe improvisiert wurde. Zwei Asylwerber, ehemalige Flüchtlinge, die seit kurzem an der Bezirksstelle Tulln leben, engagierten sich tatkräftig und brachten Ordnung in die Berge an Kleidung sowie die Trauben an Menschen, die sich darum versammelten. Auf der anderen Seite des Innenhofs begann derweil ein kollektives Ballspiel unter den jüngeren Reisenden. Es machte den Anschein, als hätten sich alle Wege und Abläufe im Lager unter den Flüchtlingen herumgesprochen und so begann sich ein entspanntes, menschliches Treiben einzustellen. Bis Einbruch der Dunkelheit entwickelte sich die Kleiderausgabe zu einem wahren Hotspot, der nach und nach durch zahlreiche Sachspenden angesichts der kurzen Zeit ein unglaubliches Ausmaß annahm. Wie auf einem Markt wurde die Kleidung nach Art, Geschlecht und Größe sortiert und zur freien Entnahme vorbereitet. Da es bereits dunkel wurde und die Wetterlage unsicher war, wurden Beleuchtungen sowie ein Zelt organisiert um die Kleiderausgabe bis in die Nachtstunden weiter zu ermöglichen und die Berge an Kleidung vor Regen zu schützen. Immer wieder kamen Frauen, Kinder und junge Männer auf unseren „Bazar“ und erfreuten sich über frische, warme Kleidung und Schuhe, da zu dieser Zeit nachts bereits kühlere Temperaturen herrschten. Ich beobachtete noch ein letztes Mal das Leben im Lager bevor ich mich gegen 22:00 selbst in Richtung Zuhause aufmachte.

 

Obwohl ich nun seit bereits sieben Jahren Mitglied im Roten Kreuz bin, hat dieser Tag bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen und das freiwillige Engagement und die vielseitige Arbeit des Roten Kreuz bestätigt. Für mich war dieser Einsatz eine Möglichkeit, weniger schnelles Handeln in Notfällen als vielmehr Menschlichkeit, Mitgefühl und Weltoffenheit zu zeigen und zu leben.

Mein Dank und mein Respekt gilt auch den Menschen aus der Bevölkerung, die wie selbstverständlich an diesem Sonntagnachmittag ihr Hab und Gut mit Menschen teilten, die es notwendiger brauchten und das spendeten, was für uns ohnehin oft nur Ballast ist.

Ich bin froh, dass es unter den vielen Hasspredigern „da draußen“ doch noch richtige Menschen gibt, und wünsche jedem dieser „Hetzer“, zumindest für einen Tag, das Gesicht hinter dem „Flüchtling“ kennen zu lernen.

Tulln, 29.09.15 - Rainer Taurok

 

 

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